Ziehen wir die richtigen Konsequenzen aus unseren Erfahrungen?

Das Inter­net wird zu sehr als Spiel­zeug wahr­ge­nom­men. Dabei nut­zen es vie­le als Werk­zeug. Und zwar nicht, um damit Gutes zu bewirken.


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Unse­re Ein­stel­lung zum Inter­net ist durch­wach­sen. Wir ler­nen lang­sam dazu. Wir erken­nen vie­le Fall­stri­cke. Die feh­ler­freie Nut­zung sei­ner eige­nen Spra­che ist viel­leicht eher was für Nerds oder Nati­ves. Das Ver­ständ­nis ins­ge­samt bleibt ausbaufähig. 

Auf rea­le Auf­ga­ben­stel­lun­gen, die mit Begrif­fen wie Quel­len­kri­tik ver­bun­den sind, ver­ste­hen wir uns nicht wirk­lich. Die Nut­zung des Medi­ums selbst ist nichts­des­to­trotz zur puren Selbst­ver­ständ­lich­keit gewor­den. Die mobi­len Nut­zungs­mög­lich­kei­ten haben es end­gül­tig unver­zicht­bar gemacht.

Informationen ungeprüft

Dass das Inter­net das Wis­sen der Welt sekünd­lich abruf­bar macht, ist groß­ar­tig. Allein sein Unter­hal­tungs­wert ist kaum genug wert­zu­schät­zen. Die­ser ist längst nicht beschränkt auf You­tube, Net­flix, Ama­zon, iTu­nes oder die unzäh­li­gen Ange­bo­te im Games-Sektor. 

Ich fin­de es toll, Tex­te zu schrei­ben und sie sofort ver­öf­fent­li­chen zu kön­nen. Plötz­lich waren wir alle in der Lage, Emp­fän­ger und Sen­der gleich­zei­tig zu sein.

Deutsche Blogsphäre

Es gibt deutsch­spra­chi­ge Blogs, die noch frü­her als die hier auf­ge­führ­ten gegrün­det wurden. 

Vie­le ken­ne ich nicht nur dem Namen nach. Mir fehlt in den Lis­ten eine Blog­ge­rin der ers­ten Stun­de. Clau­dia Klin­gers «Digi­tal Dia­ry» gibt es näm­lich schon seit 1999.

Damals war ich auch bereits im Inter­net unter­wegs, aller­dings nur mit einer sta­ti­schen Web­site (Offi­ce­tipps). Ich dach­te, es wäre sinn­voll, mei­ne schon recht brauch­ba­ren Kennt­nis­se in Excel, Access und Word einer brei­te­ren Öffent­lich­keit zugäng­lich zu machen. Ich glau­be, es war unge­fähr 1995, als ich das Pro­jekt gestar­tet habe. 


Skepsis

Par­al­lel zu mei­ner Begeis­te­rung für das Inter­net und das Blog­gen exis­tiert Skep­sis. Dar­über habe ich häu­fig geschrie­ben. Hät­te ich nicht jede Men­ge Blogs und Tex­te gelöscht, könn­te ich jetzt noch auf sol­che Bei­spie­le ver­wei­sen. Nun, manch­mal den­ke ich, mei­ne bes­ten Tex­te wären die, die kei­ner mehr lesen kann. 


Wie formt und ver­än­dert es eine Gesell­schaft, wenn sich so viel mehr Men­schen skep­tisch und viel weni­ger ihre Zustim­mung äußern, wenn die Kri­tik an gewähl­ten Poli­ti­kern öffent­lich so scho­nungs­los vor­ge­tra­gen wird? 

Es ist eine Bin­sen­weis­heit, dass nega­ti­ve Erleb­nis­se oder Erfah­run­gen häu­fi­ger zu Reak­tio­nen füh­ren. Das war in der ana­lo­gen Zeit nicht anders. Heu­te ver­fü­gen wir jedoch mit dem Inter­net über Mul­ti­pli­ka­to­ren, die von ganz ande­rem Kali­ber sind. Der Shit­s­torm ist nur eine Vari­an­te.

