Europa-Wahlen: Geht bloß wählen!

Alle sind sehr wütend. Sascha Lobo, Katharina Nocun, Netzpolitik.org, Julia Rheda und eine riesige Menge anderer Leute. Das EU-Parlament hat gegen das Internet abgestimmt. Jetzt verlieren wir alles, wenn nicht noch mehr.

Und das alles nur, weil ein paar Abgeordnete aus Altersschwäche nicht mehr richtig abstimmen können?

Unerhört. Die Alten machen wirklich alles kaputt. Zuerst die Umwelt und jetzt das Internet! Ja, mit alles ist alles gemeint, was in der Zukunft liegt. Rente gibts nicht mehr, weil die Alten alles verfrühstückt haben. Ohne Rücksicht auf die Verluste nachfolgender Generationen. Denn wir – die Alten – haben damit (der Zukunft) nix mehr zu tun. So argumentieren viele junge Leute wirklich. Man erkennt auf den ersten Blick, dass sich die Bildungsanstrengungen gelohnt haben. Mich macht sowas wütend!

Polarisierung der Alterskohorten. Das halt uns gefehlt. Folgt dem Krieg der Kulturen der Krieg der Generationen?

https://twitter.com/Dana_Lurchliebe/status/1110630929758932994

Die Drohungen der frustrierten Internet-Schützer sind dumm. In ihrem Frust verweisen sie auf die Europa-Wahlen im Mai und drohen damit, nicht wählen gehen zu wollen. Und wenn doch, dann jedenfalls nicht die Union. Die Stimmen der EVP, das ist die Parteienfamilie der Union im EU-Parlament, werden aber dringend gebraucht. Noch ist sie die stärkste Fraktion nach den Sozialdemokraten. Wollen die frustrierten Leute zu Hause bleiben und den Nationalisten freie Hand geben? Das kann unmöglich ernst gemeint sein!

Sascha Lobo sagte gestern in einem TV-Interview sinngemäß, dass wir doch gerade jetzt alle Stimmen für Europa (die EU) brauchen würden. Recht hat er. Wie kann es deshalb sein, dass diejenigen, die sich als Verteidiger des einzig wahren, weil freien und kostenlosen Internets gerieren, so unversöhnlich und bloß so verdammt sicher sein, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein? Zählen andere Argumente als die eigenen in dieser Welt eigentlich gar nichts mehr – für übrigens mich ein Ergebnis unserer Beschäftigung mit dem Internet.

Passend zum Beitrag:
Grün und Schwarz - das war's

Das Internet wird sich sowieso verändern, auch wenn die Upload-Filter nicht kommen würden? Axel Voss versucht auf seine klägliche Art die Leute zu beruhigen. Er sagt so dahin, dass alles wird gar nicht so schlimm werde für die Meinungsfreiheit.

Lade mal einen Ausschnitt aus der Produktion eines großen Filmanbieters hoch!

Upload-Filter gibt es auf einigen Plattformen schon. Bei Youtube kann man sie ausprobieren. Bei anderen habe ich es noch nicht selbst versucht, bei Youtube schon. Ja, es kann sein, dass Content nicht nur aus kommerziellen Gründen Uploads blockiert wird – und nicht immer zu Recht. Es könnte passieren, dass Artikel 13 gegen politisch Andersdenkende eingesetzt wird, ist auch eine berechtigte Sorge. Politische Inhalte, die nicht genehm sind, könnten blockiert werden…

Wie ist das alles furchtbar für die Demokratie! (Wer hat überhaupt wie abgestimmt? hier eine Liste, die von Julia Rheda veröffentlicht wurde).

Das Internet verändert doch für uns alle sichtbar unsere Art des Miteinanders. Meines Erachtens durchaus nicht zum Positiven! Sowas sollte man für sich behalten, weil man sonst unverzüglich die Aktivisten auf den Plan ruft. Was nämlich nicht sein darf, ist auch nicht. Sowas gab es schon immer ist eine beliebte Antwort. Früher spielten sich manche Kontroversen halt beim Frühschoppen in begrenzter Rund ab, heute in den sozialen Netzwerken. Das mag zum Teil durchaus stimmen. Aber dabei wird vergessen, wie sich die Art des Umgangs auf breiter Front verschlechtert hat.

Mit solch krusen Ansichten wird man von Natives sehr flott aussortiert, man gehört zum alten Eisen. Der alte Sack hat halt keine Ahnung. Warum sollte der sich für das Internet interessieren? 60% der über 60jährigen sollen das Internet bisher nicht nutzen. Ein hoher Wert. Aber ich (65) gehöre ganz sicher nicht zu denen.

