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Wer Heinrich Böll mit Broder, Tichy und Sarrazin vergleicht

Die Parallelen zur Weimarer Republik zieht Jan Fleischhauer in Zweifel. Was Heinrich Böll mit Broder, Tichy und Sarrazin zu tun hat.

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Giftige Tweets sind schnell verschickt. Die meisten, die selbst mal getwittert haben, wissen das. Böhmermann und Augstein haben viele Follower. Ihre Tweets werden schnell populär. Die Frage stellt sich auch für Medienprofis wie sie, ob Emotionen es rechtfertigen, andere Leute in dieser Form zu attackieren? Oder ist etwa davon auszugehen, dass es beiden im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte «rausgerutscht» ist?

Jan Fleischhauer, Schwarzer Kanal beim Fokus, nimmt Stellung zu den beiden scharfen Tweets, die Böhmermann und Augstein über die Beiträge in den Blogs von Broder, Tichy und das Werk des Autors Thilo Sarrazin gepostet hatten.

Fleischhauer erinnert an den Umgang mit den «Sympathisanten» des RAF-Terrors.

Er erinnert daran, dass wir im Nachkriegsdeutschland eine Zeit kannten, in denen «Wegbereiter, Stichwortgeber», als «Sympathisanten» bezeichnet wurden. Sympathisanten des linken RAF-Terrors.

Heute stehen Broder, Tichy und Sarrazin bei vielen Linken und Grünen im Verdacht, rechtsextreme Positionen zu fördern.

Damals, so der Gedanke Fleischhauers, waren es die Sympathisanten, die vom Staat verfolgt wurden. Es gab den berüchtigten Radikalenerlass, der die berufliche Betätigung im öffentlichen Dienst verhinderte.

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Intellektuelle wie Böll oder Wallraf wurden verdächtigt, mit den RAF-Terroristen zu sympathisieren.

Fleischhauer unternimmt einen legitimer Versuch, auf die Schattenseiten solcher dahingetweeteten Gesundbetereien hinzuweisen. Beide, Augstein und Böhmermann neigen wohl nicht dazu, nach verunglückten Tweets Einsichten einzuräumen – jedenfalls nicht öffentlich. Jakob Augsteins Debatte mit Nikolaus Blome bei Phoenix vom 22.02.2020 zeigt, wie überzeugt er davon ist, dass der Kampf gegen Rechts längst geboten ist.

Böhmermann hat mich geblockt. Huch.

Mario Sixtus jubelt, dass sich per Chrome-Erweiterung Twitter-Accounts automatisiert blockieren lassen, wenn von diesen aus Beiträge eines geblockten Feindes gelikt wurde. So funktioniert die Filterblase erst richtig gut.

Vergleiche schießen wie die Giftpilze aus dem Boden

Fleischhauers kleiner Exkurs in die jüngere Geschichte und dem Verweis auf Böll ist nicht wirklich motiviert. Er hat sein Pulver schnell verschossen. Nicht, dass Jan Fleischhauer sowas nur schreibt, weil er von den beiden nicht in einer Reihe mit Broder, Tichy und Sarrazin genannt wurde.

Heinrich Böll

Während sich manche noch an der Frage abarbeiten, ob aus Worten Taten entstehen können, sollten wir fragen, welche Inhalte es konkret waren, die Broder, Tichy und Sarrazin geschrieben haben, und die wir als Motivation oder Anregung für rechte Rassisten betrachten.

Diese Frage stellt sich nicht, würde ich sagen. Es geht bei all dem Streit um eine Metaebene. Generell werden in diesen Blogs Gegensätze gepflegt und permanent weiter ausgebaut und Gesinnungen forciert oder unter Umständen unterdrückt.

Malen nach Zahlen

Ein Beispiel: Tichys Einblick operiert gern mit Zahlen und bettet sie in Bilder ein. Man spricht von 160.000 Zuwanderern (deutsche Schätzung für dieses Jahr) und das es hierfür 2 Städte der Größe Marburgs bedürfe. Das sitzt und erzeugt genau den Druck, den es braucht, um Emotionen zu wecken. Schwer nachprüfbare Sachverhalte gehören zum Standardrepertoire von Tichys Einblick. Emotion ist Trumpf.

