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Ist Deutschland kaputt? Steht so jedenfalls in der NYT

Es ist heftig, was die Amerikaner in einer großen Zeitung  von einem deutschen Autor über den Zustand unseres Landes erfahren.

Der Wissenschaftler Oliver Nachtwey beschreibt Deutschland als „kaputtes Land“.  Ich bin nun wirklich nicht einverstanden mit der neoliberalen Politik, die die Union mithilfe der SPD in den letzten Jahren gemacht hat. Aber dieses Bild meines Landes halte ich für ein Zerrbild.

Mir ist klar, dass meine positive Bewertung der Gegenwart das Ergebnis persönlicher Lebensumstände ist. 


Es ist egal, wer Merkel ersetzt. Deutschland ist kaputt.

Die Erosion der Nachkriegsordnung des Landes hat zu einer Bevölkerung geführt, die für Botschaften und Bewegungen offen ist, die zuvor an den Rand verbannt wurden.

Oliver Nachtwey, 
Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler. Er ist derzeit Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel


Dass das von Nachtwey gezeichnete Bild den Gegenpol des Union Mantras darstellt, deren Protagonisten nie müde werden, zu betonen, dass es Deutschland gut gehe, werden die Feinde der Kanzlerin und ihrer Politik mit Genugtuung aufnehmen.

Ich kann nicht jeden Teil von Nachtweys Beschreibung unseres Landes abstreiten. Aber mir ist das, was ich da lese, entschieden zu krass.

Zustimmung für extreme Positionen wächst

Die Rechten und Linken warten auf niederschmetternde Nachrichten wie diese, weil sie sie publikumswirksam vermarkten können. Abnehmer gibt es genug. Auch unter denen, die diese Beurteilung Deutschlands so nicht teilen. Solche Urteile – auch wenn man sie nicht teilen mag – ziehen runter und das deutsche Selbstbewusstsein scheint, wie das anderer europäischer Völker derzeit nicht gerade in bestem Zustand zu sein.

Diejenigen, die sonst ihrem Patriotismus oder sogar dem erstarkenden Nationalismus zuneigen, sollten widersprechen. Aber sie tun das nicht, weil dieser Abgesang auf Deutschland hilft, unserer Demokratie zu schaden. Jedenfalls trifft diese Strategie auf viele Nationalisten zu – auch über die AfD – Mitgliedschaft hinaus. Sie nehmen solche Nachrichten nur allzu gern als Bestätigung für ihren Abgesang auf die Demokratie.


Ich kann nicht jeden Teil von Nachtweys Beschreibung unseres Landes abstreiten. Aber mir ist das, was ich da lese, entschieden zu krass.

Bei Facebook hatte ich mich gestern im Zusammenhang mit dem Zustand unseres Landes erneut auf eine Umfrage bezogen, die ein viel positiveres Deutschland beschreibt. Danach ist eine große Mehrheit der Deutschen mit ihrem Leben sehr zufrieden, die ökonomischen Verhältnisse eingeschlossen. Ich bezweifle, dass die Hälfte der Rentner, die nach letzten Meldungen monatlich unter 800 Euro Rente enthalten, ebenfalls zu dieser Gruppe gehören. Die Gruppe derjenigen, die sich Sorgen machen und hinsichtlich ihrer Zukunft unsicher sind, scheint zu wachsen.

Warum lästern ausländische Zeitungen über Deutschland? 

Obwohl ich mich über negative Artikel über unser Land ärgere, frage ich mich allerdings, warum viele Autoren in ausländischen Zeitungen (zum Beispiel NZZ, Weltwoche) wesentlich kritischer über Deutschland berichten als die meisten hiesigen Zeitungen es tun. Dabei stelle ich natürlich rein subjektiv fest, dass in schweizerischen Zeitungen deutsche Autoren besonders kritisch über Deutschland berichten.

Kritik von außen unerwünscht?

Kritik kann positiv und negativ sein, sie kann dazu führen, dass sich Missstände auflösen, in dem eine gesellschaftliche Diskussion über lange brachliegende Fragen aufkommt. Aber es gibt leider in unserer Ära der leichten Empörbarkeit auch einen Selbstzweck für Kritik.

