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Medien und Meinungsbildung

Einerseits reklamieren Rechte gern die Meinungsfreiheit für sich, wenn sie mit ihren zum Teil kruden Thesen in der Öffentlichkeit hantieren. Aber wehe, es zeigt sich ein mächtiger Gegner, der in Gestalt der Öffentlich-Rechtlichen daher kommt. Dann werden schnell andere Forderungen laut.


 • Letzte Änderung: 14. Apr. 2021  4 Kommentare

Vorwort

Es passiert, dass ich Sachen lese, die mir nicht passen. Sie sind gut geschrieben, sehr gut sogar. Das kann ich anerkennen. Trotzdem mag ich den Inhalt nicht. Ich weiß das mitunter schon, bevor ich überhaupt anfange zu lesen. Danach verarbeite ich das dann hier in meinen Beiträgen. Dabei geht nichts darüber, unvoreingenommen an einen Text heranzutreten. Trotzdem.
Wenn ich Cicero, Welt Online, NZZ oder andere konservative Medien lese, kann ich schon am Titel und am Namen des Autors erkennen, was kommt. Ich bin motiviert, den Text dennoch zu lesen, weil ich es für wichtig halte, auch das zu kennen, was andere über einen bestimmten Sachverhalt denken. Ganz besonders die, mit denen ich politisch nicht auf einer Wellenlänge liege. Früher wurde viel diskutiert. Jedenfalls falls Leute im Freunde- oder Bekanntenkreis waren, die sich auch für politische und gesellschaftliche Fragen interessierten und sie bereit waren, darüber zu diskutieren.
Das war auch früher schon nicht immer der Fall. Viele schwiegen lieber. Bei einer Geburtstagsfeier gehört es sich nicht, über streitige Politik zu diskutieren. Oder so. Ich glaube, die Demokratie war nie mehr herausgefordert als in diesen Monaten. Nie waren die Leute unduldsamer und intoleranter. Und nie rücksichtsloser. Dieser Eindruck ist auch geprägt von dem, was ich gestern auf den Skipisten in Österreich und der Schweiz sah. Oder auch in Winterberg oder in Monschau.

Am leichtesten lässt es sich über die »Sozialen Medien« schimpfen. Ich bin seit ca. anderthalb Jahren vollständig abstinent und vermisse wenig. Auch andere, die so genannten etablierten Medien, bieten gerade in dieser Corona-Krise viel negatives Anschauungsmaterial. Es wird wie verrückt übertrieben. Keine Nachrichten mehr, die nicht von Corona dominiert werden. Aber das ist nicht das Schlimmste. Die Leute werden in Aufruhr versetzt und einen Tag später ist alles wieder ganz anders. Wenn allfällige Übertreibungen kritisch hinterfragt werden, kommen die Allgemeinplätze zum Tragen, die wir seit Generationen kennen.

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Photo by Dominika Roseclay on Pexels.com

Es sei schließlich die Aufgabe der Medien, uns schnell und zuverlässig zu informieren. Das Informationsbedürfnis der Menschen soll das sein, was sich die Anbieter aller denkbaren Mediensparten auf ihre Fahnen geschrieben haben. Bestimmt wurde diese Lüge schon in den Zeiten erfunden, als Zeitungsjungen die Sonntagszeitungen durch das Herausschreien von Schlagzeilen vermarkteten. Ich glaube dennoch, dass die Pionierzeit des Metiers von viel Idealismus getragen wurden. Allerdings haben die Menschen schnell begriffen, dass die Aufbereitung und Weitergabe von Informationen Geld und Macht bringen.

Mit dieser wackligen und vermutlich mit guten Gegenargumenten begegneten Annahme lässt sich ein Blick in die Gegenwart unserer Medienlandschaft werfen. Wir stehen in Deutschland an dem Punkt, dass der Bestand der öffentlich-rechtlichen Medien zunehmend infrage gestellt wird. Inwieweit die innerhalb der CDU vorgesehene Reform der Öffentlich-Rechtlichen in Gang gesetzt wird und nur noch ein Sender »übrig« bleibt, wird abzuwarten sein. Ob die Macht, den die Verantwortlichen nicht zuletzt im eigenen Interesse durch die Befassung mit dem Thema auf allen Kanäle ausüben werden, so groß ist, wird sich erweisen.

Der Einfluss bestimmter Gruppen auf die Berichterstattung privater, vorgeblich unabhängiger Anbieter wirkt auf mich nicht weniger abschreckend, als die insbesondere von Konservativen und Rechtsnationalen behauptete Einseitigkeit einer unterstellten links-grün dominierten deutschen Medienlandschaft.

