Kirche: „Wir sind so gesegnet, wir wollen teilen!“

Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, stellte in der gestrigen ZDF-Sendung von Dunja Hayali diesen Satz mit gleich zwei Wir’s in den Raum. „Deutschland geht es gut“ – sagt auch die Union gern. Aber was ist eigentlich mit denen, die alt sind, von mickrigen Renten leben oder die Jüngeren von Mindestlöhnen? Andererseits ist aber auch klar, dass unsere Lebensumstände, auch die schwierigsten, mit denen nicht vergleichbar sind, die in den Ursprungsländern vieler Migranten herrschen.

Ich weiß, es kann kritisch sein – so ein WIR, ganz zu schweigen, wenn es gleich zwei Wir’s sind. Ich benutze das WIR hier auch oft und werde dafür manchmal kritisiert. Menschen, auch wenn es gut gemeint ist, lassen sich ungern auf diese Art „vereinnahmen“.

Kirche muss so sein

Es ist aber etwas anderes, was mich zu diesem Beitrag inspiriert hat. Bedford-Strohm unterstellt mit diesem Satz mit gleich zwei WIR etwas, das in dieser Zeit wie ein Anachronismus wirkt. Aber noch ist es ja nicht so, dass die christlichen Werte aus unseren Gesellschaften ganz verschwunden wären. Es gibt immer noch Millionen von Christen, die in den beiden großen Kirchen „vereint“ sind. Und selbst die, die aus verschiedensten Gründen diesen Kirchen den Rücken zugewandt haben, empfinden sich vielleicht zu einem zwar unbekannten aber wohl nicht ganz unbedeutenden Teil als Christen. Oder unterstelle ich es Falsches?

Was andere „denken“ bzw. hassen.

Welche Rolle spielen christliche Werte in unserer Gegenwart noch? Für so viele war es meinungsbildend in einem sehr negativen Sinne, als Bedford-Strohm im Namen seiner Kirche ein Rettungsschiff für Flüchtlinge einsetzte. Das Argument, dass Rettungsschiffe auf dem Mittelmeer einen Push-Effekt zur Folge hätte, entkräftete er mit dem Hinweis auf das Ergebnis mehrerer Studien. Diese sollen belegen, dass nicht mehr Flüchtlinge kämen, weil sie darauf vertrauen könne, gerettet zu werden und so ihrem Ziel Europa ein Stück näherkämen. Ich glaube, es gibt längst ebenso viele Studien, die das Gegenteil aussagen.

Wahr ist aber, dass der Austausch solcher Standpunkte nichts an den Problemen ändert. Dass der Andrang von Flüchtlingen nach einer kleinen Pause jetzt wieder zugenommen hat, liefert keinerlei Aufschluss. Auch nicht die Antwort auf die Frage, ob Corona darauf einen Einfluss hatte. Menschen ertrinken und die EU (! also WIR alle!) schauen zu. Keiner darf sich Illusionen machen. Am Schlimmsten sind für mich nicht bloß die, die das ignorieren, sondern vor allem die, die dieses Sterben offen beklatschen.

Debakel namens EU-Migrationspolitik

Es ist keine offizielle Politik der EU und ihrer Mitgliedsländer, die diese Situation für notleidende und auf Hilfe angewiesene Menschen herbeiführt. Aber jeder sieht, dass sie mit schlimmen Bildern und Nachrichten die Menschen davon abhalten will, sich an die Küsten Afrikas zu begeben. Ganz schön pervers für einen Friedensnobelpreisträger.

Friedrich Merz hat insofern Recht, als wir uns in Deutschland nicht in eine Reihe mit den Staaten stellen lassen müssen, die innerhalb der EU dazu beigetragen haben, dass die Lage so verfahren ist. Dass wir aber damals (auch schon vor 2015) zu Alleingängen geneigt haben, nehmen andere Länder für sich in Anspruch. Unabgestimmtes Handeln, so wie wir es allerdings auch in der Corona-Krise erleben, fördert nicht den Zusammenhalt. Dass Italien und Lampedusa jetzt wieder alleingelassen werden und bis auf ein paar symbolische Gesten wieder nichts geschieht, spricht Bände. Das alles ist kein Zufall, sondern schäbiges Kalkül.

