Alles übertrieben

Ehrlich! Ich bin ein großer Satire- und Kabarettfan, gehöre aber andererseits nicht zu denen, die Hagen Rether auf seine eine gekonnt provokante Art so beschrieben hat: „Sie gehören auch zu denen, die Ihre Eintrittskarte aufheben, um anhand dieser später beweisen zu können, Mitglied des Widerstandes gewesen zu sein“. 


Ich kriege immer mehr das Gefühl, dass jeder Halbsatz eines Politikerinterviews in den betreffenden Redaktionen genauestens auf sein Skandalisierungspotenzial gecheckt wird.

Und es ist so einfach, fündig zu werden.

Es geht dort aber nicht etwa um Journalismus, auch wenn man dies aufgrund des Frontpersonals denken könnte. Es geht um erfolgreiche Unterhaltungsformate. Die erfolgreichsten sind „Heute Show“, „Extra 3“ oder die „Mitternachtsspitzen“. Sie generieren ein Heer von Nachahmern, die das Internet mit allerlei Papperln überfluten, die oft aber längst nicht immer witzig sind.

Ich bin seit Jahren Fan von Satire- und Kabarettsendungen. Ich fand zum Beispiel „Rudis Tagesshow“ göttlich, die Anfang der 1980er Jahre ausgestrahlt wurde. Ich habe mich prächtig amüsiert und war betrübt, als die Sendung 1987 eingestellt wurde.

Für solche Erfolgssendungen braucht man aufgeweckte Mitarbeiter und scheinbar auch den skrupellosen Willen, die Pointe als Selbstzweck zu verstehen und sie notfalls auch über die Wahrheit zu stellen. Getreu dem bekannten Motto: Lieber einen Freund verlieren, als auf eine gute Pointe zu verzichten.

Es scheint uns nicht zu stören, dass in solchen Formaten Menschen vorgeführt und beleidigt werden, die nicht einmal etwas dem Thema des eigentlichen Jokes zu tun haben. Statisten sind lustiges Beiwerk. Es reicht schon, lustig auszusehen oder einen eigentümlichen Dialekt zu sprechen – schon ist der Depp im Kasten – zur Freude der ZuschauerInnen.

Ich finde, es ist an der Zeit die Frage zu beantworten, ob die Kreativität, die wir zur Erschaffung einer häufig so stark konstruierten Wirklichkeit einsetzen, nicht stark zur allgemein beklagten Demokratieverdrossenheit im Land beträgt. Vermutlich nicht weniger, als das zu Recht kritisierte Verhalten mancher Politiker.

Beispiel gefällig?

Horst Schulte

Irgendwann Anfang der 2000er Jahre habe ich mit dem Bloggen angefangen. Es ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

horstschulte.com · bedburgisches.de · blogmemo.de

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare
  1. Sprichst mir aus der Seele, ganz ohne dass ich „Heute Show“ u.a. zur Sache Spahn gesehen hätte. Allein schon das Geschimpfe auf Twitter hat mir voll gereicht! Wie pawlowsche Hunde lesen die Leute einen einzigen Satz von einer „gegnerischen Person“, interpretieren den auf ihre eigene, ungemein platte Art und legen los!

    Es spricht für die Abwesenheit eines Minimums an politischer Bildung, wenn Einzelne glatt so tun, als habe / wolle / könne der Minister mal eben von oben verordnen, dass Pflegekräfte ein paar Stunden mehr arbeiten. Auch das Interesse am Thema kann nicht groß sein, sonst müssten sie wissen, dass viele Pflegekräfte nur Teilzeit arbeite – eben WEGEN der stressigen Arbeitsbedingungen, die Spahn verbessern will.

    Ich hab auf Twitter ein bisschen dagegen gehalten, aber sowas geht ja unter…

    Apropos Spahn: ohne dass ich je CDU wählen wollen würde oder mit Spahn oft einer Meinung wäre, denke ich doch: Immerhin ist das kein Blödmann, der nur aufgrund seiner Vorurteile agiert und sich nicht weiter einarbeitet. Ja, ich überlege sogar, ob Spahn nach Merkel nicht tatsächlich ein guter Kanzlerkandidat wäre – jetzt mal im Sinne einer Stabilisierung / Konsolidierung der CDU als konservative Partei gedacht, die Kamp-Karrenbauer als gefühlte „Merkel 2“ nicht leisten könnte.

    Seehofer und Nahles müssten auch weg – andere Gesichter an der Spitze fänden viele sicher erleichternd… bei den Grünen ist der Austausch ja schon vollzogen, und gar nicht mal schlecht.

    1. Jeder sagt halt seine Meinung. Ist doch Demokratie – oder? Ob ich vergeblich hoffe, dass sich am Umgang miteinander, an der grassierenden Verantwortungslosigkeit für das Ganze, für unsere Demokratie, noch einmal verändert?
      Nehmen wir die Sache mit Spahn ruhig als Beispiel. Der Mann hat etwas gesagt, was komplett aus dem Kontext gerissen wurde. Die Wertungen waren (übrigens nicht nur ohne Prüfung des Sachverhaltes) trotzdem negativ. Spahn hat nämlich nicht erklärt, wie er die Arbeitsbedingungen für Pflegeberufe verbessern möchte. Ich habe ihn angefragt, ob er dazu konkrete Gedanken hätte und in welchem Zeithorizont solche Veränderungen vorstellbar sein könnten. Keine Ahnung, ob ich darauf irgendwas hören werde.

      Das Beispiel zeigt die Komplexität speziell dieses Punktes. Werden die Komiker Deutschlands mit ihren provozierenden Oberflächlichkeiten den Prozess positiv beeinflussen? Vergiss die Frage! Denen gehts um die Quote. Alles andere ist uninteressiert. Bisher gelingt das. Die Zuschauerzahlen der „Heute Show“ sind immer noch gut. Mir geht die Sendung immer mehr auf die Nerven, obwohl ich sie lange wirklich gern gesehen habe.

      Ich halte Spahn für ok. So konservativ wie manche meinen, ist er nicht und außerdem halte ich ihn für ziemlich klug. Außerdem nutzt er professionell die Möglichkeiten des Internets, um seine Ansichten auch zu anderen Themen in der Öffentlichkeit zu platzieren. Daran könnten sich viele andere ein Beispiel nehmen. Wahrscheinlich es ein Vorteil seines Alters.

      Wen könnte die Union stattdessen eigentlich aufbieten, wenn Merkel stürzt? Liefe es tatsächlich auf Schäuble hinaus (als Übergangskanzler?). Der ist inzwischen Bundestagspräsident und ob das rechtlich überhaupt möglich wäre, weiß ich gar nicht. Außerdem: welches Bild würde Deutschland abgeben, wenn es dazu keine personelle Alternative gäbe? AKK oder von der Leyen halte ich für ungeeignet. Allein schon deshalb, weil sie viel zu nahe an Merkel sind. Bei Altmaier, er wäre mein Wunschkandidat auf Seiten der CDU, gilt leider das gleiche.

      Die Parteien wirken irgendwie mutlos. Sind die politischen Probleme, die zur Lösung anstehen, so groß? Nein! Es muss neues Personal mit neuen Ideen herangeführt werden. Dann läuft das auch wieder.

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