Porno, Abofallen

Meinen ersten Plattenspieler habe ich mir kurz nach dem Ereignis gekauft, von der dieser Artikel handelt. Ich war mit meiner Ausbildung noch nicht fertig. Mein Gehalt betrug so ungefähr 100 Mark im Monat. Immerhin hatte ich ein Tonband von UHER. Ich nahm Musikstücke mit einem Mikrophon vom Radio auf. Demnach war ich sowas wie ein Schwarzkopierer. War das damals nicht erlaubt? Mein Radio besaß keine Buchse zum Überspielen. Die Gema gabs damals wohl auch schon.

Mein Lieblingssender war SWF3 (heute SWR3). Vor allem hatten es mir die Sendungen Frank Laufenberg angetan. Der hatte Ahnung von Musik – und überhaupt.

Wenn ich nachdenke, welche Musik ich damals am liebsten gehört habe, kann ich sagen, dass es meine Neigung zum Jazz schön früh gab. Zu dieser Zeit waren Rock, Soul und Pop natürlich klar dominant. gehört habe. Tamla Motown war damals ein Synonym für Soul. Bei diesem Label hatte sich alles versammelt, was im Soul über Rang und Namen verfügte. Leute in meinem Alter werden sich sicher erinnern. Marvin Gaye, Diana Ross, Stevie Wonder, Four Tops und viele andere gehörten zur „Familie“.

Ich weiß nicht, wie viele Langspielplatten ich alleine von diesem Label heute noch im Keller stehen habe. Leider gibts keinen Plattenspieler mehr dazu. Zum Glück gibts Spotify. Ich streame, was das Zeug hält. Dabei habe ich heute erst gelesen, dass eine gestreamte Staffel von „Games of Thrones“ ebenso viel CO2 emittiert, wie eine Flugreise. Schon wieder was für die Verbotsliste der Klimaschützer.

Alles bereit!

Für den kommenden Samstag hatte (der heute absonderliche) Frank Laufenberg die Vollversion des Eric Burdon –Stücks «Tobacco Road» versprochen. Ich fieberte der Übertragung entgegen und richtete die Technik her. Das Mikro war aufnahmebereit, um die zirka 20 Minuten mitzuschneiden.

Ein DIN A 4 Blatt hatte ich beschriftet mit:

„ACHTUNG AUFNAHME BITTE RUHE.“ 

In mein Mansardenzimmer, das natürlich außerhalb unserer Wohnung lag, verirrte sich selten jemand. Das war toll. Putzen und Staubsaugen oblag mir, gabs also de facto nie. Sogar meine vorwitzige kleine Schwester ließ sich dort eher selten sehen.

Außer meiner Mama und meiner Schwester hatte dieses Zimmer (zum Glück) noch keine Frau je zuvor gesehen. Ein Reich für mich allein. Für gewöhnlich war das so. Ein idealer Rückzugsort für einen gestressten Lehrling mitten in der Ausbildung.

Der Tag der Übertragung naht

Der Zeitpunkt der bedeutenden Radioaufnahme war gekommen. Der Start der Aufnahme erfolgte per Tastendruck fast synchron mit dem Beginn der Übertragung aus dem Radio. Die Pegel am Tonband zeigten Engagement.

Toll, die Aufnahme war ruiniert oder wie Gastfreundschaft nicht aussieht

Die ersten 5 Minuten waren im Kasten, als es viel zu laut an der Tür klopfte. Welcher Hornochse hatte meine Studioanweisung nicht lesen? Ich sprang sozusagen wutschnaubend zur Tür. Aber es war zu spät. Mein Vater hatte sie schon geöffnet und trat laut und für meinen Geschmack völlig rücksichtslos in mein Reich ein — seinem Bruder im Schlepptau.

Papa: „Hallo, Horst, wie gehts dir?“

Ich: „Papa, könnt ihr nicht lesen? Ich nehme hier gerade live was vom Radio auf…“

Verständnislos und total unbeeindruckt brabbelte mein Vater weiter. Er wolle seinem Bruder Theo mein Zimmer zeigen. Toll! Ausgerechnet heute. An jedem anderen Tag wäre er herzlich willkommen gewesen. Er checkt ganz allmählich, dass ich wütend war, den Grund verstand er immer noch nicht. Nun ja, Papa hatte im Gegensatz zum Rest der Familie nie ein Faible für Musik.