Passend zum Beitrag:
Facebook gewinnt ? erste Instanz im Merkel-Selfie-Verfahren

Wahlbeteiligung als Druckmittel

Was ist mit der Wahlbeteiligung bei den Europa-Wahlen? Wer möchte die Verantwortung dafür tragen, dass die Rechten das europäische Parlament zu ihrem Spielplatz umfunktionieren? Nigel Farage hat mit Ukip vorexerziert, wie man Europa „aufmischt“. Und die anderen rechten europäischen Parteien, von denen es heute leider einige mehr gibt als bei den letzten Wahlen, werden sich dort breitmachen, wenn wir nicht aufpassen. Dabei sind die Probleme der EU auch ohne die Nationalisten wahrhaftig groß genug. Die Strategie der Rechten ist auf eine feindliche Übernahme der EU ausgerichtet. Wer nur ein gewisses Interesse für Politik hat, wird das auch wissen. Umso mehr gilt: Unbedingt wählen gehen.

Das böse EU-Parlament hat zwar nicht abgestimmt wie viele Internet-Freaks es sich gewünscht haben. Ich rechne mich dazu! Aber die Schlussfolgerung darf nicht sein: dass wir deshalb nicht zu Wahl gehen. Die Trotzhaltung, die anderen würden es schon merken, dass sie ohne die Jungen – die die Zukunft Europas, ach, was sag ich, des Globus sind, nicht können.

Bei der heutigen Brexit – Debatte kam im Kommentarbereich von Phoenix eine dieser Leuchten zu „Wort“.

Abrechnung mit den Alten

In diesem Beispiel ging es nicht um Artikel 13 der Urheberrechtsreform, sondern um den Brexit. Die „Feststellung“ passt zu den Konsequenzen, die manche junge Leute so leichthin zu ziehen gedenken.

Ob es um Rente und Steuern geht, die Klimaerwärmung oder die Europäische Union, die „alten Leute“ überall auf der Welt, haben nicht begriffen, was Sache ist. Auf solch einer Basis kann man nicht Politik machen. Man kann nicht einmal auf solch einer Basis miteinander reden.

Wenn wir immer häufiger Diskussionen führen, die weniger mit konstruktiven Beiträge gespeist werden, sondern Schuldzuweisungen in den Mittelpunkt stellen, kommen wir nicht vorwärts. In Brüssel wurde eine demokratische Entscheidung getroffen. Sie finden in repräsentativen Demokratien nun einmal statt, obwohl sich eine große außerparlamentarische Opposition gefunden hat. Julia Rheda hat in ihrem Beitrag das Engagement erwähnt, das ziemlich einzigartig gewesen ist. Dass es nun trotzdem zu dieser Entscheidung gekommen ist, mag kein Ruhmesblatt für die EU sein. Aber auch, wenn ein Teil der beschriebenen negative Konsequenzen Realität würde, es war eine demokratische Entscheidung.





4 Gedanken zu “Europa-Wahlen: Geht bloß wählen!”

  1. Viele der Jüngeren haben wohl jetzt endgültig den Eindruck bekommen, dass sich für ihre Belange niemand in der Politik interessiert: für die Belange der nächsten Generation, für deren Zukunft.
    Alle Entscheidungen im Bund und auf EU-Ebene fallen praktisch ausschließlich zugunsten einer althergebrachten wirtschaftlichen Ordnung, zu dem Zweck, Pfründe und Machtansprüche einer kleinen ökonomischen Klientel zu sichern und felsenfest in die Zukunft fortzuschreiben.
    Alle offenen Wege in eine Zukunft werden zubetoniert, alle aktuellen Problemstellungen werden ausgeblendet: zementiert wird der ökonomische Status Quo.

    Ich denke, in diese Richtung geht die Wahrnehmung der meisten jungen Menschen (bis hin zu mir mit bald 59) – nur ansatzweise. Es wäre leicht, das auszuführen zu einem Dreißigseiter…

    Und sie haben recht! Es ist so.

    Selbst mir Depp ist das spätestens aufgegangen seit:

    1. Den idiotischen Diskussionen über die Freitags-Schulschwänzerei Tausender Schüler, die ihrer Empörung Ausdruck verleihen und dem arroganten Geschwätz eines Zurückgebliebenen wie FDPs Lindner

    2. Den armseligen, dummdreisten Diffamierungen der Protestbewegung durch die sich angegriffen fühlenden Politiker (und ihrer Stichwortgeber in der Kulturindustrie), die gemerkt haben, dass sie ihr wirtschaftspolitisches Lieblingsprojekt der Verwerterrechte auf der Internetebene nicht heimlich, still und leise durchdrücken können

    Die aus all dem folgende Erkenntnis ist schlicht:

    Das ist nicht (mehr) unser Europa
    Das ist nicht (mehr) unsere Politik
    Das ist alles nur (noch) (Lobby-) interessegeleitet
    Mit dieser EU haben wir nichts (mehr) zu tun

    Ich fürchte, es könnte durch all das ein bisher noch bestehendes Generationenband zerrissen worden sein. Vielen jungen Menschen bleibt schlicht gar keine Partei mehr zu wählen übrig, selbst die Grünen brechen so langsam erkennbar über den Rand weg.

