Medienkompetenz: Formiert Sich Eine Gegenbewegung?

Ob es im Ausland um die Medienkompetenz besser bestellt ist als hier in Deutschland? Einen Idealzustand, wie auch immer er gemessen würde, werden wir in den bei uns gern gelobten High-Tech – Ländern Asiens oder in den USA vielleicht auch nicht finden. Eine gute Infrastruktur und ein im Vergleich hohes technisches Verständnis der User*Innen lindert die Defizite bei der Medienkompetenz nicht.

Warum glaube ich, dass es in den Ländern mit guter bis sehr guter Infrastruktur um die Medienkompetenz nicht besser steht?

1.) Die Polarisierung in politischen Fragen findet nicht nur in Europa statt. Viele ahnen längst, dass der Umstand, dass wir alle (mit den bekannten Ausnahmen) frei publizieren können, nicht nur Gutes bietet. Wieso sollte das auf internationaler Ebene anders sein? Wir ahnen das vielleicht, fokussieren unseren kritischen Blick aber auf Deutschland. Das sorgt dafür, dass der subjektive Befund in negativer Hinsicht verstärkt wird.

2.) Wir beklagen unsere deutsche Debattenkultur und haben dabei Facebook, Twitter & Co. oder die Kommentarspalten der Online-Angebote im Auge, wenn sie denn das Kommentieren überhaupt noch zulassen.

Ob die User*Innen in anderen Nationen den rüden Umgangston vermeiden oder ihn gelassener ertragen und hinnehmen? Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass wir in Deutschland vielleicht einfach nur zu empfindlich sind? Sollten wir uns an diesen Ton gewöhnen und glauben wir, dass sich diese Unart im Lauf der Jahre von selbst wieder legen wird? Das NetzDG hätte sich so gleich erledigt. Wahrscheinlich meinen viele in Deutschland, dass die Methode: „Augen zu und durch“ besser wäre als ein schlechtes Gesetz, das vielleicht erst durch das Verfassungsgericht gekippt wird.

Wie war’s an den Stammtischen?

Ob der uns Deutschen nachgesagte Sinn für Selbstbespiegelung dabei eine Rolle spielt? Vielleicht hat Goethe uns Deutsche deshalb als „wiederkäuende Tiere“ bezeichnet, weil wir bestimmte Themen (Regierungsbildung) bis zum Erbrechen immer und immer wieder im Mittelpunkt der Diskussion halten.

Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! – Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig.
von: Johann Wolfgang von Goethe 

Mancher wird auch angesichts der beklagten Defizite des deutschen Bildungssystems einwenden, dass Goethes damaliges Urteil aus einer anderen Zeit stamme. Als es noch zurecht geheißen hat: „Deutschland, das Land der Dichter und Denker“. Heute zeigen Verantwortliche in vielen Bereichen, nicht nur in der Politik, gravierende Schwächen. Ich sag nur Elbphilharmonie, BER oder Stuttgart 21. Diese Dinge komplett der Politik in die Schuhe zu schieben, scheint mir jedenfalls etwas billig.

Gegenbewegung (zurück zur Normalität)

Wer die alarmistische und überwiegend negative Berichterstattung über die Regierungsbildung verfolgt hat, wird Goethes Urteil teilen. Ein Prantl macht noch keinen Sommer!

Immerhin – es scheint sich eine Gegenbewegung anzudeuten.

Mindestens ein Grund für die manchmal maßlose Düsterkeit im Web scheint mir die fehlende Medienkompetenz zu sein. Der Begriff ist ungenau, irgendwie zu technisch. Warum gibt es so viele Menschen, die sich von Verschwörungstheorien angesprochen fühlen und sich deren Inhalte zu eigen machen?

(Dieses Video ist seit August 2016 online. Es wurde bisher 4.296 mal aufgerufen. )

Wie gehen die meisten wohl vor, wenn sie online sind?

Rechner an, Browser öffnen, News lesen, ablehnen, schimpfen, kommentieren, Andersdenkende beschimpfen…

Ok, nicht die meisten. Aber doch sehr viele.

