Bedburg   ·  4 Min.

Geburtstage bieten einen Anlass zur Erinnerung

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Geburtstage bringen viele von uns dazu, sich auf schöne oder auch nicht so schöne Erinnerungen zu besinnen. Vorzugsweise, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat.

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Mutter hat heute Geburtstag, sie wurde heute 96 Jahre alt. 💕 Von einigen Beschwerden abgesehen, geht es ihr eigentlich gesundheitlich recht gut. Daran, dass sie seit ein paar Jahren nicht mehr laufen kann, hat sie sich inzwischen – glaube ich – etwas gewöhnt.

Laufen ist etwas so Selbstverständliches – bis…

Ein Schlag war für sie, dass sie seit einigen Monaten auch mit Gehhilfe nicht einmal mehr ein paar Meter durch die Wohnung laufen kann. Alles wird beschwerlicher, weil der ganze Bewegungsapparat sich durch das ständige Sitzen und Liegen einschränkt.

Es ist eben nicht leicht, alt zu werden. Eine Binse, sicher. Aber es muss immer wieder mal gesagt werden. Was ist denn der Grund dafür, dass zwar alle alt werden wollen aber keiner alt sein will?

Weil sie aufgrund ihrer Schwerhörigkeit manchen TV-Programmen nicht mehr folgen kann, hat sie sich vor ein paar Jahren ein neues Hobby zugelegt. Ich lese wirklich viel. Aber sie liest (buchstäblich!) von morgens bis abends. Sie sitzt gern auf dem Balkon und schaut in die Natur. Zwischendurch wirft sie auch dort einen Blick in den Roman, den sie gerade liest. Das wird jetzt im Winter ganz schön hart werden. Jedenfalls war das bisher immer so.

Geburtstage
Mutter hat Geburtstag (96)

Ich glaube, dass neben den altersbedingten Molesten, denen man sich als so betagter Mensch ausgesetzt sieht, einen vor allem die Tatsache herunterzieht, dass um einen herum alle Menschen, mit denen man vielleicht jahrzehntelang oder zumindest eine ganze Zeit hindurch verbunden war, nicht mehr leben. Keine Freundin hat dieses 2020 mit ihr geteilt, keines ihrer Geschwister, kein Cousin und keine Cousine. Nur wir – meine Frau und ich. Immerhin, wir sind ja quasi immer da!

Reden ist Silber

Sie redet weniger als noch vor ein paar Jahren und wenn, stehen die Zeiten im Mittelpunkt, mit denen sie schöne Erinnerungen verbindet. Ich habe in meinem Leben einige ältere Menschen kennengelernt, die sehr unterschiedlich mit ihrem Alter umgegangen sind. Manche zeigten sich an allem, was auf der Welt vor sich ging, auch im hohen Alter sehr interessiert, andere haben sich zurückgezogen und/oder ihr Interesse an der Welt verloren. Mit einer Dame, die Ende der 1990er Jahre im Alter von 91 Jahren verstorben ist, habe ich mich sehr gern über Politik unterhalten. Sie war sehr belesen und liebte Fußball.

Meine Schwester erzählte mir von einer über 100jährigen Patientin, die noch in diesem Alter regelmäßig zum Schwimmen und zur Gymnastik ging. Auch sie war gebildet und voller Wissendurst.

Mein Vater, der im Alter von 80 Jahren verstarb, litt während seines letzten Lebensjahrzehnts an Parkinson. Er hat während seiner ersten Lebensjahrzehnte viel Schlimmes gesehen und erlitten. Er war 10 Jahre lang in Russland. 5 Jahre im Krieg (mit 18 Jahren hinein in den Krieg und erst mit 28 Jahren wieder nach Hause) und 5 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft.

Geburtstage
Meine Mutter (88)

Überlieferte Erfahrungen

Erzählt hat er über diese Zeit nur ganz selten etwas. Wenn es überhaupt geschah dann in der Regel unter dem Einfluss von Alkohol. Es kam vor, dass er zum Ende der wenigen Anekdoten, die er uns Kindern überhaupt zumutete, seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Er verlor im Krieg seinen Zwillingsbruder. Seine Spur verlor sich an dem Tag, an dem er selbst schwer verwundet wurde. Das ergaben Recherchen des Deutschen Roten Kreuzes zum Verbleib meines Onkels, die nach Kriegsende angestellt wurden. Sein Bruder gehörte einer Wehrmachtseinheit an, die in Stalingrad unterging.

