Flüchtlinge   ·  3 Min.

Aber so tun als ob

Das Lager in Moria wurde mutmaßlich von Flüchtlingen angezündet. Dieser Umstand hält jetzt dafür her, dass wir (fast) keine Geflüchteten aufnehmen wollen. Es heißt, dass wir sonst der Gewalt Vorschub leisten würden.

Ne Nummer kleiner haben die es aber auch: Die andere Geschichte geht so, dass wir bald die nächsten 12.000 Menschen in Moria anlanden sehen würden, wenn die Menschen es schaffen sollten, nach Mitteleuropa zu gelangen. Angeblich, heißt es, wollen die ja alle nach Deutschland.

Dass es so ist, dass keiner weiß, wer von diesen 12.000 Menschen für die Feuer verantwortlich ist, ist es für manche nichtsdestoweniger typisch, nach einem solchen Desaster alle Geflüchteten dafür verantwortlich zu machen.

Vorher lautete die unausgesprochene Übereinkunft innerhalb des Politzirkus der EU, dass Nichtstun die Außengrenzen am besten schützt. Nie würde einer dieser Lügner es offen aussprechen. Nun kommt das nicht nur bei der extremen Rechten beliebte „Argument“ hinzu, dass man nur das Lager in Brand stecken müsse, um eine Freikarte nach Mitteleuropa zu bekommen. Mit Differenzierungen tun sich viele Menschen in komplexen Lagen nun einmal schwer.

Aber zum Glück liegt die Verantwortung für derlei Entscheidungen woanders!… Und die tun auch nix, was echte Hilfe bringen könnte.

Sabine Hess, Professorin für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Georg-August-Universität Göttinge, nannte das Verhalten kürzlich beim Namen: „Nicht nur im Mittelmeer, sondern auch entlang der türkisch griechischen Grenze, zwischen Bosnien und Kroatien werden immer wieder Tote aufgefunden. Man könnte auch von einer Politik des Sterbenlassens sprechen.“ Diese Beschreibung würde ich auf die Situtation im Lager Moria ausweiten.

Wenn Verantwortliche Horst Seehofer heißt, schmilzt die Hoffnung auf eine politische Lösung binnen kürzester Zeit in der heißen Spätsommerhitze. Was traut der Mann sich nach Tagen der Bedenkzeit der deutschen Öffentlichkeit vorzutragen? Max. 150 Leuten (Kindern) aus Moria kann geholfen werden. 100-150 von insgesamt 12.000 Menschen.

Wie groß muss der Druck auf den Horst sein, wenn er sich nach einem Besuch seines Rückzugsraumes für Spielzeugeisenbahnen mit einem so armseligen Vorschlag wieder herauskommt? Sein Kabinettskollege, Gerd Müller (Entwicklungshilfeminister), hätte da anders gehandelt.

Dass dieser sowas vor wenigen Tagen erst gesagt hat und heute die Ankündigung seines Ausstieges aus der Politik öffentlich wurde, klingt für mich nicht nach Zufall. Wer weiß, was da im Kabinett abging?

Ich habe gelesen, dass die BLM-Bewegung, die auf einem guten Weg war, viel in den USA zu verändern, allmählich den Rückhalt der Bevölkerung verliert. Das könnte den Flüchtlingen von Moria ebenfalls passieren. BLM sorgt mit immer mehr gewalttätigen Protesten für Reaktionen der Reaktionäre und stärkt so gar die Chancen von Donald Trump wiedergewählt zu werden.

Übertragen auf die Verhältnisse in Moria lässt das nichts Gutes erwarten.

Die Leute wollen nicht mit verstörenden und dazu auch noch unterschiedlich interpretierbaren Bildern konfrontiert werden. Erinnern wir uns an die Bilder des toten Alan Kurdi am Mittelmeer. Ich erinnere mich noch gut, wie um die Deutungshoheit gekämpft wurde. Damals gelang es auch durch dieses Foto, Forderungen nach einer humanen Flüchtlingspolitik auszulösen. Die Rechten haben hinzugelernt und kennen darüber hinaus die Zerrissenheit innerhalb der europäischen Bevölkerungen. In dieser Zeit scheinen menschliche Schicksale auch in dieser hohen Zahl kaum noch Menschen zu mobilisieren. Die Petition „Eil-Appell: Menschen aus Moria – evakuieren, aufnehmen, Leben retten! #WirHabenPlatz“, die vor einigen Tagen gestartet wurde, erreicht inzwischen fast 90.000 Unterzeichner.

„Es kann nicht unsere Aufgabe sein, alle aufzunehmen“, sagte kürzlich jemand. Geht es darum, alle aufzunehmen? Natürlich nicht. Obwohl ich es gut fände. Es muss nicht Deutschland sein, das hier als Vorbild vorangeht. Diese Forderung will ich mich nicht zueigen machen. Ich empfinde es als Selbstverständlichkeit, diesen Menschen zu helfen und sie nicht weiterhin so abscheulich zu behandeln, wie die EU und all ihre Politiker es schon viel zu lange tun.

Ich finde, dass es jedem Land, allen Menschen auf dieser Welt, gut anstünde, Menschen in Not zu helfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die EU einigt oder dass sich nennenswerte Kontingente seitens der „Gutwilligen“ (wie ich dieses Wort hasse!) vereinbaren lassen, geht wohl gegen Null. Wie ich all diese von menschlicher Selbstsucht geprägten Ausreden verachte.

0








Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

Schreibe einen Kommentar


Es werden keine IP-Adressen gespeichert! Sie können, falls Sie dies möchten, auch anonym kommentieren.