HORST SCHULTE

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Ich bin traurig, weil mein Lieblingsrestaurant geschlossen wird

HorstHorst

Die Fami­lie wuss­te, dass die Söh­ne den in der vier­ten Gene­ra­ti­on geführ­ten Hotel-Restau­rant-Betrieb nicht wei­ter­füh­ren wür­den. Das jet­zi­ge Inha­ber-Ehe­paar ist über die übli­che Alter­gren­ze längst hin­weg. Bei­de haben sich die Ren­te mehr als ver­dient.

Ges­tern lasen wir in unse­rem Regio­nal­heft­chen, dass der Betrieb Mit­te Mai geschlos­sen wird.

Ich griff gleich zum Tele­fon­hö­rer, um mei­ne Mut­ter zu infor­mie­ren. Die wuss­te es auch schon, denn gleich nach der Begrü­ßung sag­te sie: «Hast du schon gehört, dass…» Ja, lei­der… Mei­ne Schwes­ter wuss­te es eben­falls schon. Alle zeig­ten sich betrof­fen.

Mein Vater war in einem Haus gegen­über dem Restau­rant gebo­ren und auf­ge­wach­sen. Er war mit dem Vater des heu­ti­gen Inha­bers eng befreun­det. Mei­ne Fami­lie väter­li­cher­seits hat dort so gut wie alle Fest gefei­ert — ob Geburts­ta­ge, Jubi­lä­en, Todes­fäl­le oder Hoch­zei­ten und Tauf­fei­ern.

Mei­ne Frau und ich haben dort unse­re Hoch­zeit gefei­ert und mei­nen 50. Geburts­tag. Es gibt nur schö­ne Erin­ne­run­gen.

Ende der 60er Jah­re habe ich mich nach dem Ste­no­gra­fie-Kurs dort eini­ge Male mit mei­nem Vater getrof­fen. So muss­te ich mei­nen lan­gen dunk­len Nach­hau­se­weg nicht allein mit dem Rad zurück­le­gen. Mein Vater hat­te auf die­se Art einen klei­nen Vor­wand, um dort ein paar Kölsch zu trin­ken. Essen hat­te damals für mich noch nicht die Bedeu­tung wie in spä­te­ren Jah­ren. Aber wäh­rend die­ser Aben­de bestell­te mein Vater mir ein Schnit­zel mit Pom­mes. Für mich war das damals etwas beson­de­res, denn in die­ser Zeit gab es bei uns zu Hau­se sel­ten Fleisch und schon gar kei­ne Pom­mes. Das hat­te in ers­ter Linie damit zu tun, dass wir für die­sen Luxus kein Geld hat­ten. Mei­nen Vater hin­dert das aber nicht dar­an, mir an die­sen Aben­den die­se Freu­de zu machen. Denn ein gro­ßes panier­tes Schwei­ne-Schnit­zel mit Pom­mes war mir eine sehr gro­ße Freu­de.

Mei­ne Eltern besuch­ten in die­sen Jah­ren für zwei Wochen einen alten Freund in die dama­li­ge DDR — was eine abso­lu­te Aus­nah­me war.  Mein Vater war seit der rus­si­schen Kriegs­ge­fan­gen­schaft, also über vie­le Jahr­zehn­te, mit dem Mann befreun­det. Er leb­te mit sei­ner Fami­lie nahe bei Dres­den. Die freund­schaft­li­che Bezie­hung wur­de per Brief­wech­sel über all die Jah­re auf­recht­erhal­ten. Sei­ne Ehe­frau hat uns, weil sie auf­grund eines gesund­heit­li­chen Pro­blems vor­ge­zo­gen in Ren­te gehen konn­te, besucht und die­ses war nun der Gegen­be­such mei­ner Eltern in Frei­berg.

Wäh­rend die­ser zwei Wochen muss­te ich «essens­tech­nisch» ver­sorgt wer­den. Ich mach­te damals in einem orts­an­säs­si­gen gro­ßen Unter­neh­men, das lei­der 1980 nach über 70 Jah­ren in Kon­kurs ging, eine Leh­re. Wäh­rend der Mit­tags­pau­se, die eine Stun­de lang dau­er­te, fuhr ich schnell in besag­tes Restau­rant. Bis heu­te gibt es dort wochen­tags einen ver­bil­lig­ten Mit­tags­tisch. Das habe ich damals ande­ren Alter­na­ti­ven vor­ge­zo­gen. Schließ­lich hät­te ich auch bei einer mei­ner vie­len Tan­ten zum Mit­tag­essen sicher etwas abbe­kom­men.

Ihr könnt an die­sen paar Geschich­ten sehen, dass die Bezie­hung zu die­sem Restau­rant schon eng war. Dabei gibt es in unse­rem Städt­chen durch­aus ande­re Restau­rants und Loka­le — auch damals schon.

Mei­ne Ver­mu­tung kann ich nicht bele­gen. Aber ich glau­be, dass sich für die­ses belieb­te Restau­rant mit der Ein­füh­rung des Euro Ele­men­ta­res ver­än­dert hat. Wir selbst und auch vie­le Bekann­te und Freun­de gin­gen mit einem Mal auf­grund der stark gestie­ge­nen Prei­se viel weni­ger aus­wärts essen als vor­her. Frü­her waren wir ein-/zweimal, manch­mal auf häu­fi­ger, im Monat in Loka­len zum Essen. Das hat sich gra­vie­rend ver­än­dert. Ich den­ke, dass das nicht nur bei uns der Fall gewe­sen ist.

So müs­sen wir uns also damit abfin­den, dass unser Lieb­lings­re­stau­rant geschlos­sen wird. Ich hör­te, dass weder eine Ver­pach­tung des Objekts noch der Ver­kauf erfolg­reich ver­lau­fen sind. Unge­ach­tet des­sen, was das für die Eigen­tü­mer hei­ßen mag. Für uns wird es im schlimms­ten Fall dazu kom­men, dass wir an einem lee­ren Gebäu­de vor­bei­fah­ren und uns nur die Erin­ne­rung an alte und schö­ne Zei­ten in die­sem Restau­rant blei­ben wird.

Das Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Da habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin 63 Jahre alt und lebe zusammen mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter in einem kleinen Ort, nicht weit von Köln entfernt.

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