Ob das Outsourcing deutschland-kritischer Artikel darauf zurückzuführen ist, dass diese in deutschen Chefredaktionen weniger gut „ankommen“ als in ausländischen? Es gibt Insider – Berichte, die so etwas nahelegen. 

Möglich ist allerdings, dass ausländische Redaktionen den Verdruss und das Misstrauen nicht ganz kleiner Teile der deutschen Bevölkerung gegenüber den deutschen Qualitätsmedien für sich nutzbar machen und dieses als Teil ihres Geschäftsmodells erschlossen haben. Aber wie wirkt es, wenn ein deutscher Journalist oder Autor in einer ausländischen Zeitung ein ausgesprochen negatives Bild über Deutschland zeichnet? Es ist in diesem Fall eben nicht der Blick des Ausstehenden auf unser Land.

Meine kleine Verschwörungstheorie

Deutsche Journalisten schreiben Deutschland schlecht und nutzen dafür gern ausländische Plattformen. Es wird ein Blick von außen auf unser Land suggeriert, wobei die politischen Präferenzen der jeweiligen Journalisten verborgen bleiben.

Es gibt seit Längerem einen Newsletter/Bereich der NZZ namens «Der andere Blick», der von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer herausgegeben wird. Dort geht es um den schweizerischen Blick auf Deutschland. Eine kritische Sicht auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen gehört zu den elementaren Aufgaben der Presse. Aber warum gibt es diese Rubrik in einer schweizerischen Zeitung über Deutschland?  Nun, ich habe es weiter oben schon ausgeführt. Für mich existieren Aspekte, die nicht die bloße journalistische Objektivität und schon gar nicht Neutralität nahelegen. 

Mich bringt diese Art von (manchmal recht einseitiger) Berichterstattung zu der Frage, wie sich US-Amerikaner wohl fühlen, wenn sie die unablässige und oft auch überbordende Kritik an ihrem Präsidenten in unseren Medien verfolgen. Das ist ein- und dasselbe, nicht wahr?

Mehr Zurückhaltung

Vielleicht haben diejenigen ja Recht, die diesbezüglich zu mehr Zurückhaltung raten? Wenn deutsche Autoren in schweizerischen Zeitungen (oder, wie in diesem Fall in einer us-amerikanischen) den Zustand unseres Landes sowohl in gesellschaftlicher, politischer, als auch wirtschaftlicher Hinsicht so negativ beschreiben, tut mir das einerseits weh, andererseits macht es mich richtig sauer.  

Ich möchte solche Abgesänge auf Deutschland nicht, sondern Gutes über unser Land lesen und hören. Klar, das werden viele total albern finden. Und zwar schon deshalb, weil es schließlich die Aufgabe der Presse ist, Dinge aufzudecken und Entwicklungen zu hinterfragen, die nicht unbedingt jedem gefallen. Einerseits schon. Nur leben wir eben inzwischen im Zeitalter der Fake News. Deshalb muss nicht alles glauben, was Deutsche in ausländischen Zeitungen an miesen Zukunftsvisionen für unser Land aus ihrer Tastatur quetschen. Dafür lasse ich mich auch gern mal als naiv und blöd bezeichnen.

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Autor

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

9 Kommentare Neuen Kommentar hinzufügen

  1. wvs sagt:

    Den Artikel, der ihrer Erörterung zugrunde liegt, habe ich mir durchgelesen und deswegen schreibe ich diesen Kommentar:
    Es trifft mich ebenso wie Sie, dass über mein Land schlecht berichtet wird. Insbesondere in den U.S.A., wo selbst gebildete Menschen (die ich während mehrerer / mehrjähriger Aufenthalte getroffen habe) nur eine nebulöse Vorstellung von den tatsächlichen Verhältnissen hierzulande haben, sofern sie nicht weit gereist und damit informierter sind.