Der Brexit ist von Lügnern und Dilettanten zu verantworten, schreibt heute Nikolaus Blome im »Spiegel«. Er denkt hier in erster Linie an die britischen Konservativen. Aber Politiker allein sind eben nicht verantwortlich für das, was viele für einen verhängnisvollen Fehler halten. Trotz des Deals in letzter Minute ist nicht abzusehen, ob die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen für die Briten am »Ende« nicht dem entsprechen, was Weissagungen kontinentaleuropäischer Meinungsführer verheißen. Wie es wohl in die Bevölkerung der Noch-EU-Bürgerinnen hineingewirkt haben mag, dass sowohl Amerikaner als auch Briten immerhin früher gegen Covid-19 geimpft werden? So gern ich den gängigen Erklärungen der EU hinsichtlich der benötigten zusätzlichen Zeit als vertrauensbildende Maßnahme folgen möchte. Zu groß ist andererseits der Zweifel, ob die Mühlen dieses Molochs EU das Delta nicht doch glaubwürdiger erklären. Die Medien haben an meiner Abnahme ihren Anteil.

Deshalb geht mir sogar die Wehmut auf die Nerven, die in vielen Kommentaren zum Brexit jetzt abendmilde schimmert. Ich fühle keine Wehmut, nur Wut: Großbritannien ist von zockenden Lügnern, leichtfertigen Clowns und ihren Claqueuren gekapert worden. Sie haben mein Europa kaputtgemacht, zu dem die Insel genauso gehörte wie Frankreich oder Deutschland.

Brexit: Wut statt Wehmut – Kolumne – DER SPIEGEL

An vielen Stellen spielt es keine Rolle mehr, ob Falschbehauptungen (Fake News) widerlegt werden. Dass Donald Trump fast 75 Millionen Wählerstimmen gewann, ist viel weniger das Resultat der Qualität seiner »politischen« Ziele und Argumente. Es ging vielmehr um mediale Interpretationen. Trump konnte sich als Vertreter der gesellschaftlichen Schichten gerieren, die sich auf der Verliererstraße befindet oder jedenfalls wähnt. Diese Menschen haben ihm abgenommen, dass er als Antipode des Establishments fungiert. Dafür, dass so etwas möglich ist, haben unverantwortliche Medien gesorgt. Übrigens auf »beiden« Seiten.

In einem Interview mit der NZZ hat Ex-Außenminister Joschka Fischer, Grüne, die Probleme der transatlantischen Beziehungen analysiert. Er sieht diese mit Bidens Wahl nicht behoben. Im Gegenteil, Fischer konstatiert, dass die Briten und Amerikaner sich vom »Westen« verabschiedet hätten. Der Wunsch nach einer isolationischen und nationalistischen Politik sei dort ungebrochen vorhanden. Er sieht die Veränderungen, die das Ende des kalten Krieges bedingt hätten. Die Idee des Westens ganz aufzugeben, halte er allerdings für sehr gefährlich. Fischer fordert ein höheres militärisches Engagement von Deutschland und Europa. Der Ex-Außenminister sieht die Gefahren, die in der expansiven chinesischen Politik stecken.

Maaßen über die NZZ

Interessant an diesem Interview Fischers sind die Leserbriefe. Sie zeigen deutlich, welche Art von Leserschaft die NZZ sammelt, nämlich ähnlich wie Welt.de. Ich habe mich hier schon häufig darüber beklagt, dass Chefredakteur Gujer es darauf angelegt hat, rechtsnationale, der AfD nahestehende Personen für dieses an sich wirklich gute Produkt zu gewinnen. Bei der NZZ hat man es mit Sicherheit ganz toll gefunden, als Ex-Verfassungsschutzpräsident Maaßen, die Zeitung als »Westfernsehen« bezeichnete.

Leser fantasieren darüber, dass Briten und Amerikaner sich deshalb von der EU abgewendet hätten, weil diese ein von Kommunisten geführtes sozialistisches Gebilde sei. Andere schreiben: »Die Bundesrepublik Deutschland ist von SED-Typen unterwandert – und der deutsche Untertanengeist weiß dem nichts entgegenzusetzen. Heute ist Deutschland näher an der DDR oder Kaiser Wilhelms Reich als jemals zuvor.« Die NZZ sieht sich hoffentlich nicht ausdrücklich als Magnet für solche Leute? Man liest dort, wie übrigens auch in deutschen Medien, immer wieder solche bescheuerten Anmerkungen von deutschtümelnden Konservativen oder Rechtsauslegern. Dass solche Leute sich nicht wirklich mit den Gedanken eines grünen Ex-Außenministers befassen oder gar anfreunden können, überrascht nicht. Ihre penetrante Hetze gegen die deutsche Bundesregierung findet sich in konservativen und rechtsnationalen Medien immer häufiger.

Damit etablierten sich zum Beispiel Sendungen wie „The Rush Limbaugh Show“. Sie war eines der ersten landesweit ausgestrahlten Programme ihrer Art und ein Überraschungserfolg des Formates. Es folgten viele Nachahmer. Einer der Erfolgreichsten ist Sean Hannity. Er gehört seit 1996 zum festen Personal des konservativen TV-Senders Fox News. Seit entsprechenden Gesetzesänderungen Mitte der 1990er Jahre, verschwanden zunehmend kleine, lokale Sender und große Medienkonzerne wurden gestärkt. Der größte amerikanische Distribtion Dienst Premiere Networks (eine Augründung von iHeartMedia) ist heute die Radioheimat von Rush Limbaugh und Sean Hannity.

