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Schluss mit den Vorurteilen gegen den Öffentlichen Dienst

Die Demografie wirkt überall. Nicht nur in der Pflege und in Bereichen des Öffentlichen Dienstes

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In diesem Artikel wird ein möglicher Systemkollaps im Öffentlichen Dienst gewahrsagt. Es kommen dort viele verschiedene Gründe für eine Entwicklung zur Sprache, die uns mehr und mehr beschäftigen. Viele davon lassen sich ohne weiteres von allen nachvollziehen. Nur, frage ich mich, wann fangen wir an, wirksam gegenzusteuern?

Die Kommentare sind, wie so oft, ebenfalls ganz interessant. Es wird deutlich, wie voreingenommen viele gegen den Öffentlichen Dienst sind. Häme und unfaire Vorhaltungen helfen bloß ebenso wenig bei der Lösung der längst sichtbaren Probleme, wie die Zusammenfassung der Gründe für diese Entwicklung. Pragmatische Lösungen würden gebraucht! In höheren Einkommen für die Beschäftigen werden sie nicht zu finden sein.

Lösungskompetenz

Was mich irritiert, ist die breite Zurückhaltung bei Lösungsansätzen. Im Artikel selbst wie auch in den Kommentaren kommen viele Vorbehalte aber Lösungsansätze sind rar oder sie kommen in Form dummer Ratschlägen vor.

Mehr Personal, bessere Ausstattung (IT), bessere Verdienstmöglichkeiten.

Dieser Dreiklang wird die Verhältnisse nicht umkehren! Einmal ganz abgesehen davon, dass solche Veränderungen, ganz unabhängig davon, wo sie stattfinden, einen langen Zeitraum beanspruchen dürften.

Außerdem frage ich mich, woher die Projektmitarbeiter kommen sollen, die für so große Reorgansationsvorhaben vonnöten wären. Ich meine, die Projekte sollten nicht von externen Unternehmensberatungen durchgeführt werden, sondern von den eigenen Kräften. Die Kompetenz ist dort vorhanden. Ich möchte das jedenfalls nicht bezweifeln.

Shoppen

Wenn aber viele Behörden bereits heute hoffnungslos überlastet sind (lassen wir alle substanzlosen Vorbehalte gegen die Arbeitsweise im Öffentlichen Dienst mal ganz beiseite), so ist es schwer vorstellbar, wie solche Großprojekte, die noch dazu überregional und überbehördlich geplant und durchgeführt werden müssten, gemanagt werden. Kann man Studenten, Referendare einsetzen, um Lücken zu schließen?

Als Rechtsreferendare in Hamburg arbeiteten wir zu 8 in der Verwaltungsstation: wir haben aus lauter Langeweile die Anträge der Bürger aus 6 Monaten in 3 Wochen komplett abgearbeitet, danach noch die Altfälle abgebaut und immer noch eine gute Zeit gehabt. Die Besamten verwalteten sich nur selbst in unerträglichem Schneckentempo, aber immer jammernd über den Stress. Ein Witz.

Leserkommentar Welt-Online

Das wird manche Vorurteile bestätigen. Mit solchen boshaften Anschuldigungen ist kaum etwas zu erreichen. Um neue Ufer / Methoden geht es zwangsläufig. Auf eine ausgeprägte Veränderungsbereitschaft sind alle damit betrauten Stellen angewiesen. Denn die vom Beamtenbund prognostizierte Verschlimmerung durch die massenhafte Verrentung vieler MitarbeiterInnen im Öffentlichen Dienst wird auch dort (wie natürlich auch in der freien Wirtschaft) die Lage sehr zuspitzen.

Sparen / Kaputtgespart? – Schwarze Null

Die Hauptschuld am heutigen Dilemma wird den Einsparungen in den vergangenen Jahren zugewiesen, die seit Jahren in diesen Bereichen wirken.

Die Funktionalität ist vermutlich auf ganz ähnliche Weise ruiniert worden, wie die im Gesundheitswesen. Alle Bereiche unter rein ökonomischen Aspekten zu betreiben, war falsch. Leider entsprach sie dem Zeitgeist. Überwunden ist diese Einstellung längst noch nicht (schwarze Null!).

Die Reparaturarbeiten werden viel Zeit, Kraft und Geld! erfordern, umso mehr – wie gesagt – als das Personal für die nötigen Projekte kaum zur Verfügung stehen dürfte.

Wenn heute zu wenige Staatsanwälte und Richter (wobei ich zuletzt gelesen habe, dass der Richtermangel behoben sei) zur Verfügung stehen, um die Zahl der Verfahren zeitnah und nicht erst mit jahrelanger Verzögerung abzuarbeiten, wie sollen genau diese Leute (die ja die Expertise in ihren Bereichen besitzen) solche großen Reformprojekte managen?

In der freien Wirtschaft ist es durchaus normal, dass die Stäbe für solche Aufgabe aus den Mitarbeitern rekrutiert werden. Darunter befinden sich, wenn überhaupt, wenige Mitarbeiter aus Unternehmensberatungen.

Könnte man nicht bei den Verfahren selbst ansetzen, also bei den zu bearbeitenden Anträgen, Vorgängen oder wie man das in der Verwaltungssprache so nennt? Wenn es stimmt, dass es um die IT – Ausstattung in den Verwaltungen so schlecht bestellt ist, sollte man dort anfangen. Investiert in Hard- und Software und stimmt den Einsatz untereinander ab. Das spart Kosten und verringert Reibungsverluste.

Behörden- und bereitsübergreifende Lösungen

Parallel wäre es sinnvoll, behörden- und bereichsübergreifende Prozesslösungen zu favorisieren und diese abgestimmt sukzessive in immer größeren Bereichen einzuführen. Möglichst auch über die Ländergrenzen (national und international) hinweg.

