Nähe macht den Unterschied

Meine Frau und ich waren uns gestern Abend einig. Schon lange hatten wir keinen so berührenden und fantastisch gespielten Film gesehen. Natürlich vor allem deshalb, weil der Film auf einer wahren Geschichte beruht.

Es geht um „Green Book“ bzw. um eine sich langsam entwickelnde Freundschaft zweier Menschen, die bewegend, vor allem jedoch unglaublich ermutigend ist.

Dass der Film nicht nur mit dem Oskar 2019, sondern mit vielen weiteren Auszeichnungen geehrt wurde, bestätigt, dass auch von Kritikern hochgelobte Filme ein begeistertes Publikum unter „normalen Menschen“ finden können. Ich glaube, dass ist ja nicht immer der Fall.🥇

Die Hauptdarsteller (Vicco Mortensen und Mahershala Ali) waren ebenso für den Oskar nominiert, Vicco Mortensen als bester Hauptdarsteller und Mahershale Ali als bester Nebendarsteller. Für mich waren beide DIE Hauptdarsteller dieses wunderbar gelungenen Films. Dass Mahershale Ali als beste Nebendarsteller nominiert wurde, mag daran liegen, dass die Jury auf diese Art und Weise sicherstellen wollte, dass beide eine Oskar – Chance erhielten. Mein erster Gedanke war ein anderer. Nun – Vicco Mortonsen ging leer aus, Mahershale Ali erhielt den Oskar 2019 als bester Nebendarsteller.

Die beiden Männer stammten aus sehr verschiedenen Welten. Mortensen spielt den einfachen Arbeiter Tony Lip Vallelonga mit italienischem Migrationshintergrund einfach wunderbar. Sein zu Beginn etwas steif wirkender Partner, der hochgebildete und begnadete klassische Pianist Dr. Don Shirley engagiert Tony nach einer Empfehlung als Fahrer für eine Tournee durch die Südstaaten der USA. Shirleys erstes Angebot lehnt Tony mit den Worten ab: „Sie – in den Südstaaten? Da gibts sicher Probleme“.

Die gemeinsame Reise startet dann doch und die Zuschauer werden einerseits Zeugen der für die Zeit (1962) „normalen“ Ressentiments, die mal stärker, mal schwächer ausgeprägt in rassistische Äußerungen oder Übergriffen ausarten. Die Übergriffe äußern sich auch in Konflikten mit der örtlichen Polizei. Die beiden Männer sitzen gemeinsam in einer kleinen Zelle. Dr. Shirley verlangt den bereits damals gesetzlich zugestandenen einen Anruf nach der Festnahme. Er darf telefonieren, woraufhin sich die missliche Lage der beiden Männer sehr rasch ändert.

Der Gouverneur des Staates ruft persönlich bei der Polizeistation an und erklärt dem örtlichen Polizeichef, dass er die Häftlinge unverzüglich freizulassen habe. Der damalige US-Justizminister Robert Kennedy war, wie sich später herausstellt, der Empfänger von Dr. Shirleys Anruf. Die nach der Verhaftung notwendig gewordene Intervention bei Kennedy nahm Dr. Shirley seinem Begleiter Tony übel. Dieser hatte einem der Polizisten bei einer Verkehrskontrolle einen Fausthieb versetzt, weil dieser ihn aufgrund seines italienischen Namens als „halben Nigger“ bezeichnet hatte.

Dr. Shirley erklärt Tony, dass sein Anruf bei Kennedy nur aufgrund seiner Unbeherrschtheit erforderlich geworden sei und er habe das Anliegen seines Anrufes beim US-Justizminister als würdelos empfunden. Zu Beginn des Films wurde erwähnt, dass Dr. Shirley zweimal im Weißen Haus empfangen worden sei.

Der Film ist reich an solchen und ähnlichen gemeinsamen Erlebnissen. Den „kleinen“ Alttags-Rassismus, der dem in New York lebenden Tony zu eigen ist, überwindet dieser im Laufe der gemeinsamen Reise. Es stellt sich eine Nähe zwischen den beiden Männern ein, die vor allem in den Szenen deutlich wird, in denen Dr. Shirley Tony bei der Formulierung der Briefe hilft, die dieser regelmäßig an seine Frau schreibt.

Bei einem Spaziergang durch ein Städtchen bleiben die beiden Männer vor einem Herrenausstattungsgeschäft stehen. Dr. Shirley findet den ausgestellten Anzug mit Weste hübsch und Tony ermuntert ihn, ins Geschäft zu gehen und ihn anzuprobieren: „Der Kerl sieht aus wie Sie“. „Der Kerl“, eine Schaufensterpuppe, ist weiß.

Im Geschäft erleben die beiden erneut jenen brutalen Rassismus, der für die meisten Zuschauer wohl unvorstellbar ist, der jedoch – in dieser Zeit – für die Südstaaten eine Art von Normalität darstellte. Im Film wird davon erzählt, dass Nat King Cole sechs Jahre zuvor in einem Club für Weiße (Birmingham) den ersten Auftritt eines Schwarzen absolviert hätte. Sobald das Konzert anfing, hätten sich mehrere weiße Männer auf ihn gestürzt und ihn halbtot geschlagen. Er hatte es gewagt, als Schwarzer Musik von Weißen zu spielen.

Warum sich Dr. Shirley als schwarzer, schwuler Mann dieser furchtbaren Behandlung durch weiße Rassisten ausgesetzt hat, hat sich mir persönlich nicht ganz erschlossen. Einer der beiden musikalischen Begleiter Dr. Shirleys erläutert Tony die Motivation für dessen Reise durch die Südstaaten. Er machte es deshalb, „weil Genie allein nicht reicht. Um die Einstellung der Menschen zu ändern, braucht man Courage“.

Wirkliche Freude sind dabei wichtig. Das zeigt dieser wunderbare Film vor allem. Tony und Dr. Shirley blieben bis zu ihrem Lebensende befreundet.


Der geschilderte Vorfall mit Nat King Cole scheint sich etwas anders zugetragen zu haben, als er im Film dargestellt wird (s. Link zum Guardian) Die Hintergründe sind nichtsdestoweniger arg bedrückend.

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About the Author

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

2 Kommentare

  1. Ich habe mir diesen Film in der letzten Woche gestreamt und ich war genauso begeistert, wie ihr. Zumal es die Protagonisten ja tatsächlich gegeben hat!
    Und der ehemalig Aragorn Vicco Mortensen als Italo mit viel zu viel Brisk in den Haaren – genial.
    LG
    Sabienes

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