Mir wird es nicht allein so ergehen, wenn der Name »Silicon Valley« irgendwo genannt wird. Dieses sich über 70 km lang erstreckende Tal ist der Inbegriff des Fortschritts, die Wiege der IT- und High-Tech – Industrie. Dort haben Firmen ihre Sitze, die alle möglichen Gefühle auslösen. Ich nehme an, sie reichen von Bewunderung, Ängstlichkeit, Neid bis zu strikter Ablehnung.

Gestern sah ich zufällig im »Auslandsjournal« einen Bericht über soziale Gegebenheit, die ich so nicht erwartet hatte. Die Mieten für Wohnungen haben inzwischen für Normalverdiener ein Niveau erreicht, das sie in die Obdachlosigkeit zwingt. Eine Frau mit akademischer Ausbildung und einem Job als Dozentin an der Uni verdient so wenig, dass sie sich keine Wohnung leisten kann und obdachlos in ihrem Auto schlafen muss. Eine Zweizimmerwohnung kostet dort schon mal 3000 $ monatlich.

Heute las ich in der »NZZ« ein Interview mit Antonio Garcia Martinez, dem ehemaligen Produktmanager von »Facebook«. Er war dort von 2011 bis 2013 tätig und veröffentlichte kurze Zeit nach seinem Ausscheiden das Buch »Chaos Monkeys«. Dies war insofern eine Besonderheit, als nicht viele Spitzenleute aus dieser Industrie sich über Internas der Unternehmen ausließen, für die sie gearbeitet haben.

Das Interview mit der »NZZ« finde ich sehr aufschlussreich. Garcia Martinez beschreibt darin höchstbedenkliche Sachverhalte, über die sich vermutlich nicht viele Nutzer je Gedanken gemacht haben.

Bestimmte Wirkungen sind direkt nachzuvollziehen und zwar nicht bloß deshalb, weil wir täglich damit konfrontiert sind. Garcia Martinez sagt:

Je empörender der Gehalt einer Werbung, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie es auf Facebook-Werbeflächen schafft.

Ich übersetze das einfach mal mit »Bad news are good news«. Wir kriegen die Nachrichten vorgesetzt, die in diesem Sinne nicht unbedingt schlecht sind aber doch mindestens empörend. Der Begriff der Empörungsgesellschaft kommt ja nicht einfach so zustande. Wie dieser Artikel der »Zeit« aus dem Jahre 2010 zeigt, ist das Phänomen nicht erst jetzt zu bewundern. Durch die »sozialen Netzwerke« hat es sich entwickelt. Bundespräsident Steinmeier warnt vor »Lügen im Netz« und behauptet, sie würden die Gesellschaft spalten. Steinmeier hat eine »unerklärliche Gereitzheit« im Netz festgestellt. Wer wollte das bestreiten. Ich jedenfalls nicht. Und ich erinnere wieder einmal an das, wofür Bundespräsident Gauck damals so hart angegangen wurde. Ich meine nicht seine Warnung am Ende seiner Amtszeit, sondern das, was er gesagt hat, bevor er überhaupt sein Amt angetreten hatte:

Das weltweite Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller Bürger in diesem Land auszuhöhlen. Dies gilt insbesondere für das Recht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit in Artikel Fünf – eine wesentliche Grundlage unserer funktionierenden Demokratie – und es gilt letztlich auch für den Kernsatz unserer Verfassung, den Artikel Eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Gauck wurde damals als »Internet-Lehrer« verspottet. Wie diese Sätze wohl heute bewertet würden? Ex-Bundesjustizminister Maas lässt grüßen.

Martinez erklärt, Facebook als auch Porno seien so weit optimiert, dass sie erfolgreich unsere Knöpfe drücken würden. »Wir erkennen die Realität nicht mehr, und irgendwann einmal vergessen wir sie.« Ich finde, über diese Sätze kann man ruhig mal etwas länger nachdenken.

Facebook ist verführerisch. Man meint, auf einem mittelalterlichen Dorfplatz zu stehen, wo jeder jeden kennt. Wahr daran ist: Es gibt keine Privatheit.

Es sind nicht die sozialen Netzwerke, die unsere Gesellschaften spalten. Dafür sorgen nach Martinez die verwendeten Algorithmen. Was ich bisher nur nicht verstanden habe, ist die Forderung von Fachleuten, diese Algorithmen öffentlich zu machen. Was soll ihre Veröffentlichung denn an deren Funktion und Wirkungsweise ändern? Schützt es uns nicht viel mehr, wenn wir die Zusammenhänge gut erklärt bekommen und verstehen? Oder ist das etwa ein und dasselbe?

Seriöse Nachrichten werden vielfach die »Meldungen«, die uns über »andere Kanäle« erreichen, nicht in ihre Sendungen und Berichte aufnehmen. Es entsteht eine Differenz, die so interpretiert wird, wie wir es heute ständig erleben. Da sammeln die einen die Verfehlungen von Muslimen und wundern sich darüber, dass diese in den Nachrichten nicht oder nur selten vorkommen. Am Ende führen diese Unterschiede in der Wahrnehmung dazu, dass der Frust über die Medien und den Staat weiter zunehmen.

Übrigens ist das, was Martinez über das Sillicon Valley im Allgemeinen sagt, wirklich höchst interessant. Es passt auch so gar nicht zu dem Bild, das der damalige Chef-Redakteur Kai Diekmann und seine Begleiter während und nach seinem Betriebsausflug mitgebracht haben. Aber dieser liegt ja inzwischen auch schon wieder einige Jahre zurück.

Irgendwann Anfang der 2000er Jahre habe ich mit dem Bloggen angefangen. Es ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

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