  1. Wer bearbeitet bestimmte Arten von Vorgängen am effizientesten?
  2. Wer hat die kürzeste Durchlauf-/Bearbeitungszeit für welche Arten von Anträgen und Verfahren?

Einspruch

Es ist nötig, bestimmte Verfahren hinsichtlich der heute bestehenden Einspruchsmöglichkeiten von Einzelpersonen und kleinen Gruppen zu hinterfragen.

Ich denke dabei insbesondere an die befremdliche Entwicklung bei den Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen. Das ist wohl das falsche Ende, um mehr Demokratie zu wagen? Die Verfahren werden offenbar ja durch die geschaffenen Möglichkeiten so furchtbar lang, dass wir nicht mehr voran kommen. Und das, obwohl jeder weiß, dass wir mehr Windkraft brauchen! Aber das hält die Windkraftgegner nicht davon ab, die rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Im 1. Halbjahr 2019 wurden viel weniger neue Anlagen zugebaut wie in den Jahren zuvor.

Wie in vielen anderen Bereichen müssen die Verfahren überprüft und dringend nach vordefinierten Effizienzgesichtspunkten angepasst werden. Dazu zählen auch die Einspruchsmöglichkeiten.

Allein das Beispiel zeigt schon, wie dick die Bretter sind, die gebohrt werden müssen!

Demografie

Ich glaube, wir können es drehen und wenden wie wir wollen, die demografische Entwicklung, über die in diesen Zusammenhängen viel zu wenig gesprochen wird, ist Grund für all diese negativen Prognosen.

Demografie

Vielleicht ist es eine Illusion, die negativen Tendenzen mithilfe technischer und organisatorischer Mitteln in den Griff bekommen zu können. Aber darin besteht nach heutigem Ermessen die einzige Chance, den Folgen der Entwicklung vielleicht noch entgehen zu können. Was wird eigentlich aus dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz oder wie dieses Ding unserer Regierung heißt, das eigentlich ein Einwanderungsgesetz sein müsste? Können uns weitere Millionen von ausländischen Fachkräften helfen, die Folgen der von uns selbst herbeigeführten demografischen Entwicklung abzumildern? Wenn man die Rassisten danach fragt… Das Gesetz tritt am 1. März 2020 in Kraft. Die Regierung rechnet mit 25.000 zusätzlichen Fachkräften, die wir aus dem Ausland gewinnen könnten. Na dann.





Artikelautor Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

2 Gedanken zu „Schluss mit den Vorurteilen gegen den Öffentlichen Dienst“

  1. Also der Kommentar der Rechtsrefrendare ist doch keine „boshafte Anschuldigung“, sondern ein Erlebnisbericht! Witzigerweise entspricht er so mancher Erfahrung, die ich vor über 40 Jahren bei diversen Studi-Jobs machte – in der Verwaltung, aber auch bei großen Unternehmen. Mir ist es passiert, dass ich am ersten Tag einer neuen Stelle als Büroaushilfe eine recht große Halde von „Vorgängen“ grade so abzuarbeiten schaffte – und fürchtete, dass die Arbeit für den nächsten Tag noch mehr werden könnte. Statt dessen erfuhr ich, dass das alles war, was binnen einer Woche liegen geblieben war wegen Krankheit der Frau, die ich vertrat! Oha!
    Ich hätte nicht gedacht, dass derlei in Zeiten verdichteter Arbeit und Personalmangels stellenweise noch genauso vorkommt!

    Der Artikel ist jetzt übrigens unter Zahlschranke, Kommentare sind auch nicht mehr lesbar.

    Die Lage im öffentlichen Dienst hat gewiss viele Ursachen und ist mit pauschalen Antworten nicht zu verbessern.
    -> Die erwähnten Daten, die erhoben, aber nie genutzt werden, müsste man nicht mehr erheben.
    -> Die Länder müssten mehr zusammen arbeiten anstatt das jeder seins macht, insbesondere bei der Software-Entwicklung (es gibt eh zu wenige Entwickler/innern).
    -> Onlinisierung vieler Vorgänge wäre toll, geht aber nur, wenn die Bürger auch mitmachen, z.B. den Perso mit Chip nutzen und / oder andere Formen der Authentifizierung mitmachen würden. Da ist noch viel Luft nach oben!
    -> Entkriminalisierung z.B. von Schwarzfahren und Cannabis-Nutzung würde Gerichte / Staatsanwaltschaften entlasten.
    -> Stichwort „Personalüberhang“ – sofern es das heute noch gibt (was ich annehme) sollten die beamtenrechtlichen Vorgaben evtl. geändert werden. Heißt: bessere Möglichkeiten, die Leute dahin zu versetzen, wo sie dringend gebraucht werden.
    -> Regelungen sollten nicht nur eingeführt, sondern auch überprüft und wieder abgeschafft werden.
    etc. usw. es gibt bestimmt noch eine Menge andere Möglichkeiten!

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  2. Mir ist nicht klar, ob ich das schon mal irgendwo geschrieben habe. Wahrscheinlich nicht deutlich genug. Es geht mir gar nicht darum, Bewertungen irgendwelcher vom Personalmangel besonders betroffenen Bereiche herauszupicken und denen zu sagen, wie es besser gehen könnte. Mir geht es um die konzentrierte Aufmerksamkeit darauf, dass wir immer stärker in den Sog der demografischen Entwicklung geraten. Mit mehr Geld, besserer Organisation oder mit mehr Einsatz der Leute in besagten Bereichen werden wir für meine Begriffe überhaupt nichts gewinnen können. Wir haben, fürchte ich, einfach zu wenig Menschen im Land. Jedenfalls zu wenig, die die Aufgaben übernehmen könnten, für die es wachsende Vakanzen gibt.

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