    Ich schätze, das wird Konsequenzen haben… ich hoffe es jedenfalls, denn mir geht es genauso.

  2. Das kann ich verstehen. Obwohl ich erst heute las, dass viele Jüngere ihre Infos bei Instagram einsammeln sollen… Nun ja, das war böse.
    Es ist so, wie du schreibst, lieber Boris. In einer Demokratie bestimmen die, die Mehrheiten zustande bringen. Es sei denn, starke Lobbygründen hätten was dagegen. 🙂 Dass die demografische Entwicklung die Jungen benachteiligt hat insofern ganz natürliche Ursachen. Was das für unsere Zukunft bedeutet, vermögen nur Zukunftsforscher schlüssig vorherzusagen. Ich nicht. Ich glaube, wir neigen ein bisschen zur Hysterie, was insbesondere politischen Entscheidungen nicht unbedingt gut tun muss. Ich denke an den Atomausstieg und die unsägliche CO2 – Diskussion. Hätte man sich wenigstens etwas Zeit gelassen, wäre nun die CO2-Belastung nicht so hoch und vielleicht hätte der Diesel nicht die Bedeutung, die er heute hat.

    Ich finde die Schüleraktionen auch richtig, obwohl ich hier auch schon was anderes geschrieben habe. Bisschen Boshaftigkeit muss sein. Das aber nur, weil die Repräsentanten der Schüler sich so allwissend und kompromisslos gerieren. Das haben allerdings die 68er damals auch gemacht. Ich weiß.

    Die Antwort auf Lindner fand ich übrigens toll. Es gab da so ein Plakat mit seinem Konterfei. Da stand drauf: „Dass wir hier stehen, haben wir dir PROFI zu verdanken“. Jedenfalls sinngemäß. Ich fands Klasse!

    Die Konsequenzen sehe ich übrigens auch. Ich fürchte, dass wir uns heute schon in einer postdemokratischen Ära befinden. Wir haben die Dinge zu lange schleifen lassen. Dass sich langsam Widerstand spüren lässt, gibt mir wenig Hoffnung. Schließlich kennt keiner das Ende einer Entwicklung, in der alle nur noch unzufrieden sind und letztlich die Demokratie auf den Müllhaufen der Geschichte wünschen. Was kommt denn dann?

  3. Ich mache mir da, glaube ich, gar nicht mehr so viele Sorgen wie noch vor ein, zwei Jahren. Ich habe enormen Respekt vor all den jungen Leuten ab Schülern aufwärts, vielleicht entwickelt sich da ja eine beeindruckende Konsequenz des Denkens und Handelns.

    Die erleben gerade, dass sie beachtlichen Einfluss und Druck erzeugen können, auch wenn sie vom politischen und wirtschaftlichen sogenannten „Establishment“ gerade energisch verhöhnt, beschimpft, diffamiert und belogen werden.

    Sie lernen gerade, dass sie von all diesem Personal nicht mehr viel zu erwarten haben, und ich mache mir wenig Sorgen darum, dass es da es unter diesen jungen Leuten nennenswert viele AFD wählende Loser gibt. Die große überwiegende Mehrheit von ihnen ist dazu einfach nicht verblödet genug. Und von populistischen Politschwätzern idiotisiert.

    Da bin ich einfach mal optimistisch, ganz entgegen meiner Natur.

    Ich glaube, in den Augen vieler davon machen sich auch Gestalten wie Scheuer oder Lindner bloß lächerlich in ihrer ganzen lobbyhörigen Armseligkeit. Du deutetest es ja an.

    Ich phantasiere mal, hoffnungsvoll: Wenn genügend junge Leute übrig bleiben, für die #NieWiederCDU, #NieMehrSPD und #SchongarnichtFDP nachhaltig Bedeutung hat, dann erleben wir alte Hüte womöglich, wie dieser alte, in seiner Borniertheit erstarrte Politmüll schneller abdanken muss als ihm lieb sein kann.

    Bis dahin muss ich nur, um meine gute Laune nicht zu verlieren, daran denken, rechtzeitig den Fernseher abzuschalten, wenn Kramp-Karrenbauer, Nahles, Söder und Co. auftreten… 😉

  4. Die Parteiendemokratie muss durch was Neues ersetzt werden. Dafür bin ich unbedingt. Ich weiß bloß nicht so richtig, gegen was. Die Modelle der Piraten waren verheißungsvoll. Vielleicht war es zu früh dafür? Bewegung ist jedenfalls genug. Und ja, ich bin auch dafür, uns nicht die gute Laune versauen zu lassen. Das sind diese Repräsentanten einer Bescheißpolitik echt nicht wert.

Schreibe einen Kommentar

shares