Die Blog­ge­rIn­nen, die so genann­te Watch – Blogs betrei­ben, sehen ihre Auf­ga­be dar­in, zum Bei­spiel bestimm­te Medi­en, Par­tei­en oder gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen zu tra­cken und die Ergeb­nis­se nicht nur zu the­ma­ti­sie­ren, son­dern die­se aus unter­schied­li­chen Grün­den zu skandalisieren. 

Gesellschaftliche Veränderungen

Dabei spielt im Ide­al­fall die Hoff­nung eine Rol­le, gesell­schaft­li­che Reak­tio­nen zu erzie­len und in der Fol­ge posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen. Den Lese­rIn­nen wäre einer­seits zu wün­schen, die Absicht nicht von vorn­her­ein fehl­zu­deu­ten oder die­se anzu­grei­fen, son­dern sich inhalt­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen und den Autoren nicht gleich schlech­te Absich­ten (zum Bei­spiel Click­bai­t­ing) zu unterstellen.


Viel­leicht hat schon ein­mal jemand an einem Stamm­tisch geses­sen und wur­de dort mit poli­tisch inkor­rek­ten Äuße­run­gen kon­fron­tiert? Oder haben Sie die­se mit­be­kom­men, weil sie am Nach­bar­tisch sas­sen und ihnen sind ange­sichts der Äuße­run­gen die Gesichts­zü­ge ent­gleist? Das ist die typi­sche Erfah­rung aus der ana­lo­gen Zeit, die immer dann bemüht wird, wenn man die digi­ta­le Ära mit frü­her ™ ver­glei­chen will. Heu­te wer­den Vide­os, Pod­casts oder Blog­posts von viel mehr Leu­ten gese­hen, gehört und gele­sen. Die Zahl der Adres­sa­ten ist expo­nen­ti­ell gestie­gen, ihre Reak­tio­nen damit ebenso.


Appelle

Ich habe hier pro­biert, anhand eini­ge simp­ler Punk­te, die Fall­stri­cke des Inter­nets zu beschrei­ben. Mir ist bewusst, dass das Phä­no­men viel grö­ßer ist und es mas­sen­haft wei­te­re Aspek­te gibt. Ich will denen, die trotz aller schlim­men Aus­wüch­se im und durch das Inter­net so tun, als sei es nichts wei­ter als ein Spie­gel unse­rer Gesell­schaft, vor Augen füh­ren, dass die­ser Glau­be bei mir den Ein­druck der Fahr­läs­sig­keit hin­ter­lässt. Die mensch­li­che Lern­fä­hig­keit wird in mei­nen Augen grob überschätzt. 

#Neu­land Auch so genann­te Nati­ves sind Wir­kun­gen des Inter­nets aus­ge­setzt, von denen man nur ahnen kann, dass die­se einen gro­ßen Anteil an der Zer­stö­rung demo­kra­ti­schen Grund­ord­nun­gen haben könn­ten. Wer möch­te bestrei­ten, dass es sol­che Ten­den­zen längst gibt? Und zwar weltweit. 

Ich mei­ne damit nicht allein die rech­ten Sek­tie­rer, die sich auf irgend­wel­chen Image­boards tum­meln und sich gegen­sei­tig beim Mas­tur­bie­ren zuschau­en, wäh­rend ihre ideo­lo­gi­schen Vor­tur­ner will­kür­lich Men­schen töten.

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Horst Schulte
Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

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2 Gedanken zu „Ziehen wir die richtigen Konsequenzen aus unseren Erfahrungen?“

  1. Dan­ke für die Erwäh­nung des Digi­tal Dia­rys – ich hab an Bene­dikt gemailt und um Auf­nah­me in die Lis­te gebeten.

    Was das Skan­da­li­sie­ren angeht: Das machen nicht nur die Watch-Blogs, die sich immer­hin in der Regel um halb­wegs stim­mi­ge Din­ge aufregen.
    Vie­le kri­ti­sche / skan­da­li­sie­ren­de Postings und Tweets eröff­nen auch einen erschre­cken­den Blick auf man­geln­de Bil­dung in Bezug auf das Funk­tio­nie­ren des Staats, der Recht­spre­chung, der par­la­men­ta­ri­schen Abläu­fe, der Gebun­den­heit ans Grund­ge­setz etc. usw. 

