Der gefährliche Stuhl

Meine Schwiegermutter (94) war während des Krieges in Stellung. So nannte man das wohl früher (sic?), wenn eine junge Frau als Haushaltshilfe arbeitete.

Die Familie wohnte damals mitten im Ortskern von Glesch. Der Arbeitgeber war in Bedburg ansässig. Die Wegstrecke legte meine Schwiegermutter täglich zu Fuß zurück. An sieben Tagen in der Woche. Ein Fahrrad stand ihr nicht zur Verfügung.

Zu den Aufgaben meiner Schwiegermutter gehörte es, die aufgrund zahlreicher Bomberangriffe obligatorischen Verdunklungsvorhänge auf- und wieder abzunehmen. Eine Trittleiter, wie sie heutzutage in jedem Haushalt üblich ist, stand nicht zur Verfügung.

Stattdessen wurde ein Stuhl benutzt. Jeder weiß, dass im Haushalt die meisten Unfälle passieren und vielleicht war das damals schon genauso.

Eines Tages passierte das wohl Unvermeidliche. Sie machte einen falschen Schritt und rutschte vom Stuhl ab. Nach dem ersten Schreck stellte sie fest, dass das Bein zwar höllisch weh hat, aber scheinbar nichts gebrochen war.

Sie wurde nach Hause geschickt. Zu Fuß! Vielleicht gab es im kleinen Bedburg noch keine Taxen, oder man konnte sich noch keines leisten. Busverbindungen waren vermutlich rar und die Bahn lag am anderen Ende des Städtchens.

Sie ging, wie immer, zu Fuß. Mit dem schmerzenden Bein. Die kürzeste Strecke nach Glesch führte durch die Bergheimer Straße in Bedburg.

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Noch ziemlich am Anfang der Bergheimer Straße traf sie auf eine Gruppe von Arbeitern. Jetzt passierte etwas, von dem ich nicht annehme, dass so etwas auch heute noch vorkommt. Einer der Arbeiter lieh meiner Schwiegermutter kurzerhand sein Fahrrad. „Ich hole es heute Abend bei Ihnen ab“, sagte er. Sie gab ihm ihre Adresse und konnte aufgrund dieser schönen, mitfühlenden Handlung des Mannes, den Rest des weiten Weges mit weniger Schmerzen auf dem vergleichsweise bequemen Fahrradsattel zurücklegen.

Im Ort waren Soldaten einquartiert. Darunter befand sich ein Sanitäter. Diesen rief die Familie herbei. Das Bein war wirklich nicht gebrochen. Der Sanitäter, der einige Semester Medizin studiert hatte und sein Studium wegen des Krieges unterbrechen musste, versorgte ihr Bein. Es war bald wieder voll funktionsfähig.





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