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Sollen Geschäfte durchgehend 24 Stunden und auch an Weihnachten geöffnet haben?

Nächstenliebe lebt mit tausend Seelen, Egoismus mit einer einzigen, und die ist erbärmlich. – Marie von Ebner-Eschenbach

Das Thema Ladenöffnungszeiten ist immer noch virulent. Auch für mich ist es nicht ausgestanden. Denn ich bin gegen die Liberalisierung gewesen, auch heute noch! Ob die nach jahrelangem Druck marktliberaler Kräfte 2006 eingeführten neuen Regelungen so beliebt sind, wie es mir mitunter vorkommt?

Der eigene Komfort geht über alles

Insbesondere junge Leute werden an den „Komfort“ des Internets so gewöhnt sein, dass es ihnen sogar unnatürlich erscheint, wenn der stationäre Handel nicht durchgängig geöffnet hat. Sogar die echt alten Argumente, dass beispielsweise Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste schließlich auch rund um die Uhr arbeiten würden, werden immer noch benutzt.

Mancher beklagt, dass die Geschäfte an Weihnachten gleich zwei Tage komplett geschlossen sind. Für solche Menschen ist schon eine echte Zumutung, dass die Leute, die im stationären Handel arbeiten, an ein paar Tagen mal frei haben. Woanders ist man da deutlich zurückhaltender. Es gibt natürlich auch die USA, wo jeder Unternehmer tut, was will. Gesetzliche Ladenschlusszeiten gibt es nicht.

Familienfreundliche Lösungen

Darüber, dass viel mehr Menschen als früher mit familienunfreundlichen und gesundheitsschädlichen Schichtdiensten und dazu mit geringen Einkommen klarkommen müssen, interessiert die Befürworter einer vierundzwanzigstündigen Öffnungszeit für den kompletten stationären Handel nicht!

Aufbereitung von mir (Klick zur Vergrößerung)

Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Entstehen unseres großen Niedriglohnsektors (ca. 8 Millionen Menschen) über den wir uns pauschal gern beschweren und der Änderung der Ladenöffnungszeiten. Dafür spricht schon allein der Kostendruck, der durch die höheren Energie- und Personalkosten für längere Öffnungszeiten seit 2006 entstanden ist. Dass die Agenda-Politik Schröders stark beigetragen hat kommt hinzu.

Der reale Stundenlohn des Medians ist seit Mitte der 1990er-Jahre kaum gewachsen. Die starke Ausdehnung des Niedriglohnbereichs ist vielmehr die Folge sinkender Reallöhne beim Drittel der Beschäftigten mit den niedrigsten Stundenlöhnen. Die Reallöhne der 10 Prozent der Beschäftigten mit den niedrigsten Stundenlöhnen sind seit 1995 um 10 Prozent gefallen. Die Reallöhne der oberen 50 Prozent dagegen sind deutlich gewachsen. (Marcel Fratzscher, Präsident DIW, Berlin)

Geringverdiener: In der Niedriglohnfalle | ZEIT ONLINE

Wettbewerb belebt das Geschäft?

Wir denken nicht in Wirkungszusammenhängen, beschweren uns aber nichtsdestoweniger darüber, dass der stationäre Handel wegen des großen Wettbewerbsdrucks durch das Internet und die großen Ketten mehr und mehr aus dem Stadtbild verschwindet. In mittleren und kleineren Städten sind die vielen leerstehenden Geschäftsräume unübersehbar. Dass die Verantwortlichen in den Kommunen ihr Heil darin suchen, neue Einkaufspassagen oder gar Einkaufszentren zu errichten, wird dieses Problem aus meiner Sicht eher noch verschärfen. Es ist nicht zwingend so, dass Konkurrenz das Geschäft belebt oder das gesamte Angebot der Stadt aufwertet. Beispiele für Fehlinvestitionen finden sich in vielen Regionen. Auch in unserer regionalen Umgebung lassen sich negative Beispiel finden.

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Egoistische Einzelmeinung?

Zum Schluss ein Auszug aus dem Plädoyer eines 28jährigen Voluntärs, der die Pro-Position in einer Diskussion zum Thema im heutigen Kölner Stadt-Anzeiger vertritt:

Jeder vierte Beschäftige arbeitet nach 19 Uhr oder samstags oder beides, jeder siebte sonntags, jeder zehnte nachts. Und längst nicht alle empfinden das als Zumutung. Wer sich entscheidet, LKW-Fahrer, Flugbegleiter oder Barkeeper zu werden, weiß, worauf er sich einlässt. Aber er tut es trotzdem, weil er es will oder Zuschläge für Nächte und Wochenenden bekommt. Für Supermarktkassierer sollte das Gleiche gelten. Wer um 15 Uhr Feierabend haben will und freitags gern etwas früher, kann ja Lehrer werden oder beim Straßenverkehrsamt anfangen.