Migrationspolitik

Deutschland zählt aufgrund der Migrationspolitik zu den Ländern, die unter der Polarisierung der Bevölkerung leidet. Die AfD spielt eine Rolle, aber vor allem ist es die gewachsene Skepsis gegen diese Politik unserer Regierung. Es ist für rechtsnationale und rechtsextreme Kräfte im Land einfach, auf die Gewaltexzesse in Köln, Stuttgart oder Frankfurt zu verweisen und damit auf das Unvermögen unserer Ermittlungsbehörden und Gerichte, derjenigen habhaft zu werden, die dafür verantwortlich waren. Zudem beobachten wir, dass die unglaublich hohe Zahl von Flüchtlingen ohne Aufenthaltsberechtigung nicht in dem Maße abgeschoben werden, wie es unsere Gesetze vorsehen. Welche Dynamik ein solches Unvermögen entwickelt, muss ich nicht ausführen. Und dabei denke ich zuerst an die Reaktionen der autochthonen Bevölkerung.

Der schwache Staat trifft auf Migranten, die schon in Kindergärten und Schulen unpassende Reflexe gegen Autoritäten und Institutionen entwickeln. Kinder und Jugendliche aus migrantischen Familien respektieren ihrer Erzieherinnen und Lehrerinnen nicht. Sie sind renitent und wenden manchmal – nicht nur gegen Mitschüler- körperliche Gewalt an. Der anekdotische Beitrag Friedrichs Merz‘ in der Sendung (zwei Lehrerinnen, vermutlich aus dem grünen Milieu berichteten ihm…) fand in Frank Lübberdings Nachlese zur Sendung (FAZ) erst gar keinen Widerhall. Vielleicht fürchtet er das Echo der linken Blase, wenn er auch das zum Thema gemacht hätte.

Verallgemeinerungen

Dass solche Erfahrungen genau diese sind und keine unzulässigen Pauschalierungen bedeuten, muss leider dazu gesagt werden.

Auf der anderen Seite gibt es genügend andere Beispiele. Wir wissen um unsere Reflexe und die der „anderen“. Die anderen nutzen grundsätzlich nur die schlechten Erfahrungen und füllen die Social Media Kanäle damit.

Sie geben ihren rechtsextremen und subversiven Brei hinzu. Fertig ist das Gebräu, über das jedem anständigen Menschen nur übel werden kann. Vermutlich ist es leider aber so, dass diese Art von Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema die Leute nicht nur verunsichert, sondern auch auf die andere Seite zieht. Und es ist auch richtig, dass über Zweifel und Nöte kaum mehr zu reden ist. Sofort wird jeder in die Gruppe der Nazis verwiesen, der sich mit Problemen kritisch auseinandersetzt.

Wir sind mehr

Es stimmt nämlich, wenn es bei Twitter heißt: „#wirsindmehr“. Das ist auch gut so. Allerdings verändert unser „Umgang“ mit strittigen Themen nichts zum Besseren.

Die linke Blase verhindert höchst effizient aber auf wenig umsichtige Weise das, wofür sie irgendwann einmal eingestanden ist: Eine offene und kritische Diskussion, die einer offenen und an Werten orientierten Gesellschaft gut zu Gesicht stehen würde. Die Gesellschaft könnte unter diesen Voraussetzungen irgendwann so aussehen wie die heutige in den USA.

Positive Beispiele

Es ist vielleicht naiv, wenn ich sage, dass ich es als wegweisend, wohltuend und auch beruhigend empfinde, ab und zu Beispiele von gelungener Integration zu lesen.

Ich fände es klasse, wenn die öffentlich-rechtlichen Konservensender in diesen elenden Wiederholungsmonaten mal nicht eine Reservetalkshow aktivieren würden, sondern eine große Runde von Migranten mit positiver Integrationsgeschichte brächten und (paritätisch besetzt) eine solche Gruppe mit Menschen, die negative Erfahrungen mit ihren Integrationsversuchen gemacht haben. Vielleicht könnte man auf diese Weise etwas mehr darüber erfahren, wie sich das angeblich so rassistische aka menschenfeindliche Bio-Volk der Deutschen wirklich anstellt bzw. welcher Anteil auf die Migranten selbst entfällt, weil sie nicht willens oder fähig sind, sich in dieses Land zu integrieren. Mag sein, dass es ein solches Format schon gibt oder gegeben hat, und ich habe es nur verpasst. Wir müssen Migranten viel mehr in alltägliche Diskussion einbeziehen. Sowieso, wenn es um diese spezifischen Fragen geht.

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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