Entweder die LeserInnen glauben das, was ihnen angeboten wird oder wenden sich ab und lesen dort nicht mehr mit. Ganz falsch kann ich mit meiner Beurteilung nicht liegen, weil die dortigen Kommentare zustimmend sind (mit häufig sehr bösen «Ergänzungen»). Kritik ist höchst selten. Das ist bei Broders Blog nicht anders. Das haben diese Blogs alle gemeinsam. Sie gehören zur Filterblase und gerechterweise muss man sehen, dass es diese nicht weniger effektiv im linken Lager gibt.

Bei Broder und Tichy könnte ich nicht eine Stelle dokumentieren, die den Rückschluss zuließen, es würde dort Rassismus gepredigt oder gefördert. Bei Sarrazins Thesen bin ich mir eher sicher.

Mit Absolutheitsansprüchen gegen die Systempresse

Die Autoren der Blogs «Achse des Guten» und «Tichys Einblick» positionieren sich sehr eindeutig gegen die Merkels Politik und sie reklamieren für ihre Positionen einen Absolutheitsanspruch, der das andere Lager vielleicht am ehesten auf die Palme bringt.

Broder und Tichy formulieren ihre eigenen Texte so, dass ich die Lektüre fast immer mit dem Gefühl beende, in einem Land voller Bekloppter zu leben. Dabei ist klar, die Bekloppten wohnen nur links oder sind grün.

Fleischhauer vergleicht die Lage in Deutschland mit der RAF-Zeit, die «Weimarer Republik» sei seiner Meinung nach dazu nicht geeignet. Er sagt nicht dazu, dass die RAF – Mörder ihre Opfer nach anderen «Kriterien» auswählten, als es die rechten Mörder tun. Sie suchen sich willkürlich Menschen aus, die «nicht dazu gehören». Außerdem ist die heutige generelle Konfrontation zwischen Linken und Rechten näher an der, die in Weimar stattfand.

Diese gab es zur RAF-Zeit aus eher praktischen Gründen nicht. Für die RAF war das System der Feind, für die Rechten sind alle der Feind, die irgendwie anders sind. Linke, Grüne, Schwule, Feministen, Journalisten etc. etc.

Expertisen für alles und jedes

Zum Schluss kommt Fleischhauer doch noch auf die Expertisen zu sprechen, die von manchen Psychiatern oder Psychologen nach Hanau gestellt wurden. Dabei spielen die eine Rolle, die von der «anderen Seite» nicht gehört wurden und umgekehrt.

Eigentlich sei der mutmaßliche Täter so psychotisch, dass er für rassistische Motive nicht infrage käme. Fleischhauer schreibt, dass viel darauf hindeute, dass der Mörder kein «fanatisierter Ideologe» sei. Dann zitiert Fleischhauer noch eine Aussage der Psychiaterin, Nahlah Saimeh, die diese ein paar Monate vor den Morden von Hanau getroffen hat:

Es würde sie nicht wundern, wenn demnächst der Klimawandel in das psychotische Denken eingebaut würde und Menschen mit einer akuten Psychose bizarre Dinge tun würden, um den Klimawandel aufzuhalten

Jan Fleischhauer: Nach der Tat von Hanau wird wieder zur Gesinnungsjagd geblasen – FOCUS Online

Die Fakten lassen die Verfechter dieser Version des Geschehens gern beiseite. Der Täter hat, seine Mutter und sich selbst ausgenommen, ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund getötet. Er ging dafür in eine Shisha-Bar.

Rechte haben in Deutschland seit 1990 208 Menschen getötet. Natürlich wird darüber gestritten. Anerkannt sind bisher 85 Fälle rechter Gewalt. Im gleichen Zeitraum wurden von Linken keine Menschen ermordet.





Artikelautor Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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