Dieser sympathische junge Mann vertritt die Egoistenfraktion beredt und liegt damit auf der Linie der Menschen, denen das Wohl anderer komplett am Allerwertesten vorbeigeht. Mich erinnern seine Worte an die eine oder andere Aussage, die für Verstimmung sorgte. Aber viele werden seiner „Argumentation“ gern folgen.

Was kümmern mich die anderen?

Ich habe es genossen, wenn ich als normaler Angestellter während meiner späten Berufsjahre freitags schon um 14 oder 15 Uhr und dann sogar um 12 Uhr nach Hause gehen konnte oder wie selbstverständlich die Möglichkeit nutzte, Brückentage zu „nehmen“. Wie viele von denen, die das mit mir getan haben und immer noch tun, denken mal an die Menschen, die für ihren Komfort Schichtdienst und geringes Einkommen in Kauf nehmen?

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Wer in Zeiten geänderter Ladenschlusszeitungen ein bestimmtes Geschäft aufsuchen möchte, dem sei (zumal auf dem Land) angeraten, das Internet nach den spezifischen Öffnungszeiten zu befragen. Sonst laufen Sie nämlich vor die geschlossene Tür. Ein Geschäft öffnet um 8.30, ein anderes um 10.30 Uhr, ein Geschäft schließt um 18.00 Uhr, ein anderes um 19 oder 20.00 Uhr. Für mich klingt das nicht nach Kundenorientierung.

Wie schön war das früher ™, als die Geschäfte um 8.30 Uhr öffneten und um 18.30 Uhr geschlossen wurden. Samstags waren nach 14.00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt, weil alle Geschäfte geschlossen hatten. Nun, ganz so muss es ja auch nicht sein.

Update: 17.11.2019


Eben lese ich von der Neueröffnung (21.11.2019) eines Einkaufszentrum in Bergheim. Dort sind die Firmen HIT, Aldi, dm, Ernstings family, Expert und Woolworth vertreten. Die Öffnungszeiten sind selbst an diesem Tag unterschiedlich. Manche öffnen, so wie es im Prospekt oben drüber steht, um 7.00 Uhr, andere um 8.00 und wieder andere um 9.00 Uhr. Ob sie alle um 20.00 Uhr schließen (manche nennen diese Zeit), ist dem Prospekt nicht zu entnehmen.

Von Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

Über mich

2 Antworten auf „Sollen Geschäfte durchgehend 24 Stunden und auch an Weihnachten geöffnet haben?“

Ich habe mal eine solche Diskussion grinsend abgewürgt, wo auch ein Radikal- (oder Neo-) Liberaler die Ansicht vertrat, dass im Einzelhandel die Ladenöffnungszeiten freigegeben werden müssten, wegen der Freiheit der unternehmerischen Entscheidung und der (empirisch unbegründeten) Behauptung, dass viele Arbeitnehmer ja auch wg. Zuschlägen u.ä. lange Arbeitszeiten wollten (und dann kommen die von dir o.g. irrelevanten Beispiele).

Mein Vorschlag für eine Regelung der freien Arbeitszeiten war dann, dass zur Öffnungszeit eines Geschäfts grundsätzlich immer ein geschäftsführend verantwortlicher Mitarbeiter im Haus sein muss. Also der Inhaber, Geschäftsführer oder ein Vorstandsmitglied.

Diskussion erledigt, denn:
DAS IST NATÜRLICH VÖLLIG UNDENKBAR! 😉

Kein Geschäftsinhaber würde selbst von 8:00 bis 24:00 in seinem Laden sitzen und vorbildlichen Kundenservice bieten — und auf diese Weise seine wirtschaftliche Freiheit genießen. Aber von seinen Angestellten zu verlangen, ihre wirtschaftliche Abhängigkeit auf diese Weise zu genießen, fällt ihm ganz leicht…

Fast alle Liberalen dieser Prägung sind genau so lange liberal, wie sie selbst von (wirklich) liberalen Verhältnissen keine Nachteile haben. Wenn doch, werden sie ganz schnell zu eifrigen Vertretern einer regulierenden Ordnungs- und Förderungspolitik.

Keine schlechte Methode, die Leute dazu zu zwingen, sich in die Lage der Angestellten zu versetzen. Diejenigen, die laut den kompletten Wegfall der Ladenschlusszeiten fordern, können es sich i.d.R. selbst nicht vorstellen, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Allein das Beispiel mit dem neuen Zentrum (Update) zeigt, wie wenig kundenorientiert das ist. Da wird ein solche Ding eröffnet und selbst am Eröffnungstag lassen sich keine einheitlichen Öffnungszeiten bestimmen. Geht also jemand um 7.00 Uhr ins Center (aus welchen Gründen auch immer man sowas tun sollte), kann er bestimmte Geschäfte nicht betreten, weil die erst um 9.00 Uhr geöffnet werden…

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