Hörfunk in den Vereinigten Staaten – Wikipedia

Meinungsfreiheit ist Meinungsfreiheit. Wenn man angesichts des blanken Hasses, der sich zunehmend Bahn bricht, nicht Sorge um unsere Demokratie haben müsste, wäre das halb so schlimm. In den USA hat die Spaltung der Gesellschaft ihren Anfang genommen, als Medienleute erkannten, welches Potenzial Hassrede hat. Das Internet erleichtert die Verbreitung. Natürlich ist davon auszugehen, dass wir in Europa und Deutschland von diesem gefährlichen Phänomen nicht verschont bleiben.

Corona-Leugner, die sogenannten Querdenker, die nicht mal geradeaus denken können oder deren politische Trittbrettfahrer von Rechts geben Anlass, die Dinge neu zu regeln. Ob auch die Belange, wie etwa die Einschränkung der finanziellen Spielräume der Öffentlich-Rechtlichen dazu gehören sollte, will ich nicht beurteilen.

4 Gedanken zu „Medien und Meinungsbildung“

  1. Hallo Horst,

    Mal wieder ein super Artikel. Ich habe mir seit Langem Gedanken darüber gemacht, wie es zu diesen Entwicklungen kommen konnte.

    Die Welt wird instrumentalisiert durch asoziale Medien, die eigentlich nur eines tun Ziel haben: Egoismus, Arroganz und Ignoranz zu fördern und die Menschheit dazu zu animieren, immer mehr Geld zu verdienen. Das ist der Motor hinter ganz vielen Dingen. Wer sich selbst nicht der Nächste ist, der über Leichen geht, ist automatisch ein naiver Gutmensch, den es zu belächeln gilt.

    Dieses Denken kotzt mich dermaßen an, das kann ich keinem sagen!

    P.S.: Prima, dass Du wieder eine Kommentar-Benachrichtigungsfunktion hast – ich schätze das sehr 🙂

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  2. Hi Martin, Danke! Ich freue mich, das zu hören. Dass mit Hass und Aufruhr Geld verdient wird, ist ein Kreuz. Aber darauf läuft es bei Medien immer mehr hinaus. Leider nicht nur bei denen, die wir widersinnigerweise „Soziale Medien“ nennen. Mir fallen keine Instrumente ein, um diesem Treiben wirksam zu begegnen. Die bisherigen gesetzlichen Maßnahmen und die Drohgebärden gegen die großen Netzwerke (Facebook, Twitter etc.) wirken meines Erachtens nicht in der Art wie es zu wünschen wäre.

    Statt der Hassorgien in sozialen Netzwerken verfolge ich gegenwärtig die Kommentarspalten in einschlägigen Medien. Welt Online fällt mir persönlich da besonders unangenehm auf. Ob das, was sich in den Kommentaren an Widerlichem zeigt, im Interesse von Redakteuren liegt? Bestimmt nicht. Aber vielleicht verdient man mit sowas echt mehr Geld. Vermutlich ist das so, weil es viele anlockt. Darum gehts ja in diesem widerlichen Spiel.

    Ich habe viel am Blog herumgewerkelt und ein paar mehr Plugins drin. Das Ergebnis bei Pagespeed ist trotzdem ganz ok. LG

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    • Nicht nur Medien verdienen mit Hass und Aufruhr Geld, es sind auch Leute wie dieser Ballweg, der sich gesundsaniert oder die sog. AFD, die finanziell davon profitiert.

      Resigniert muss ich leider sagen, dass es den meisten Menschen anscheinend nur um ihren persönlichen Vorteil geht. Wie habe ich gestern noch bei Spiegel online in einem Kommentar zu den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in östereichischen Skigebieten von jemandem gelesen? „In meinem Leben ist für Verzicht kein Platz, ich habe nur dieses eine.“ Unglaublich, oder?

      Es ist der grenzenlose Egoismus, der die Welt zu dem gemacht hat, was sie heute leider ist.

      Und was die Kommentarspalten in den Medien angeht: bei welt.de findet anscheinend keine Moderation statt, anders kann ich mir das nicht erklären. Das ist mittlerweile fast ein Sammelbecken für Verfassungsfeinde, wenn man sich anschaut, welche Kommentare da geliked werden.

      Das Einzige, was man dagegen machen kann (meiner Meinung nach): nichts so eine Sozialsau sein und das auch kommunizieren.

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      • Richtig, das kommt noch dazu. Wer weiß, wie die Dinge nach Corona laufen werden und wie groß die Verwerfungen sind, die dieser Krise folgen werden? Das Verhalten mancher Menschen ist schon recht seltsam. Und es hat auch nicht nur was mit dem Alter zu tun. Es ging junge und alte Egoisten. Menschen, die nur sich selbst etwas bedeuten und offensichtlich keine Rücksicht mehr kennen.

        Welt.de hat schon Moderation. Zumindest sagen sie das. Meine Kommentare wurden auch in schönster Regelmäßigkeit gelöscht. Weil sie nicht ins allgemeine Gehetze passten oder weil sie die Hetzer weiter angestachelt hätten. Egal. Hoffentlich kann man in diesem Teufelskreis durch eigenes Verhalten wirklich etwas verbessern. Ich bin da skeptisch.

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