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Kein Quantum Trost

Von Talkshows darf man keinen Trost erwarten. Vor allem deshalb nicht, weil es beim Coronavirus schließlich um ein medienträchtiges Ereignis erster Güte geht. Es geht um Quote, mehr nicht. Talkshows eignen sich gut, um nach Schuldigen für eine schlimme Lage zu suchen und sie möglichst noch an Ort und Stelle zu beschuldigen. Das Newsletter ähnliche Intentionen verfolgen können, habe ich heute begriffen.

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Die Fliege hat ausgedient, jedenfalls habe ich sie schon länger nicht mehr an seinem Hals gesehen. Karl Lauterbach, SPD, ist derzeit ein gefragter Mann. Gestern hatte er gleich zwei parallele TV-Auftritte. Virtuell, per Skype, war er bei Markus Lanz kurzzeitig dabei, bei der ARD-Konkurrenz, bei Sandra Maischberger, war er persönlich anwesend. Trost gabs auch von Lauterbach nicht.

Der Mann hat mir Angst gemacht. Lauterbach erzählte gestern Dinge, die hätte der ehemalige Innenminister de Maizière in die Rubrik «Das könnte die Bevölkerung beruhigen» eingeordnet worden. Die Öffentlichkeit wäre von unsicheren, schlechten Nachrichten «verschont» geblieben. Mich erinnerten Lauterbachs Ausführungen («neuste Studien ergaben») an die steile Lernkurve, die das Virus sogar Experten zumutet.

Lanz ging es vornweg wieder um die immer über allen Dingen schwebende Frage, ob wir die Regierung nicht viel zu spät gehandelt habe.

Mir kommt es so vor, als sie diese Frage ganz und gar unvermeidlich. Schuldige suchen ist für viele von uns ein sehr beliebtes Hobby. Vor allem im Internet kommt nach der Frage: wer hat was falsch gemacht sofort die abschließende Bewertung des Vorganges: «Ist ja sowieso alles Sch….!» Die Frage nach dem Warum stellt sich nicht.

Spätfolgen durch das Virus?

Dass laut Lauterbach neue Studien die Vermutung nahelegen, dass auch vom Virus als geheilt entlassene Patienten Lungenschäden (Spätfolgen) davontragen könnten, hat mich aufhorchen lassen. Dabei geht es nicht um Patienten, die während der Behandlung beatmet werden mussten. Also nicht um Menschen mit sehr schweren Krankheitsverläufen, sondern um solche, die mit vom Virus ausgelösten Lungenentzündungen ins Krankenhaus kamen.

Lauterbach ließ während seines eloquenten Vortrages verlauten, dass die bisher eingesetzten Testmethoden unsicher seien. Selbst testen sei sowieso schlecht. Das sollte schon eine Fachkraft machen. Dass aber selbst Ärzte je nach Stand der Erkrankung negative Testergebnisse erhielten, überraschte vermutlich nicht nur mich.

Erst eine Tomographie würde Klarheit über bringen – so Lauterbach. Wenn das Virus bereits in die unteren Atemwege vorgedrungen sei, könnten Abstriche fehlerhaft negative Ergebnisse bringen.

Lauterbach kritisierte die Aussagen der Politik, das Virus sei nur für ältere bzw. gesundheitlich vorbelastete Menschen wirklich gefährlich. Richtig sei hingegen, dass auch junge Menschen ohne Vorerkrankungen zu denen gehörten, bei denen schwere Verläufe bis hin zum Tod festgestellt wurden.

In diesem Zusammenhang kritisierte er das sorglose Verhalten vieler BürgerInnen. Das habe er gestern Abend in Köln-Ehrenfeld festgestellt. Die Menschen gingen spazieren und würden sich nicht an die Empfehlungen halten.

Nicht vom Saulus zum Paulus

Ein Gedanken des Soziologieprofessors, Harald Welzer, hat mir gefallen.

Anlass war die Frage von Markus Lanz, ob die Coronakrise die Menschen positiv verändern würde. Dies verneinte Welzer mit dem eher lakonischen Hinweis: «Die Gesellschaft ist die Gesellschaft und die Leute sind die Leute». Dort erwartet er keine Veränderungen.

Er wies aber darauf hin, dass es historisch gesehen noch nie vorgekommen sei, dass globale Maßnahmen zum Schutz von Schwächeren (älteren Menschen) ergriffen wurden. Das war einer von wenigen positiven Aspekten, den mitgenommen habe.


Gabor Steingart in kongenialer Partnerschaft mit Professor Kekulé

In den «Morning Briefings» von Gabor Steingart gab es während der Coronakrise keine besonders laute Kritik am Krisenmanagement der Regierung. Heute war es plötzlich anders. Ja, ich empfand diesen Change als besonders plötzlich.

Während der Lektüre habe ich verstanden, warum es so anders war. Steingart hat jenen Virologen im Podcast-Interview, der schon bisher durch seine nicht immer überzeugende aber dafür laute Kritik an der Krisenbewältigung der Regierung und an Kollegen seiner Wissenschaft geäußert hat. Im Deutschlandfunk schrieb ein Autor kürzlich von einem Battle zwischen Drosten und Kekulé. Dabei scheint auch er nicht in Kollegenkreisen nicht unumstritten zu sein.