    Allerdings sind doch mehrere Passagen aus dem Text von Nachtwey durchaus den Tatsachen entsprechend, etwa pars pro toto der Passus zu den Einkommensverhältnissen:

    “ .. Thirty years later, this society has vanished. Average real incomes declined for nearly 20 years beginning in 1993. Germany not only grew more unequal, but the standard of living for the lower strata stagnated or even fell. The lowest 40 percent of households have faced annual net income losses for around 25 years now, while the kinds of jobs that promised long-term stability dwindled.
    The number of precarious jobs like temp positions has exploded. At the height of postwar prosperity, almost 90 percent of jobs offered permanent employment with protections. By 2014, the figure had fallen to 68.3 percent. In other words, nearly one-third of all workers have insecure or short-term jobs. Moreover, a low-wage sector emerged employing millions of workers who can barely afford basic necessities and often need two jobs to get by .. „

    Wenn also berichtet wird was „wahr“ ist – im Sinne von „anhand der Zahlen renommierter Institute und des statistischen Bundesamtes übereinstimmend“ – kann und sollte man aus meiner Sicht nicht den Autor schelten, sondern jene Politik, die genau diese Entwicklung zu verantworten hat. Analog kann hier auf „Cum-Ex“ verwiesen werden, denn da bahnt sich eine ähnlich verzerrte Schuldzuteilung an: Die Rechercheure werden strafrechtlich verfolgt, die Gauner und Betrüger kommen (nur bisher?) ungeschoren davon.

    Auf jeden Fall ein herzliches „Danke!“ für den hier erhaltenen Hinweis auf den Beitrag von Nachtwey. Was ich nicht erkennen kann, und da beziehe ich mich nicht nur auf diesen Artikel, ist eine heimliche Allianz von Journalisten die als Deutsche vom Ausland aus über ihr Land schlechter berichten als sie es zu Hause tun würden. Ist es nicht eher die Tatsache, dass, wer Gründe hat sich ins Ausland ‚abzusetzen‘, schon grundsätzlich nicht mit der Entwicklung in der Heimat zufrieden ist?
    Was es über unser Land aus ausländischer Sicht von ausländischen Autoren zu sagen gibt ist durchaus nicht immer schlecht, wenn auch möglicherweise nicht in allen Aspekten auf den Punkt. Ein Beispiel ist dieser Artikel.

  2. Mein Artikel war nicht als Schelte an den Autor gedacht. Abgesehen mal davon, dass ich mich (Sie ja auch) unwohl fühle, wenn ich meistens mit schlechten Nachrichten über unser Land beregnet werde. Ich würde Nachtweys Analyse inhaltlich gar nicht bestreiten wollen. Mir ging es eigentlich mehr darum, dass Deutsche Deutschland in ausländischen Zeitungen schlechte Kritiken geben. Die inhaltliche Kritik wird dadurch natürlich nicht falsch oder irgendwie zweifelhaft. Es wird aber bei vielen der Eindruck erweckt, als können man solche Kritik in deutschen Medien nicht unterbringen (was vielleicht zum Teil auch nicht ganz falsch ist). Mich stört, dass die Kritik in einer bedeutenden ausländischen Zeitung verbreitet wird und die LeserInnen, wenn sie sich nicht näher damit befassen, davon ausgehen dürften, dass die Kritik von von einem Autor aus diesem Land verfasst wurde. Nach dem Motto also: Guck mal, wie das Ausland über uns denkt.

    1. wvs sagt:

      als könne man solche Kritik in deutschen Medien nicht unterbringen (was vielleicht zum Teil auch nicht ganz falsch ist)

      – das trifft es doch, denn es entspricht der Wahrheit!
      Welcher Journalist kann es sich (egal welcher Kanal der Veröffentlichung gewählt wird) wirklich leisten gegen *mainstream* zu argumentieren, selbst wenn es gut belegt ist? Die Verflechtungen zwischen Parteien, Rundfunk- und Fernsehräten, den paar Großverlagen, die hierzulande die Presse in Händen halten, bedingen doch, dass einmal gebrandmarkte Journalisten nirgendwo mehr Fuß fassen können.

      [Ausnahmen vielleicht bei freien Projekten wie *krautreporter* oder solchen Blättern, die noch unabhängig von den ganz großen Verlegern sind.]

      1. Ich höre das immer wieder. Es gibt sogar Journalisten (vereinzelt), die die Mechanismen beschreiben. Und es gibt den Professor Mausfeld, der in seinem Buch „Warum schweigen die Lämmer“ einiges über die Wirkungsweisen der heutigen Medien verrät. Nur – bezieht sich das wirklich auf Deutschland oder ist das nicht ein Thema, das in der Gegenwart auch aufgrund der existenziellen Probleme bestimmter Medien unvermeidlich war? Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland eine so spezifische Lage haben, wie sie von interessierter Seite gerne dargestellt wird. Ich kaufe, dass die Einflussnahme in den ör Medien aufgrund der dort existierenden Strukturen möglich ist. Andererseits sind dort nicht nur bestimmte Parteien vertreten. Sorgt die „Ausgewogenheit“ nicht für eine Pattsituation, die genau diesen Einfluss verhindert?

