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Europa hat die Werte verloren und vielleicht nie welche gehabt

Vielleicht haben wir Werte einfach falsch verstanden? Im Wörterbuch steht: einer Sache innewohnende Qualität, aufgrund deren sie in einem gewissen Maße begehrenswert ist [und sich verkaufen, vermarkten lässt]

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Erdogan ist mir von Herzen unsympathisch. Unser Gerede über Werte allerdings auch. Neben den Vorbehalten, die viele über Jahre gegen den Despoten entwickelt haben dürften, spielt für mich eine besondere Rolle, dass er bei seinen wiederholten Erpressungen immer wieder notleidende Menschen als Geiseln benutzt. Bei seinen Reden setzte er auch zuletzt wieder auf bekannte Gesten, die seine teuflische Skrupellosigkeit verdeutlichten.

Dass wir innerhalb der Europäischen Union unsere eigenen Werte für alle Welt sichtbar mit Füßen treten, ändert auch nichts an der Abscheulichkeit von Erdogans Politik sowie seiner Person.

Er weiß, wie sehr gerade hier das Thema Flüchtlinge die Gesellschaft polarisiert. Umso schlimmer ist, dass er zündelt, obwohl die türkische Diaspora in Deutschland so groß ist. Dass ihm so viele Türken und türkischstämmige Bürger ihm bedenkenlos folgen, ist schwer zu ertragen. Genau das könnte noch für sehr großen Ärger, vielleicht sogar für großes Unglück sorgen.

Erpressung, nein Danke!

Ich sehe es so, dass Erdogans Drohungen, die Flüchtlinge nach Europa ziehen zu lassen, auch im Interesse Vladimir Putins ist. Die politische Destabilisierung der EU passt jedenfalls zu den Szenarien, an denen beide ein Interesse haben könnten. Die Drohungen des türkischen Innenministers könnte man als Kriegserklärung gegen Europa betrachten. Bei manchen willigen Gehilfen Erdogans scheint der Testeronüberschuss besonders hoch zu sein. Dieser Innenminister hat das in den letzten Jahren bereits mehrfach unter Beweis gestellt.

Trotz allem verstehe ich nicht, dass sich in Deutschland die Ansicht festgesetzt hat, dass es den Türkei-Deal nie hätte geben dürfen. Schließlich, so das Narrativ der Rechten, sei von Beginn an klar gewesen, dass Europa sich damit von Erdogan abhängig bzw. erpressbar machen würde. Diese Ansicht wurde von vielen geteilt.

Von woher kommen die Flüchtlinge denn nach Europa?

Mit wem sonst hätte man denn überhaupt vergleichbare Vereinbarungen schließen sollen? Oder sind die Absicht und die Idee von der Hilfe in oder nah bei den Herkunftsländern falsch gewesen? Wo befindet sich die größte Zahl von Flüchtlingen? Richtig: in der Türkei. Dort leben heute ungefähr 4,6 Mio. Flüchtlinge, hauptsächlich aus dem Nachbarland Syrien.

Flüchtlinge, Werte

Wenn das doch eine allgemein unbestrittene Tatsache war und ist, mit wem sonst hätte es sinnvolle Verhandlungen geben können, als mit dem türkischen Präsidenten? Wer hätte außer Erdogan die Möglichkeit gehabt, mögliche Massenfluchtbewegungen nach Europa zu stoppen? Die Flüchtlinge, egal woher, nach Europa ziehen zu lassen, wäre ja hoffentlich (außer vielleicht für die Grünen oder Linken) nie eine Option gewesen.

Wir hätten die Visegrád-Staaten unterstützen und die Balkanroute auf Dauer so dicht machen können, wie es vor dem Abschluss des Türkei-Deals geschehen war. Hätten die Flüchtlinge in diesem Fall nicht andere Wege nach Europa gefunden?

Die Flüchtlinge befinden sich hauptsächlich in der Türkei, und es war deshalb ganz unvermeidbar, diesen Vertrag (verächtlich Deal) mit Erdogan zu schließen.

Neuer Vertrag nötig

Dass Erdogan später zu den Mitteln greift, die wir zu Recht abscheulich finden, liegt leider auch daran, dass wir (Deutschland und die EU) unseren Verpflichtungen nicht bzw. nur zum Teil nachgekommen sind. Erdogan hat immer wieder um weitere Hilfe gebeten. Aber wie es üblich ist für Merkel und für die EU, es wurde keine Antwort gegeben.

Es ist nur im Interesse Deutschlands und der EU, wenn wir Erdogan helfen, die Last der Flüchtlinge in der Türkei zu tragen. Und es ist eine schwere Last für die Türkei, die das Land allein nicht mehr tragen kann. Die Haltung der deutschen Regierung und der EU-Führung zeugt lediglich davon, dass sie Wahrheiten unterdrückt, um die Backen aufzublasen. Das alles nur, um zu demonstrieren, dass man sich von einem Despoten nicht erpressen lässt. Nur — wer wahrt unsere Interessen, wenn wir das nicht selber tun wollen?

Insofern zeigen die Stellungnahmen und das Verhalten der deutschen Regierung und der Führung der EU nur den brutalen Egoismus einer Gemeinschaft, die allen Ernstes so etwas wie WERTE für sich reklamiert.

Die EU sollte den Friedensnobelpreis zurückgeben. Sie hat ihn nicht verdient!





Artikelautor Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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