Bedburg   ·  3 Min. Lesezeit   ·  625 Views   ·  2 Kommentare

Bedburg: Stolpersteine müssen natürlich geputzt werden, damit sie niemand übersieht

Kein Jahr ist es her, als in Bedburg die bisher letzten „Stolpersteine“ installiert wurden. Das Projekt wurde von dem Künstler Gunter Demnig im Jahre 1992 gestartet. Seine Idee fand in ganz Europa großen Anklang. Überall in Europa sind „Stolpersteine“ zu finden.

Im Stadtgebiet Bedburg wurde im Jahr 2002 damit begonnen, für die Erinnerung an die MitbürgerInnen zu sorgen, die im Deutschland der Jahre von 1933 bis 1945 deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Wie viele Menschen habe auch ich für die Idee der „Stolpersteine“ viel Sympathien.

In Erinnerung an die ermordeten jüdischen Bedburgerinnen und Bedburger: Stolpersteine sauber gemachtGestern Nachmittag…

Gepostet von FWG – Freie Wählergemeinschaft Bedburg e.V. am Freitag, 31. Januar 2020

Im Februar 2017 kamen im Zentrum Bedburgs weitere „Stolpersteine“ hinzu und dann im September 2018. Insgesamt sind im Stadtgebiet 22 „Stolpersteine“ an verschiedenen Adressen verlegt worden.

Die Begründung, die Bürgermeister, Sascha Solbach, für die Beteiligung am Projekt abgegeben hatte, machte mich nachdenklich.

„Mit der Verlegung der weiteren zwölf „Stolpersteine“ wollen wir erinnern und gleichzeitig ein Zeichen setzen. Die vergangenen Wochen zeigen erschreckend deutlich, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt. Wir haben in Chemnitz Menschen auf der Straße gesehen, die ihre menschenfeindlichen Parolen herausschreien und viele, viel zu viele Menschen die wieder „einfach nur“ mitlaufen. Wir sollten uns jetzt, mehr denn je, mit all unserem Verstand, Mut und Empathie gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Ausgrenzung stellen, um diese Entwicklung umzukehren. Unser Bedburg, unser Deutschland sind nicht braun, sondern bunt und vielfältig. #Wir sind mehr! Wir müssen miteinander reden, Lösungen für Probleme finden und so die Ängste abbauen“, so Bürgermeister Sascha Solbach.

Verlegung von zwölf weiteren „Stolpersteinen“

Kein Vergessen

Die Verbrechen, die im Namen des Deutschen Volkes begangen wurden, dürfen in unseren Köpfen niemals verblassen. Dabei helfen „Stolpersteine“ gewiss. Aber sollten die aktuellen völkischen und menschenfeindlichen Parolen einer wiedererstarkenden deutschen Rechten mit der Botschaft der „Stolpersteine“ in Verbindung gebracht werden?

Demnigs Intention ist unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein. Mit der Markierung der „Tatorte von Deportationen“, die häufig mitten in dichtbesiedelten Bereichen liegen, wird gleichzeitig die von einigen Zeitzeugen vorgebrachte Schutzbehauptung, nichts von den Deportationen bemerkt zu haben, in Frage gestellt.

Stolpersteine – Wikipedia

Intention

Demnigs Intention war unmissverständlich. Allerdings haben sich die Zeiten seitdem verändert. Damals gab es Rostock-Lichtenhagen und andere schlimme rechte Exzesse und die größte Oppositionspartei im Bundestag und in einigen Länderparlamenten heißt AfD. Aber ist es deshalb richtig, heute die Intention der „Stolpersteine“ mit dem aktuellen Kampf gegen Rechts so direkt in Verbindung zu bringen?

Ich bin nicht sicher. Historiker und Politiker sprechen immer wieder von der Einzigartigkeit des Holocaust. Einzigartig „hinsichtlich der realen und angestrebten Opferzahlen, der staatlichen Planung als gesellschaftliches Gesamtprojekt und seiner systematischen und auch industriellen Durchführung. (Wikipedia)

Viele teilen die Ängste im Hinblick auf den Rechtsruck in unserem Land und die Sorge, dass dieser sich noch weiterentwickelt. Die Warnung davor, dass sich Geschichte wiederholen könnte, ist nicht ganz unbegründet. Die aktuelle Stimmung im Land erinnert manchen an die Weimarer Republik.

Dennoch sollten wir den Tod und das Leid, das wir Deutsche von 1933 bis 1945 über so viele Millionen Menschen gebracht haben, nicht mit unseren heutigen Problemen vermengen. Auch, wenn die Sorge davor, was passieren könnte, das vielleicht nahelegt.

Pflege der „Stolpersteine“

Die „Stolpersteine“ müssen gepflegt werden, damit sie sichtbar bleiben. Dass Politiker sich darum kümmern, ist ehrenwert. Eigentlich sollte es möglich sein, diese Pflege, die ja maximal ein- bis zweimal im Jahr notwendig ist, durch SchülerInnen vorzunehmen. Den Vorschlag des Grünen-Chefs der Stadt finde ich deshalb gut: Die Schüler der Bedburger Schulen sollen die Patenschaften für die Steine übernehmen. Die Schulen wurden alle als Schulen ohne Rassismus ausgezeichnet.

Einem Aufruf der Stadt, die Steine zu putzen, folgten ca. 24 Personen. Der Chef unseres hiesigen Geschichtsvereins, Heinz Obergünner, schätzt, dass höchstens 10% der Bedburger die hiesige Synagogen-Gedenkstätte überhaupt kennen. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich nur zufällig von ihrer Existenz erfahren hatte. Vielleicht ist das alles ein Zeichen dafür, dass die Erinnerungskultur dringend erforderlich ist!

Zu der Putzaktion kamen verhältnismäßig wenig Bedburger. Die Stadt an der Erft hält regelmäßig ihre Erinnerungskultur hoch: Zum Jahrestag der Reichspogromnacht im Jahr 2018 versammelten sich mehrere hundert Bedburger auf dem jüdischen Friedhof an der Kölner Straße, um der Verfolgung und der Deportation der jüdischen Bedburger zu gedenken.

Bedburg: Stolpersteine gereinigt: Mit Schwamm und Seife gegen das Vergessen | rheinische-anzeigenblaetter.de

mehr Links:

Gegen das Vergessen: Reinigung der Stolpersteine Blieskastel

Bedburg: Stadt und Verein reinigen Stolpersteine | Kölner Stadt-Anzeiger

Stolpersteine putzen gegen das Vergessen | Aktuell Deutschland | DW | 09.11.2017

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

2 Gedanken zu „Bedburg: Stolpersteine müssen natürlich geputzt werden, damit sie niemand übersieht“

    • Hallo Heike, absolut. Daran hätte ich denken sollen. 🙂 Die Rentner sind weniger leicht als Gruppe zu organisieren. Das geht mit Schulklassen oder Vereinen einfacher. Nichtsdestotrotz: ich stehe bereit.

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