        1. wvs sagt:

          Diese „Ausgewogenheit“ ist doch nicht vorhanden! Mir hat einmal ein Bürgermeister (in Hessen) gesagt: „Egal ob wir (CDU) oder die Anderen (SPD) die Mehrheit haben, wir bekommen alle unsere Posten …“ – woraus ich den Schluss ziehe, dass diese Mentalität auch anderswo herrscht und zwar nach außen eine Rivalität der Programme & Ansichten dargestellt wird, wenn es zum Schwure kommt allerdings gemeinsam gehandelt wird. Siehe „Große Koalition“, und das Ergebnis ist nie zu Gunsten der Bürger geraten.

          PS
          Ist es nicht erstaunlich wie gut es gelungen ist den Professor Mausfeld vor der Öffentlichkeit „zu verbergen“? Totschweigen ist viel einfacher als sich einer Diskussion auszusetzen, alleine das sollte uns doch zu denken geben, denn es wird von allen so genannten „Volksparteien“ betrieben.

          1. Ich sehe nicht, dass die unterschiedlichen Meinung zu kurz kämen. Es mag diese von rechts beschworene Dominanz des linken Lagers geben. Ich will mich da nicht auf eine Seite stellen. Nur so schlimm finde ich die Berichtslage nicht. Wir kennen doch alle die Positionen. Sonst gäbe es die Zuspitzungen nicht, die meines Erachtens auch aus Zukunftsangst erwachsen. Dieser Angst ist der Wunsch entsprungen, wieder auf die vermeintliche Sicherheit der Vergangenheit zurückzukommen. Das halte ich wiederum für ausgemachten Unsinn. Ich glaube, in unserer heutigen Welt ist die Rückbesinnung zum Beispiel auf den Nationalismus genau der falsche Weg. Das gilt für die ökonomischen Herausforderungen ebenso wie für ökologische. Wir brauchen, glaube ich, zuallererst mehr Mut und ein bisschen Optimismus. Aber das kann man nicht kaufen.

          2. wvs sagt:

            Die scheinbare *Übermacht* von links erklärt sich aus der Notwendigkeit das Konzept zu erklären – während rechtes Gedankengut einfach nur zum Nachplappern und Befolgen auffordert.

            Zu kurz kommen – das geht in eine andere Richtung:
            Wirklich bedeutsame Themen werden hinter Lappalien versteckt, eine gesellschaftlich relevante Diskussion wird doch schon seit Jahren verhindert, sonst ginge es hier los wie jüngst in Frankreich.

            Ansonsten stimme ich Ihnen gern zu, es fehlt an dem Willen der Politik Neues zu wagen – und in diesem Zusammenhang einmal wirklich den Fachleuten zu glauben, die es eben besser wissen als Abgeordnete ohne spezifisches Fachwissen.
            Völlig unbestritten ist die Abkehr großer Teile von demokratischen Prinzipien und deren gleichzeitiger Wunsch nach einer starken Führung (!), ein Irrweg.
            Was den Optimismus angeht fällt es den jüngeren Generationen unter den derzeitigen Bedingungen schwer: Zu viele unbezahlte Praktika, befristete Arbeitsverhältnisse, reduzierte Stundenzahl bei unbefristeten Arbeitsverhältnissen … etc.
            Wenn es nicht gelingt die Ökologie wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist es sowieso nur eine Frage der Zeit bis es keine Menschen mehr gibt.

  3. Da sind wir einer Meinung. Die Entwicklung ist inzwischen sehr besorgniserregend. Vor allem, weil es sich nicht nur innerhalb nationaler Grenzen. Wir scheinen inzwischen alle so klug zu sein, dass wir folgerichtig alles besser zu wissen. Demokratische Repräsentanten haben in diesem Klima schlechte Karten. Zumal die Prozesse immer langwieriger werden. Dass es dazu aber nur schlechtere Alternativen gibt, scheinen viele einfach nicht sehen zu wollen.

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