HORST SCHULTE

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Treue und Dankbarkeit

HorstHorst

In die­sem Jahr sind Irm­gard und ich 40 Jah­re ver­hei­ra­tet. Die aus die­sem Anlass geplan­te Schiffs­rei­se wer­den wir ver­schie­ben. Zeit genug hät­ten wir. Aber es gibt ande­re Prio­ri­tä­ten.

Vor kur­zem waren wir zum 60. Geburts­tag eines mei­ner ältes­ten Freun­de ein­ge­la­den. Er wohnt in Köln, also nicht weit weg von uns. Trotz­dem sehen wir uns manch­mal jah­re­lang nicht. Das tut kei­nen Abbruch.

Für sei­ne Gäs­te hielt er klei­ne Anspra­che. Er sprach von gro­ßer Dank­bar­keit, die er für sein in man­cher­lei Hin­sicht pri­vi­le­gier­tes Leben emp­fin­de. Das hat mich berührt. Wahr­schein­lich des­halb, weil ich das von ihm nicht erwar­tet habe. Aller­dings wohl auch des­halb, weil mei­ne Frau und ich eben­falls gro­ße Dank­bar­keit emp­fin­den, wenn wir auf unser Leben und auf unse­re Kind­heit zurück­bli­cken.

Mei­ne Eltern hat­ten zeit ihres Lebens einen gro­ßen Freun­des- und Bekann­ten­kreis. Mama hat mir nicht nur ein­mal ein­dring­lich emp­foh­len,  auf mei­ne Freun­de zu ach­ten, unse­re Freund­schaf­ten zu pfle­gen.

Ich weiß heu­te, dass das Leben trot­zi­ge Ereig­nis­se bereit­hält, die das nicht ganz so ein­fach machen wie es den Anschein hat. Die Grün­de dafür kön­nen viel­fäl­ti­ger Natur sein. Und wenn es die eige­ne Bequem­lich­keit ist.

Von ande­ren Hin­der­nis­sen haben wir früh in unse­rer Ehe erfah­ren, als sich ein mit uns eng befreun­de­tes Ehe­paar nach weni­gen Jah­ren Ehe wie­der schei­den ließ. Ich bin kein Mora­list und auch nicht jemand, der den kirch­li­chen Gebo­ten um die Unauf­lös­lich­keit der Ehe viel Bedeu­tung bei­mes­sen wür­de. Irm­gard und ich beka­men aus nächs­ter Nähe mit, wie schlimm es ist, wenn der Mensch, den man liebt, sich plötz­lich von einem abwen­det.

Viel­leicht war es die Ent­täu­schung über das Ver­hal­ten mei­nes Freun­des. Ich ken­ne ihn von Kind an. Wir haben für lan­ge Zeit unse­ren engen Kon­takt ver­lo­ren. Im Lauf der Jah­re ergab es sich, dass ich bei einer erneu­ten Hoch­zeit mei­nes Freun­des Trau­zeu­ge war. Lei­der wur­de auch die­se Ehe nach kur­zer Zeit geschie­den.

Wir sind Freun­de geblie­ben. Wenn wir uns nach län­ge­rer Zeit wie­der­se­hen stellt sich eine Ver­traut­heit ein, die ich für außer­ge­wöhn­lich hal­te. Ihm geht es nicht anders.

Bezie­hun­gen schei­tern und das lei­der nicht sel­ten. Ist man mit bei­den Ehe­part­nern freund­schaft­lich ver­bun­den, kann das dazu füh­ren, dass die Kon­tak­te zumin­dest zu einem der Part­ner abbre­chen. Man ent­frem­det sich, obwohl man das durch­aus nicht gewollt hat.

4 gute Freun­de sind nicht viel. Aber gute Freun­de fin­det man eben auch nicht so leicht. Und man kann sie leicht ver­lie­ren. Einer ist ver­stor­ben, drei haben sich von ihren Part­nern getrennt und leben heu­te nicht mehr in unse­rer Nähe. Da wird es ein­sam um einen her­um. Also doch zu wenig Freund­schaf­ten gepflegt? Ich glau­be, das kann man so nicht sagen. Das Leben ist Ver­än­de­rung, auch wenn es in unse­rem Fall über lan­ge Zeit danach aus­sah, als ver­än­de­re die Zeit nur die ande­ren. Wir haben unse­re Eltern und Ver­wand­ten lan­ge gehabt. Das ist etwas Wert­vol­les, das wir oft nicht so zu schät­zen wis­sen, wie es sein soll­te.

Jeder defi­niert Begrif­fe wie Freund­schaft ein wenig anders. Ich ken­ne Men­schen, die sehr genau unter­schei­den zwi­schen Freun­den, Arbeits­kol­le­gen und Bekann­ten. Das mache ich, bis auf ganz weni­ge Aus­nah­men, auch so. Im Gegen­satz zu mir trifft mei­ne Frau bis heu­te ihre «alten» Arbeits­kol­le­gen.

