Du befindest dich hier: Köppel

Menschliche Abgründe


 •   2 Min. Lesezeit 13

Leute, deren Asylverfahren rechtsgültig abgeschlossen sind und die kein Bleiberecht besitzen, sollen abgeschoben werden. Das ist nach alldem, was vorgefallen ist, Allgemeingut.

Wenn ich bei Pro Asyl und anderen NGOs etwas darüber lese, was dieser Vorgang für die betroffenen Menschen mit sich bringt, kommen mir Zweifel an diesen Prinzipien. Zweifel an der Recht- und Sinnhaftigkeit sind es nicht, die mich in dieser Beziehung beschäftigen. Eher geht es darum, welche Auswirkungen die Verfahren für die betroffenen Menschen haben. Die, die das wissen wollen, die die entsprechenden Berichte in Zeitungen oder im TV mit offenen Augen verfolgen, werden die Lage, das Leiden dieser Menschen nachempfinden und ihre eigene Haltung dazu entwickelt haben. Und es wird ihnen egal sein, wenn sie dafür als Gutmenschen diffamiert werden. Aber die Mehrheit in Deutschland ist wie sie ist. Für Mitmenschlichkeit ist es eng geworden.


In der Nacht klingelt es an der Wohnungstür. Eine Gruppe von Polizisten, teils in Uniform, teils in Zivil informiert den Familienvater, dass die Abschiebung aus Deutschland jetzt vollzogen werde. Die älteste Tochter wendet sich entsetzt an ihren Vater: »Das können die doch nicht machen«. »Doch, können die«, antwortet dieser.

Die verängstigte Familie packt in aller Eile einige Sachen zusammen und wird von einem uniformierten Beamten darauf hingewiesen, dass ein Gepäckstück mehr als 20 kg schwer sei. Es müsse etwas ausgepackt werden. Wenn ich den Gesichtsausdruck richtig erkannt und gedeutet habe, hat es dem Polizisten Spaß gemacht, die Leute damit zusätzlich unter Druck zu setzen.

Lange hat mich ein Fernsehfilm nicht mehr so gefesselt wie »Toter Winkel« von Hans W. Geißendörfer.

Die bereits erwähnte älteste Tochter der Familie entkam den Polizisten und suchte Unterschlupf bei einem Klassenkameraden. Während ihrer Flucht wurde ein Verfolger von einem LKW überfahren.

Am nächsten Morgen beginnt die Geschichte mit dem Blick auf ein kleinstädtisches Idyll. Es spricht sich schnell herum, dass der Sohn eines örtlichen Geschäftsmannes bei einem Verkehrsunfall durch einen LKW getötet wurde. Die Frage danach, was der Mann nachts zu Fuß auf dieser Landstraße zu suchen hatte, löste beim Zuschauer unmittelbar einen bösen Verdacht aus.

Mein erster Gedanke war, dass die Polizisten sich für ihre nächtliche Abschiebe – Aktion einige befreundete Zivilisten zur Unterstützung mitgenommen hätten… Nun ja.

Nachdem die ständigen Versuche der ältesten Tochter der kosovarischen Familie telefonischen Kontakt mit ihren Eltern aufzunehmen bis auf wenige und verdächtige Textnachrichten gescheitert waren, kam in mir der schreckliche Verdacht auf, der sich im weiteren Verlauf des Films zur mörderischen Gewissheit entwickelte.

Die tragische Familiengeschichte, die den Mittelpunkt dieser Geschichte bildete, hat mich schon auch in Atem gehalten. Aber die monströsen menschlichen Abgründe, die sich im Film zeigten, haben mich viel stärker bewegt.

Die Fiktion war erschreckend. Meine Frau fragte, ob potenzielle Täter durch solche Filme nicht erst zu solchen Taten »inspiriert« würden. Wer kann das ausschließen?Die Taten des NSU haben gezeigt, dass Monster existieren, die aus kruden Überzeugungen heraus Dinge tun, die sich die wenigsten von uns überhaupt vorstellen können.

Die Provinznazis (alles gute Jungs) im Film haben eine komplette Familie ausgelöscht. Nachdem durch den Vater (Herbert Knaup – gut wie nie) eines Mittäters die monströse Tat aufgedeckt wurde, war die Gruppe entschlossen, auch das noch lebende letzte Mitglied der unglücklichen Familie in ihrem Naziwahns zu töten. Man wollte ja nicht mehr nur reden, sondern endlich etwas tun.

Möchtest du mir zu diesem Artikel eine Mail schreiben? Nur zu.