Später, als ich Erwachsen war, habe ich ihn damit gelöchert, welche Kenntnis er von den Gräueln gehabt hatte, die in Deutschland und in Osteuropa abgelaufen sind. Seine Aussage schien mir nicht glaubwürdig, trotzdem ließ ich es immer wieder gut sein, weil ich wusste, dass ihn die Erinnerungen an diese Zeit sein Leben lang gequält haben.

Hauptsache Frieden, Hauptsache Freiheit

Er erzählte davon, dass die Wehrmacht während ihres Rückzuges aus Russland den Befehl hatte, alle Gebäude und Bauernhöfe zu vernichten und wie furchtbar es gewesen sei, die alten Menschen und Kinder schutzlos ohne Dach über dem Kopf dem Winter schutzlos auszuliefern. Wohl um meiner Frage vorzugreifen erklärte er mir, dass jeder Soldat, der sich den Anweisungen der Offiziere widersetzte, standrechtlich erschossen worden sei.

Man kann an dieser Stelle sagen, dass viele Menschen, die große Schuld auf sich geladen haben, dazu neigen, ihre eigene Verantwortung zu verneinen und sie auf diese Art anderen (zum Beispiel Vorgesetzten) in die Schuhe zu schieben. Sei’s drum. Ich glaube, jeder Mensch besitzt ein Gewissen und wer weiß schon, wie schwer diese Generationen unter dem Leid gelitten haben, das sie anderen Menschen zugefügt haben?

Geburtstage
Meine Frau (65)

Meine Schwiegermutter hat ihren älteren Bruder im Krieg verloren. Man hat nie ermitteln können, was mit ihm passiert ist. Sie erzählte mir heute, dass die Freundin ihres Bruders kurz nach dem Krieg ihre Familie für eine Woche besucht habe. Auch sie hatte Suchanträge gestellt und nie etwas über seinen Verbleib erfahren. Das waren schlimme Zeiten. Oft genug habe ich das Gefühl, dass wir als so privilegierte Generation, es nicht hinreichend zu schätzen wussten und wissen, dass wir über 75 Jahre – wie es immer so schön heißt – in Frieden und Freiheit leben konnten.

Leben mit und in der Geschichte

Mutter erzählte uns, wie sie ihren Josef Anfang der 1950er Jahre kennengelernt hat. Sie arbeitete mit ihm zusammen bei den RLB Werken in Bedburg. Dort waren übrigens mein Vater und auch ich Jahre beschäftigt. Auch mein Schwiegervater, der leider schon 1985 im Alter von 67 Jahren verstorben ist, war im Krieg. Er verlor seinen älteren Bruder in Russland. Seine Frau beging Selbstmord als sie von seinem Tod erfahren hat. Die beiden kleinen Kinder wurden von Verwandten adoptiert.

Zu viel für ein Leben? Oft scheint es so

Solche Geschichten, die man vielleicht an einem so schönen Tag gar nicht unbedingt hören möchte, gehören natürlich zum Leben – zu ihrem Leben – dazu. Insofern werde ich bei diesen Gelegenheiten immer ganz schön nachdenklich. Wie viel Glück haben wir doch gehabt, ein Leben zu führen, ohne solche schrecklichen Erfahrungen gemacht zu haben.

Wegen Corona waren heute nur zu fünft. Schwiegermutter (96), meine Mutter (88), mein Schwager (67), meine Frau (65) und natürlich ich (66).

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

4 Gedanken zu „Geburtstage bieten einen Anlass zur Erinnerung“

  1. Schönes Foto deiner Mutter!
    Daß die Schwiegermutter beständige Freude am Lesen hat, ist erstaunlich und ein Geschenk!

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  2. 96 Jahre! Das ist schon eine Leistung!
    Überhaupt schön, dass ihr noch so viele ältere Angehörige habt. Bei uns sind Eltern und Schwiegereltern leider nicht mehr am Leben.
    LG
    Sabiene

    Antworten
    • So viele gibt es nicht mehr. Aber Gott sei Dank leben unsere Mütter. Außerdem habe ich noch eine Tante. Das war es leider. Ich vermisse meinen Vater, der schon 2003 verstorben ist. Er wurde 80 Jahre alt.

      Antworten

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Horst Schulte

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