Der Mensch ist ein Gewohn­heits­tier (sag­te mein Vater gern)

Unse­rem Fri­seur hal­ten wir bei­de gemein­sam seit 40 Jah­ren die Treue. Es gab, mei­ne ich, in einem der Tei­le von «Der Pate» eine Sze­ne, in der Don Cor­leo­ne mit sei­nem Fri­seur nach Jahr­zehn­ten ein erns­tes Gespräch führ­te. Für ver­gleich­ba­re Bean­stan­dun­gen hat­ten weder mei­ne Frau noch ich bis­her Anlass. 😆

Wenn wir unse­re (zahl­rei­chen) Onkel und Tan­ten, die lei­der inzwi­schen fast alle ver­stor­ben sind, besuch­ten, fiel mir auf, dass eini­ge sich offen­sicht­lich von ihren alten Möbeln, Fern­se­hern und Musik­an­la­gen — manch­mal sogar ihren Tape­ten — nicht recht tren­nen moch­ten. Ich habe mir das damit erklärt, dass sie halt einer ande­ren Gene­ra­ti­on ent­stamm­ten oder manch­mal auch damit, dass sie alt waren.

Da war man, wie ich anzu­neh­men bereit war, einen Tick spar­sa­mer als heu­te. Sie leben ein ande­res Leben als ihre Kin­der, Nich­ten und Nef­fen, die fast alle das «bes­se­re Leben» füh­ren, das sich ihre Eltern für sie gewünscht hat­ten.

Wenn ich mich heu­te in unse­rer Woh­nung umschaue, fal­len mir zwei Gegen­stän­de ins Auge, die Irm­gard und ich gleich zum Anfang unse­rer Ehe gekauft haben.

Es ist das Bild, das ich hier als Titel­bild ver­wen­de und die­se so genann­te Sägeuhr. Sie funk­tio­niert zwar nicht mehr (rich­tig). Aber sie noch ein­mal repa­rie­ren zu las­sen schei­tert dar­an, dass es nicht ganz ein­fach ist, einen guten Uhr­ma­cher zu fin­den, der sol­che Auf­trä­ge annimmt.

Sägeuhr

Sägeuhr

Es wür­den sich bestimmt noch wei­te­re Sachen fin­den. Ich den­ke da auch an alte Haus­halts­ge­rä­te, die wir damals zur Hoch­zeit geschenkt beka­men, die wir so gut wie nie benutzt haben und die trotz­dem immer noch da sind. Mei­ne Schwie­ger­mut­ter (91) erzähl­te ges­tern davon, dass sie immer noch ein Bild im Kopf hät­te. Onkel K. aus D. brach­te ein Bügel­brett mit, das er uns am Pol­ter­abend zur Hoch­zeit schenk­te. Wahr­schein­lich erin­ne­re ich mich des­halb dar­an, weil sie immer mal wie­der davon erzählt, wenn wir über die­se Zeit spre­chen. Das Bügel­brett war übri­gens eines der Mar­ke «Leif­heit». Das Unter­neh­men, für das ich Jahr­zehn­te spä­ter 18 Jah­re lang gear­bei­tet habe. Die­ses Teil wird immer noch benutzt. Unglaub­lich, nicht?

Außer­dem gibt es noch etwas, das wir seit 40 Jah­ren nut­zen. Und zwar täg­lich, außer sonn­tags. Es ist der Köl­ner Stadt-Anzei­ger, den wir in die­sem Jahr seit 40 Jah­ren abon­niert haben. Frü­her haben wir uns die Zei­tung sogar per Nach­sen­de­auf­trag in den Urlaub schi­cken las­sen. Hat immer geklappt. Aber das ist heu­te nicht mehr nötig. Wäh­rend unse­res Urlaubs geht er statt­des­sen ins Alten­heim um die Ecke.

Irm­gard und ich fei­ern unse­ren 40. Hoch­zeits­tag zwei­mal. Das ist nix beson­ders, weil wir jeden Hoch­zeits­tag zwei­mal fei­ern. Wir haben im Juni stan­des­amt­lich gehei­ra­tet und im Okto­ber kirch­lich. Wir haben damals stan­des­amt­lich vor­ab gehei­ra­tet, weil wir ansons­ten unse­re Woh­nung nicht hät­ten bezie­hen kön­nen. Da gab es bei Woh­nungs­ge­sell­schaf­ten damals noch stren­ge Richt­li­ni­en. Hier auf dem Land jeden­falls :-/

Das Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Da habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin 63 Jahre alt und lebe zusammen mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter in einem kleinen Ort, nicht weit von Köln entfernt.

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2 Kommentare auf "Treue und Dankbarkeit"

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ClaudiaBerlin
Gast
Mit Ende 20 hat es mich rich­tig geschockt hat, in was braun ver­gilb­ten uralten Tape­ten alte Leu­te wohn­ten, die ich als Mie­ter­be­ra­te­rin auf­such­te. Jetzt weiß ich, wie sich sowas ent­wi­ckelt: Je älter man wird, des­to weni­ger mach­bar wird die in jun­gen Jah­ren übli­che Do-it-yours­elf-Reno­vie­rung. Nicht nur der Mega-Auf­wand schreckt, son­dern auch die Anstren­gung, die Unfall­ge­fahr… auf der Lei­ter über Kopf eine Alt­bau­de­cke strei­chen — wer traut sich das denn wie lan­ge? Machen las­sen kos­tet wie­der­um ganz schön viel Geld, schmä­lert den Auf­wand des Rum­räu­mens aber kaum. Hin­zu kom­men frem­de Hand­wer­ker in der Woh­nung, auf die man ach­ten muss… kurz­um: fürs… Read more »
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