Ich war so krass, dass die beiden beleidigt abzogen. Die Aufnahme war auch ruiniert. Toller Samstagnachmittag! Oh Mann, was für ein ungezogener Junge ich war. Ich hörte schon die Vorwürfe, die er mir machen würde und er war tatsächlich so etwas von stinkig. Ich ging später runter in unsere Wohnung. Mein Vater war immer noch sauer. So war er selten. 

Die Entschuldigung war fällig

«Du wirst dich bei deinem Onkel entschuldigen! Jetzt sofort». Er wohnte nur ein paar Häuser weiter in der gleichen Siedlung. 

Diesen speziellen Familienbesuch hätte ich mir lieber erspart. Und das alles nur, weil mein Radio noch keine Buche für ein Überspielkabel besaß. Und natürlich deshalb, weil ich einmal unbeherrscht war.

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About the Author

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

2 Kommentare

  1. Hi Horst, zu schön die Geschichte. Wow, da hat der junge Horst aber tüchtig sparen müssen. Ein UHER!!! Der einzig und wahre Mercedes unter den Aufnahmegeräten. Eigentlich hätten beim Aufrufen dieses Namens sich die Mädel`s einem vor die Füße werfen müssen. Haben sie aber nicht, diese Gänse. Sondern immer nur nach Ausschau eines Jungen gehalten, der 3-4 Jahre älter war als ich. Shit happens.

    In dieser Zeit, 1966/67, sind wir in Neuwied/Rhein, wo ich meine Jugend verbrachte, das sogenannte Quarre gelaufen. In der City, einem Einkaufs-Straßenquaree. Wir Jungs, Sommer wie Winter, rechts rum. Die Mädels links. So traf man sich zweimal. Ich denke, wie Orang-Utans haben wir Jungs uns teilweise aufgeführt wenn wir uns begegneten, um den entgegenkommenden Mädels zu imponieren. Und manchmal trafen sich Blicke. Hui! Wie ein Blitz hat`s mich dann niedergestreckt und der nächste Tag bis zum wiederkehrenden Quaree-laufen“ war gleich einer Folter. (Kaum vorstellbar, was wir Menschen aushalten können :))

    Morgens dann noch mit Trockenshampoo von Frottee die Tolle gestylt (tägliches duschen war da noch in weiter Ferne), und dann quälend die unnötigen Schulstunden hinter mich gebracht, bis es dann endlich 15 Uhr war: Los geht`s.

    Und Soul, man. Klar. Marvin Gaye – Heard It Through The Grapevine. Genau mein Tempo. Ich habe ja immer behauptet, John Travolta hat mich heimlich beim Tanzen beobachtet, und dann daraus später sein „Grease“ gezimmert. So richtig glauben will mir das aber bis heute niemand. :((

  2. Das Tonband war ein Geschenk. Von meinen paar Kröten hätte ich es mir nicht leisten können. Die Zeit der Mädels war damals für mich noch nicht angebrochen – nicht offiziell jedenfalls 🙂

    Das mit dem Duschen gabs auch bei uns nicht. Und Trockenshampoo war deshalb die einzige Chance mein Haar halbwegs auf schick zu halten. Die echten Herausforderungen (Vokuhila) folgten erst ein paar Jahre später, nachdem ich meinen Vater gaaaanz behutsam an die neuen Haarmoden herangeführt hatte. Die Zeit der Tänze folgte bei mir ab 1971. Ich hatte sogar, zusammen mit einem Freund, einen Tanzkurs belegt. Da hatte ich dann plötzlich zwei Freundinnen auf einmal. Was eigentlich nur bedeutet, dass man auch in diesen Dingen nur über das richtige Werkzeug verfügen muss. Tanzen hats absolut gebracht. Ob das Travoltas Verdienst war? Zum Teil bestimmt.

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