    Anschei­nend wird das in den Schu­len nicht Pra­xis-nah ver­mit­telt – mit eben der Fol­ge, dass Leu­te völ­lig fal­sche Vor­stel­lun­gen ent­wi­ckeln, wie Wirt­schaft und Poli­tik zusam­men wirken.
    Da wird etwa gefor­dert, dass ein Minis­ter prak­tisch ein Exper­te in sei­nem Metier sein soll­te – und dass Geset­ze völ­lig OHNE Betei­li­gung der­je­ni­gen gemacht wer­den sol­len, die es betrifft. Weil: Lob­bys sind ja durch­weg immer böse. Woge­gen Umwelt­ver­bän­de, Mie­ter­ver­ei­ne etc. selbst­ver­ständ­lich gehört wer­den sol­len – sie hei­ßen ja auch nicht «Lob­by», son­dern «Betrof­fe­ne» oder «NGOs», die natür­lich immer die Guten sind. 

    Sind jetzt nur Bei­spie­le, mar­kiert aber ein Grun­d­un­ver­ständ­nis, wie ein Staat sinn­vol­ler­wei­se funktioniert.

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  2. Hal­lo Clau­dia, Dan­ke für die Ergän­zun­gen. Es ist ja so, dass nicht nur die Watch-Blogs (oder ich 🙂 ) aktu­el­le The­men auf­grei­fen und dar­aus Nek­tar zie­hen, das gan­ze Inter­net besteht, wenn ich es mir recht über­le­ge, zu einem wirk­lich gro­ßen Teil aus Kri­tik und Skan­da­li­sie­rung. Kon­struk­ti­ve Bei­trä­ge schei­nen viel sel­te­ner zu sein als das Gegen­teil. Ich den­ke, das ist ein gesell­schaft­li­ches Phä­no­men, das in der ana­lo­gen Welt nicht eine sol­che Hef­tig­keit und Wir­kung erzie­len konn­te. Im TV gibt es die­se Sen­dun­gen, die regel­mä­ßig die Arbeits­wei­se von Hand­wer­kern «unter­su­chen». Die Ergeb­nis­se sind oft, wie vie­le es wohl schon vor­her erwar­tet hat­ten: Da siehs­te es wie­der… Mir berei­tet das Unbe­ha­gen, weil es oft so wirkt, als sei­en die Ergeb­nis­se vorausgeplant.
    Der Köl­ner Psy­cho­lo­ge Ste­phan Grü­ne­wald (Rhein­gold-Insti­tut) hat in einem Bei­trag im Köl­ner Stadt-Anzei­ger von heu­te erklärt, wes­halb es so oft vor­kommt, dass Ärz­te, Ret­tungs­sa­ni­tä­ter, Feu­er­wehr­leu­te oder Poli­zis­ten im Ein­satz atta­ckiert wür­den. Es feh­le an Auto­ri­tät bei Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen, sagt er. Auto­ri­tä­re Väter gebe es nicht mehr und damit habe sich die Gesell­schaft so ent­wi­ckelt. Das Inter­net habe bewirkt, dass die Men­schen unge­dul­di­ger und into­le­ran­ter gewor­den sind. Ich weiß nicht, was die­se Ent­wick­lung ver­ur­sacht. Aber soviel ist sicher, es gibt kaum noch Respekt vor Auto­ri­tä­ten und die zuneh­men­de Into­le­ranz berei­tet vie­len Leu­ten Sor­ge. Sieht dir an, wie mit Lucke in Ham­burg umge­gan­gen wur­de. Viel­leicht war das 1968 auch schon so ähn­lich. Aber damals gab es noch Auto­ri­tä­ten, die zumin­dest auf «einer Sei­te» die Situa­ti­on beru­hi­gen konn­ten. Da spra­chen Stu­den­ten­füh­rer Dutsch­ke und Ralf Dah­ren­dorf und ande­re mit­ein­an­der. Poli­ti­ker, die von ande­rem Schrot und Korn waren als heute.

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