Die Kraft des Wortes

Ob es am Alter liegt, an der Erfüllung oder Nichterfüllung gewisser Erwartungshaltungen? Bin ich noch links oder einfach „erwachsen“ bzw. alt geworden?

Ich war fest davon überzeugt, meine politische Heimat läge links. Obwohl ich mir eine konservative Prägung spät und widerwillig eingestanden habe, bezeichnete ich mich weiterhin als links. Dabei geht mir schon immer eine Eigenschaft ab, die sich Linke ungern absprechen lassen dürften. Ich bin wenig fortschrittlich, obwohl ich mich so gern als progressiv bezeichnen möchte.

Ich glaube, dass vor allem die Weiterentwicklung, das Betreten neuer Pfade, nicht nur für unser individuelles Leben prägend und entscheidend ist, sondern dass die Gesellschaft im Ganzen von ihr profitiert. Wäre es anders, müssten wir uns über die demografische Entwicklung unseres Landes nicht so viele Sorgen machen.

Da ist etwas in meiner politischen DNA, das mich seit einigen Jahren zwischen Überzeugungen hin- und her schwanken lässt. Das ist kein unangenehmer Zustand. Sicher bin ich mir in der Abscheu menschenfeindlicher, rechtsradikaler und nationalistischer Positionen. Es genügt eine „Kleinigkeit“, und ich gehe an die Decke. Welche möglicherweise psychologischen Ursachen das hat, weiß ich nicht. Mit Altersweisheit hat es bestimmt nichts zu tun.

Wir sprechen in dieser Zeit viel über unser Grundgesetz, das kürzlich 70. Geburtstag feierte. „Die Würde des Menschen ist unantastbar„. Da ist nicht die Rede vom deutschen Menschen, dessen Würde es zu schützen gelte. Vielleicht ist dieser Satz der Grund dafür, dass rechtsextreme Nationalisten das Grundgesetz ablehnen und mit seltsamen Begründungen versuchen, seine Legitimation zu unterminieren?


Gestern Abend haben meine Frau und ich Ex-Bundespräsident Joachim Gauck bei Markus Lanz im ZDF gesehen. Wir waren überrascht von der großen Offenheit und von der Klarheit, in der Gauck seine überzeugenden Positionen vertreten hat. Solche Gespräche wünschte ich mir häufiger. Mit Leuten, die wirklich etwas zu sagen haben. Gerne auch mit Leuten, die kontroverse und dem Zeitgeist nicht entsprechende Meinungen vertreten!

Ich war heute Morgen gespannt darauf, wie die Internet-Öffentlichkeit diese gelungene Sendung aufgenommen hat. Ich bin enttäuscht. Es gibt viele positive Meinungen. Aber, wie so oft, mir kommt es so vor, als überwögen die kritischen Meinungen. Sie kommen diesmal nicht oder jedenfalls weniger von rechts, sondern von Menschen, die ich politisch im liberalen bis linken Lager verorten würde.

Erneut wird eine Vokabeln herausgezogen und in den Mittelpunkt der Pauschalabrechnung mit Gaucks gestellt. Er hat das Wort Überfremdung benutzt.

Das geht nach Auffassung vieler Linker gar nicht. Die Benutzung dieses Wortes gehört sich deshalb nicht, weil es von Rechten in die Debatte zu den Folgen der Flüchtlingskrise eingeführt wurde.

Der Vorwurf ist arm und erbärmlich. Aber so ist das, wenn Linke einen Menschen erst einmal als Gegner auserkoren haben. Sie verhalten sich kein bisschen anders bzw. genauso schäbig, wie manche Rechte es tun. Bei denen steht Joachim Gauck ja auch ganz weit oben im Feindesrang.

Es ist schön, dass es heute im Internet immerhin eine Menge sehr positiver Stimmen gibt. Sogar Markus Lanz bekommt positive Bewertungen. Also wird die Sendung gar nicht so furchtbar gewesen sein.

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About the Author

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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