Zuerst dieses und jenes

Gestern erhielt ich folgenden Rat (ich fühlte mich angesprochen), bei dem es um einen wichtigen Teil der Medienkompetenz, die Kommunikation ging:

„Im digitalen Zeitalter könnte für Kommunikation gelten: Zunächst denken, dann nachdenken, dann reden, und dann (vielleicht) schreiben.

Diese Reihenfolge scheint allerdings bisher eher diametral entgegengesetzt eingesetzt zu werden. Oftmals auch durch die Medien. Viel zu viele Schnellschüsse, deren Verfallszeit gegen 0 geht.“

Ich widerspreche nicht!

Ich finde, eine noch so tolle und konsequent verfolgte digitale Agenda (haben wir ja schon seit Jahren!) wird an diesen persönlichen Defiziten der Bürger*Innen bestimmt wenig ändern! Der laufende Prozess wird sehr viel Zeit beanspruchen.

Vielleicht gelingt er nie, wenn wir [sic?] den „Wildwuchs“ kultivieren und einfach so mit dem Mantel des Fortschritts oder (was wahrscheinlicher ist) der Meinungsfreiheit umhüllen.

Joachim Gauck hat, kurz bevor er Präsident wurde, über die Gefahren des Internets geschrieben – implizit für unsere Demokratie. Er wurde dafür von vielen verspottet. Vor allem ging es dabei um diese Stelle:

Das weltweite Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller Bürger in diesem Land auszuhöhlen. Dies gilt insbesondere für das Recht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit in Artikel Fünf – eine wesentliche Grundlage unserer funktionierenden Demokratie – und es gilt letztlich auch für den Kernsatz unserer Verfassung, den Artikel Eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Quelle: Joachim Gauck hält das Internet für gefährlich | ❤ t3n | LINK

 

Debattenkultur im Arsch?

Hat das Internet mit der Verrohung unserer Debattenkultur oder zum Beispiel dem Entstehen einer wachsenden Ablehnung der Demokratie als Gesellschaftsform wirklich nichts zu tun? Und – wieso lehnen es viele strikt ab, sich mit diesen konkreten Gefahren überhaupt auseinanderzusetzen?

Ich habe den Text mehrfach gelesen und wunderte mich damals schon, dass er diese Reaktionen (vor allem von „Insidern“) ausgelöst hat. Als Angela Merkel in ganz anderen Zusammenhängen von #Neuland geredet hat, war’s nicht anders. Meine Erklärung war und ist, dass sich in den Augen mancher „Insider“ keiner am Web, ihrem Heiligen Gral, vergreifen darf. Ob der nun Gauck oder Maas heißt.

Schau ich auf die Art und Weise, wie wir mit Informationen ganz unten, am Beginn einer steilen und überaus langen Lernkurve, immer noch „umgehen“, wird mir anders. Ein Bild, das mir dazu sofort einfällt, ist das des „Rattenfängers“.

Solche hat es am Stammtisch (Rahmenbedingungen) auch gegeben – mit weitaus geringerer Reichweite. Im Internet verstärken sich diese Rattenfänger gegenseitig. Ja, wenn es nur diesen einen Auswuchs gäbe!

Der heiße Wunsch, eigene politische oder gesellschaftliche Ansichten und Vorstellungen zu kommunizieren (schriftlich, nicht „nur“ am Stammtisch!), unabhängig von irgendeinem Niveau – ist real. Und wenn es nur eine Hasstirade ist, die bei Facebook in einem Hauptsatz mit drei Rechtschreibfehlern abgesondert wird.

Interview Pörksen mit der NZZ vom 15.2.2018

Prof. Dr. Bernhard Pörksen: Die Skandalgesellschaft | Tele-Akademie Video | ARD Mediathek | Quelle

Lesezeit: 4 Min.  · 120 Views  · 7 Shares

Horst Schulte

Irgendwann Anfang der 2000er Jahre habe ich mit dem Bloggen angefangen. Es ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

horstschulte.com · bedburgisches.de · blogmemo.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.