Wenn man Gefühle instrumentalisiert

Der Spiegel berichtet über einen sterbenden Eisbären – mit Video. Das Tier ist in einem erbärmlichen Zustand. Das ist herzzerreißend. Und das ist der Grund, weshalb die Medien sich auf solche Geschichten stürzen. Ich sage: der Informationsgehalt ist es jedenfalls nicht!

Ich halte das für verstörend und – je mehr ich darüber nachdenke – für ziemlich abstoßend.

Die Story geht wirklich ans Herz. Aber woher weiß der Fotograf, der die Situation beobachtet hat, dass der Bär verhungert und nicht an einer Krankheit leidet, die ihm so zusetzt? Ich kann nicht sagen, was der Grund für den Zustand dieses Eisbären ist.

Auf mich wirkt es manipulativ, wenn der möglicherweise bevorstehende Tod eines Tieres dafür verwendet wird, politisch in der Diskussion über den Klimawandel einen Punkt zu machen.

Die Erkenntnis, dass Tiere und Kinder tolle Mittler für verschiedenste Botschaften sind, stammt wohl aus der Werbewirtschaft. Aber sie ist längst von einem breiten Publikum als Allgemeingut verinnerlicht.

Mit Tieren und Kindern lassen sich Emotionen erzeugen, die für Aktionen eingesetzt werden, die einer guten Sache dienen. Zweifel daran sind unerwünscht. Ja! Solche Videos lassen uns nicht kalt. Menschen reagieren auf diese Bilder mit Empathie und viele mit Hilfsbereitschaft.

Quellenkritik ist aber auch in solchen Fällen angebracht, sie sollte  in unseren Zeiten in meinen Augen grundsätzlich, also immer, stattfinden.

Diese Woche gab es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gleich mehrere Weihnachtssendungen mit karitativem Touch. Dabei wurde zum Beispiel eine Mutter mit ihren Kindern auf einem Stück Erde in Kenia gezeigt, die bis zum Horizont erodiert schien.

Wir wissen seit langem, dass Ost-Afrika unter einer schweren Dürre leidet. Deshalb brauchen die Menschen dort unsere Hilfe. Welche Implikationen vielen dabei in den Sinn kommen, liegt auf der Hand. Am Ende sind auch diese Spenden ein Beitrag dazu, die Lage dort zu stabilisieren und dass sich von dort möglichst keine Flüchtlinge nach Europa in Bewegung setzen.

Ich kritisiere nicht, dass über die Lage berichtet wird. Auch nicht den Wunsch, möglichst viele Spender aufzutreiben. Aber es ärgert mich, wenn in solchen Sendungen so offensichtlich auf die Tränendrüse gedrückt wird.

Da helfen bei vielen vielleicht jetzt schon die schönsten Weihnachtslieder nicht weiter. Aber zum Glück denken die meisten Zuschauer*innen anders darüber. Die Rekordwerte bei den Spendenaktionen sprechen jedenfalls dafür.

Statistik: Spenden sie Geld für wohltätige, kulturelle oder sonstige Zwecke? | Statista
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Irgendwann könnte der Punkt erreicht sein, an dem die Menschen das Überbietungen von dokumentiertem menschlichen Leid nicht mehr ertragen können. Ihre Reaktion könnte zu rückläufigen Spenden führen.

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About the Author

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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