Irgendwie hat auch mir das Bild vom Battle vorgeschwebt, als sich herausstellte, wie unterschiedlich diese beiden Männer trotz identischer Profession in der Öffentlichkeit wirken.

Steingart erwähnt im Morning Briefing, dass die Mehrheit der BürgerInnen mit dem Krisenmanagement der Regierung zufrieden sei. Er formuliert es so, dass sich die Bevölkerung hinter der Bundeskanzlerin und dem Bundesgesundheitsminister versammeln, während Ärzte, Wissenschaftler und Virologen gegen sie mobil machen würden.

Um welche Ärzte, Wissenschaftler und Virologen handelt es sich denn genau, Herr Steingart, die die Handlungsweise unserer Regierung nun so hart kritisieren? Vielleicht solche Experten wie Herrn Dr. Wodarg? Ach nein!?

Es geht ja um diesen Podcast und sicher darum, die Attraktivität ihres heutigen Interviewpartners für die ZuhörerInnen zu steigern. Ich habe durch ihre täglichen Podcasts gelernt, dass Sie das auch bei anderen Gästen gern so tun. Ist ja auch nett gemeint.

Hätte ich bloß bei Übermedien nicht diesen dummen Kommentar über Ihr Produkt geschrieben!

Freundschaft gekündigt, kein Trost

Steingart führt die sieben wichtigsten Kritikpunkte auf. Für einige gilt: Hinterher ist man immer klüger, für manche kann ich nur feststellen: Hätte doch Professor Kekulé das Sagen gehabt. Was wäre uns alles erspart geblieben!

Ankündigung des Interviews mit Professor Kekulé: «Hier erfahren Sie das, was Angela Merkel uns gestern verschwiegen hat.»

Trost

Wie Tichy oder Broder scheint Steingart sich die politisch/gesellschaftlichen Gegenpole auszusuchen, um seine Ansichten in den Resonanzraum derjenigen Leute zu befördern, die solche Kritik begierig aufnehmen. Merkel muss weg.

An dem Punkt steige ich aus!

Ich habe das Morning Briefing heute gekündigt.

Wo sind die Kronzeugen gegen Merkel?

Dann fährt Steingart seinen Kronzeugen gegen Merkel auf. Von anderen ist gar keine Rede. Kein Name und auch kein konkreter Vorwurf. Die 7 Todsünden, die er aufgezählt hat, sollen reichen. Die Quellen seiner Weisheit hat nicht genannt. Oder ist etwa Prof. Kekulé allein die Quelle dieser Offenbarung?

Es ist genau jener Professor Kekulé, den jeder kennt, der die Krise von Beginn an einigermaßen aufmerksam verfolgt hat.

Vor 2 oder 3 Tagen noch habe ich ihn in irgendeiner TV-Sendung eine Wiederholung seiner Vorwürfe gehört. Er rief sich selbst zur Mäßigung auf. Die Betrachtung der Fehler der Vergangenheit führe ja zu nichts, meinte er ganz konziliant. Man solle jetzt nach vorn sehen und gemeinsam schauen, was zu tun sei.

Wenige Tage vorher hatte er sich für Ausgangssperren ausgesprochen, um die sozialen Kontakte zu unterbieten. Dann fiel ihm jedoch ein, dass Eltern mit ihren Kindern dann ja ans Haus gefesselt seien. Deshalb korrigierte er seine Empfehlung zu Ausgangssperren.

Im heutigen Morning Briefing von Gabor Steingart war davon keine Rede mehr. Gib dem Mann ein Podium, und er legt los wie der Teufel. Es gibt solche Leute.

Kompetenz gegen Kompetenz / Fehler gegen Fehler

Es geht nicht darum, die Kompetenz des einen gegen die eines anderen Wissenschaftlers zu stellen. Aber dass Journalisten sich besonders gern derjenigen bedienen, die durch ihre exponierten Meinungen besonders aufgefallen sind, trägt nicht unbedingt zur Lösung der aktuellen und leider existenziellen Probleme bei.

Ganz im Gegenteil. Steingart hat sich im Vernichtungskampf gegen die CDU – Vorsitzende, Annegret Kram-Karrenbauer schon durch die eine oder andere abscheuliche Formulierung hervorgetan. Das war schon unsympathisch. Was für eine Kategorie ich hier für Journalisten benenne? Verrückt, ich weiß.

Natürlich ist sowas immer eine Frage des Standpunktes. Ich bin froh, kein Journalist zu sein, sondern nur ein kleiner dummer Blogger. Aber mir gehen diese wichtigtuerischen Aktionen und Artikel, die ausschließlich der Selbstprofilierung von Journalisten und Wissenschaftlern dienen, sowas von gegen den Strich.


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Artikelautor Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

12 Gedanken zu „Kein Quantum Trost“

  1. Jetzt bin ich erstaunt:
    Du wolltest doch nicht Lanz gucken?!
    Aber was interessiert mich mein Gerede von vorhin…
    Ich jedenfalls blieb gestern talkshowfrei.

