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Ab wie vielen Teilnehmern wird der gesellschaftliche Diskurs verdorben?

Das neuste Video Henryk M. Broders (als Till-Eulenspiegel-Imitat) bei Youtube stellt neben den Glückwünschen an den alten und neuen österreichischen Kanzler, beiläufig den Zustand verschiedener Demokratien, gegenüber. Wie viel Dezibel sind einer Debattenkultur zuträglich? Frei nach Broder kann es nicht laut genug sein.

Aufhänger ist einmal mehr die überbordende deutsche Kritik an Trump und Johnson. Haben die Amis und Briten die bessere Demokratie? In diese Richtung geht Broders süffisanter Einwurf. Wie immer kommen dabei die Amis und die Briten bei Henryk M. Broder gut weg, während wir – na ja – eben die deutsche Version von so etwas haben, das sich auch Demokratie nennen darf.

Schlechtes Klima

Das ist Broders Art, seine Heimat in ein schlechtes Licht zu tauchen oder auch einfach nur die (anderen) Leute zu provozieren. Seine Tiraden richtet sich stets gegen alles, was links und was grün ist. Da sind AfDler und andere Rechte entzückt. Die anderen kriegen eher Brechreiz. Amüsant kann ich Broders Ergüsse nur manchmal finden. Trotzdem lese ich ihn oder seh‘ mir die Videos an.

Er würde vielleicht behaupten, dass die Deutschen ganz allein für das „schlechte Licht“ sorgen und er die Lage nur mit seinen Mitteln beschreibt. So ganz falsch ist das leider nicht.

Vermutlich ärgert mich deshalb seine penetrante Nörgelei. Den Applaus kriegt er nur von einer Seite. Ob Broder, Tichy oder andere rechte und rechtere Blogs.

Die schlimme Folge: wer „klare Standpunkte“ vertritt, also solche, die leicht in rechts oder links einzuordnen sind, wird isoliert. Ein Diskurs findet nicht mehr statt, nur noch innerhalb der Peergroup.

Lauter Streit ist unbeliebt

Broder redet über die Streitbarkeit, die Debattenkultur in den verschiedenen Demokratien. Die beschäftigt auch Jacob Augstein in seinem meines Erachtens interessanten ca. 30minütigen Film.

Man kann schon behaupten, dass wir Deutschen harmoniebedürftig und zu sehr auf Konsens gepolt sind. Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum kommen nicht gut an. Wenn uns die Anonymität schützt oder wir jedenfalls das Gefühl haben, sind waren die Debatten beispielsweise in den sozialen Netzwerke radikal anders. Das führte allmählich dazu, dass über- aber nur noch sehr wenig miteinander gesprochen wurde.

Den Rechten gehen die Linken auf den Zeiger und umgekehrt. Solange ich bei den sozialen Netzwerken „mitgemacht“ habe, habe ich die manchmal echt gruseligen Kommentare von denen, die aus Prinzip gegen Flüchtlinge hetzen oder den Klimawandel abstreiten zwar gelesen, mich aber schließlich fast nicht mehr „eingemischt“. Der Ertrag stand nicht mehr in einem Verhältnis zum Einsatz.

Ich habe hier mehrfach darauf hingewiesen, dass die immer noch gut beschäftigen Moderatoren der Kommentarspalten bei Welt Online, Zeit Online u.s.w. wohl sehr gut zu tun hatten. Ich glaube, die krassen Kontroversen führten mehr und mehr dazu, dass Kommentare, die die vorherrschende Meinung im Thread widersprachen, heute gleich gelöscht wurden, sofern es sie denn überhaupt noch gibt.

Die meisten dürften inzwischen verstanden haben, dass es brotlose Kunst ist, gezielt gegen die Absender besonders krasser Positionen anzuschreiben. Die gibt es immer noch, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (Ex-Justizminister Maas) lässt grüßen!

Blasenbildung ist nicht mehr nötig

Das Einigelungsphänomen, im Fachjargon eher „Blasenbildung“ genannt, hat Jacob Augstein in seinem im August bei Arte gezeigten Film „Die empörte Republik“ auch behandelt. Es ist wichtiger Bestandteil der brutalen Veränderung, in der heute Kommunikation zwischen Menschen und Gruppen abläuft.

Das Phänomen schließt Linke wie Rechte ein. Ich habe das Gefühl, dass viele schon damit aufgehört haben, in einen Diskurs miteinander einzutreten, also zu reden und notfalls zu streiten. Streitige Themen nehmen zu, das Potenzial für Debatten wächst. Aber die unterschiedlichen Standpunkte werden nicht mehr ausgetauscht. Kontroverse ist der Bestätigung der eigenen Positionen gewichen.

Wir bleiben für uns. Nachzuvollziehen ist das nicht nur im Kommentarbereich unter Broders Video. Das spiegelt sich in sehr vielen öffentlich zugänglichen Gruppen oder Diskussionsforen wider, von den Nicht-öffentlichen erst gar nicht zu reden.

Polarisierung der Gesellschaft oder normaler Diskurs?

Broder findet, dass Amis und Briten mit dem, was wir Polarisierung nennen, viel besser umgehen als wir. Dort, so findet er, wird laut gestritten und die Leute halten das aus.

Dass die Meinungsunterschiede in den letzten Jahren ein Maß erreicht haben, das wir uns in Deutschland nicht wünschen, ist für ihn kein Problem.

Ich hoffe, dass die Zahlen, die wir diesbezüglich kennen, nicht falsch sind und es zutrifft, dass die Bevölkerung sowohl in den USA als auch in Großbritannien jeweils in zwei große Blöcke aufgeteilt ist. Die einen unterstützten Trump, die anderen sind gegen ihn, die einen sind für den Brexit (auch ohne Deal), die anderen wollen in der EU bleiben.

Dass Familien sich darüber angeblich darüber zerstritten haben und übergreifende gesellschaftliche Kontroversen stattfinden, die radikalen Ränder erstarken und demokratiefeindliche Bewegungen aufkommen, hat Broder vermutlich nicht übersehen, er verschweigt es. Allerdings kann es ja sein, dass wir in Deutschland, wie Broder und seinesgleichen nicht müde werden zu betonen, vom linksgrünen Mainstream so sehr indoktriniert wurden, dass wir das alles falsch verstehen und die Wahrheit eine ganz andere ist. Wir müssen nur Trump und Johnson zuhören oder Fox oder bestimmte Medien in GB.

Um zu erkennen, dass das nicht ganz hinkommen kann, braucht man gelegentlich nur ein, zwei verschiedene englische oder us-amerikanische Zeitungen zu lesen. Es ergibt sich ein Bild, das mit dem von Herrn Broder gezeichneten nicht in Einklang zu bringen ist.

Womit wir wieder am Anfang wären. Vielleicht ist es Henryk M. Broder, der Argumente vertauscht? So etwas hatte Boris Palmer letzte Woche bei Lanz versucht, Jacob Augstein zu erklären, leider mit mäßigem Erfolg. So ist das vielleicht häufig, wenn meinungsstarke Menschen aufeinander treffen.

Von Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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