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  2. Ja und?

    Ich bin jemand, der auf stringende Kommunikation setzt.

    Das ist mir wichtig.
    Klare ansage und begründetes Verhalten.

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  3. Ich wollte auch nie Lanz gucken und hab neulich zufällig reingezappt, bin dann hängen geblieben, weil es mal ganz interessant war. Denke mal, solche kleinen Dinge macht man mal und mal nicht, eher spontan, ohne rationale Begründung.

    Ansonsten: Meine Lust, Streit und Profilierungsverhalten, Schuldzuweisungen und dergleichen freiwillig zu verfolgen, geht derzeit gegen Null. Ich finde es äußerst angenehm, dass in der Krise diese Verhaltensweisen insgesamt deutlich herunter gefahren wurden. Talkshows sind dadurch auch wieder angenehmer, da ich nicht alle schaue, mag das ein punktueller Eindruck sein.

    Was die ganzen Vorwürfe angeht, die Regierung hätte rechtzeitiger dies und das und jenes tun sollen, so denke ich: das sind auch nur Menschen, die mit einer neuen Lage konfrontiert waren, für die es keinen Vergleich gibt. Zudem können sie nicht ihrer höchst persönlichen Einschätzung mal eben folgen, sondern müssen in der Demokratie schon darauf achten, wie „Maßnahmen“ beim Volk ankommen.
    Das gilt trotz der Gefahr, denn wenn man Einschränkungen verkündet, ohne dass bei einer relevanten Mehrheit die Einsicht da ist, dass das eine vernünftige und angesagte Sache ist, dann ist man schnell weg vom Fenster und geht in den Shitstorms von allen Seiten unter.

    Und das ist auch gut so, ich will kein China in Deutschland!

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  4. @Claudia:

    Denke mal, solche kleinen Dinge macht man mal und mal nicht, eher spontan, ohne rationale Begründung.

    Ja sicher. Aber WENN man darüber schreibt, X nicht mehr zu tun und dann es doch postwendend zu tun, dann frage ich mich wieso. Das X kann ein Verzicht sein jedweder Art, etwa auf Süssigkeiten oder Rauchen.
    Nenne mich einen Starrhalsigen oder sonst etwas.
    Aber so ist nun mal meine Haltung.

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  5. Tja, mensch ist nun mal nicht so rational, es gibt dann eben kein „wieso“ bzw. „deshalb“. Siehe die unzähligen „guten Vorsätze“, die viele zum Jahreswechsel fassen, ebenso im Alltag: wie oft nehmen sich Menschen eine bessere Ernährung vor, die Minimierung oder Abschaffung von Genussmitteln, mehr Bewegung – vermutlich gibt es insgesamt weit mehr Vorhaben, die nur partiell, zeitweise oder nie in die Tat umgesetzt werden als solche, die eingehalten werden.

    Na, im Grunde bin ich nur froh über mal ein anderes Thema… 🙂

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  6. @Gerhard: Deine Kritik ist berechtigt. Ich hatte gesagt, mir die Sendung mit Lanz nicht mehr ansehen zu wollen. Dass ich es gleich am nächsten Tag wieder gemacht habe, scheint irgendwie typisch zu sein. Für mich. 🙂 Es war eher zufällig, weil durch die ganzen Sondersendungen der Anfang von Maischberger sich verzögert hatte. Markus Lanz fing früher an als Maischberger. Beide Sendungen hatten das gleiche Thema. Was auch sonst? Also habe ich mir angehört, ob es neue Erkenntnis gab. Abgesehen mal von Lauterbachs Einlassungen, gab es wenig Neues.

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  7. @Claudia: Der Spagat der Regierung bei den Ausgangssperren, also die Abwägung bestimmter Grundrechte im Ausnahmezustand fällt ganz schwer. Die Chinesen haben es leichter. Ich bin bei dir, dass wir hier keine chinesischen Verhältnisse wollen. Wohl auch keine Süd-Koreanischen. Dort sind die Mentalitäten der Menschen so viel anders als bei uns. Ich fürchte, dass es ohne Ausgangssperren nicht gehen wird. Es halten sich so viele Menschen an die Appelle der Regierung, aber viele andere tun es nicht. Es nützt sicher nichts, sie auszuschimpfen oder zu beleidigen. Am Ende wird es für die Regierung wohl unvermeidlich sein, Ausgangssperren zu verhängen und diese mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen. Warum sollte das, was in Frankreich und Spanien gelingt, nicht auch bei uns funktionieren? Wenn ich auf der Website „Neue Debatte“ lesen, was in die Maßnahmen und selbst in die Ursache alles hineininterpretiert wird, könnte ich mich echt vergessen.

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  8. @Claudia:

    wie oft nehmen sich Menschen eine bessere Ernährung vor, die Minimierung oder Abschaffung von Genussmitteln, mehr Bewegung.

    Ja sicher, aber sofort und gleich zuwider zu handeln, nachdem man ellenlang geschrieben hat, daß man abnähme und diesmal eindeutig sicher. Dann kann man so einen Abnehme-Artikel doch gleich lassen oder?

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