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Meinungen: Sag mir, was du liest und ich sag dir, wer du bist?

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Tucholsky hat gesagt: ❝ Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein ❞. Das ist zwar witzig. Aber ich halte es für falsch, wenn es um Meinungen geht



Unterschiedliche Meinungen können inspirierend sein, irritierend und bisweilen auch destruktiv. Früher ™ gab es die Tageszeitung, die man gewöhnlich teilweise morgens las, abends den Rest. Heute bieten sich so viele unterschiedliche Informationsquellen an, sofern sie noch frei zugänglich sind oder man sich für das eine oder andere Abo entschieden hat, dass wir uns vielleicht schwerer tun, unseren Kompass nicht zu verlieren. Ich empfinde das jedenfalls so.

Meinungen bilden: Lesen und denken

Als Rentner habe ich viel Zeit, ich lese und denke viel. Ob Letzeres zu neuen Erkenntnissen und Sichtweisen führt? Da bin ich mir nicht sicher. Ich lasse mich oft mit – und hinreißen. Meistens geht es um das, was die meisten anderen auch beschäftigt. Gesellschaftliche und politische Angelegenheiten, die aufgrund der Art der medialen Auseinandersetzung Anreize für die eigene Empörung bieten.

Aber ich möchte mich nicht schlechter machen als ich bin. Ich habe die Zeit erlebt, in der es ruhiger und gelassener zuging. Mir sind die Erinnerungen an die so genannte Bonner Republik lieb und teuer. Nun wird die Bundespolitik in Berlin gemacht. Provinzler finden sich dort nicht so gut zurecht, wie das jüngste Beispiel, Annegret Kram-Karrenbauer, wieder einmal zu beweisen schien.

Dabei kommt Friedrich Merz aus Brilon, Jens Spahn aus Münster und Armin Laschet aus Aachen. Deutschland ist provinziell, nur Berlin halten viele für die einzige wirkliche Großstadt Deutschlands. Ich weiß noch, als ich ein paar Berliner Kollegen vor Jahrzehnten Köln zeigen durfte. Wir fuhren mit dem Taxi ins Zentrum. Dort wurde ich gefragt, wann wir denn in Köln ankommen würden. Geschenkt.

Internet – #Neuland

Durch die Entwicklung des Internets hat sich die Medienlandschaft so krass verändert, dass mir Angela Merkels verhohnepiepelter Begriff vom #Neuland immer wieder einfällt, wenn es um wichtige Fragen geht, die mit unserem Umgang mit diesem Medium zu tun haben. Meinungen sollten nicht vorrangig aufgrund von Gefühlen gebildet, denn die Fakten sollten wenigstens zur Kenntnis genommen werden.

Dass wir nicht mehr auf unsere Sprache achten müssen, hat sich in beinahe schon erschütternder Art und Weise nach dem Eklat von Thüringen gezeigt.

Ich muss sogar Henryk M. Broder schweren Herzens zustimmen, der in einem seiner letzten „Videobotschaften“ über die inflationäre öffentliche Nutzung des Begriffs „Faschismus“ lästerte.

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Es wirkt doch geradezu lächerlich, wenn Linke alle Andersdenkende flotterdings als Faschisten bezeichnen und Linke von Rechten pauschal zu Antifas erklärt werden. Es scheint im Moment (nach Thüringen) kein Halten mehr zu geben. Die Sprache entgleitet zu vielen. Nachher, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, lässt sich das nicht leicht reparieren.

Polarisierung von Meinungen in der Gesellschaft

Da wurden in verschiedenen Bundesländern zwölf Männer verhaftet, die angeblich durch verschiedene Mordanschläge auf Politiker, Migranten und Muslime das Land destabilisieren wollten. Sie wollten mit diesen Anschlägen bürgerkriegsartige Unruhen auslösen. Bei Twitter lösten diese Meldungen Reaktionen der Rechten aus. Sie stellen infrage, dass diese Männer überhaupt dazu in der Lage wären, die beschriebene Wirkung zu erreichen. Die lassen es offenbar lieber darauf ankommen und schimpfen währenddessen weiter über die Antifa.


Ich greife gern auf kuratierte Artikel oder Essays (z.B. Piqd oder Blendle) zurück. Ich lese ab und zu mal bei „Tichys Einblick“ oder Broders „Achse des Guten“. Die ganz harten rechten Blogs meide ich, weil ich die überbordende Hetze, die dort stattfindet, nicht gut vertrage. Ich höre lese jeden Morgen Gabor Steingarts Morning-Briefing und mag seinen Podcast mal mehr und mal weniger. Und ich lese die NZZ, bin Abonnent. Dabei bin ich bei manchen Aussagen durchaus kritisch. Aber die NZZ trennt, so mein Eindruck, anders als deutsche Zeitungen, Berichterstattung und Kommentare. Das empfinde ich als wohltuend, weil in Deutschland beides vor allem in den letzten Jahren zu sehr durcheinander geht.

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Viele teilen Artikel mit ihnen unangenehmen Inhalten nur höchst selten und wenn überhaupt eigentlich auch nur, um uns über den darin vertretenen Standpunkt „herzumachen“.

So gut und wichtig ich klare Positionen gegen extreme politische Ansichten finde, ich glaube, wir sind dabei, stark zu überzeichnen und den guten Absichten zuwider, der Demokratie einen Schaden zuzufügen.

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Der Titel der nächsten „Anne Will“ Talkshow “ Politik im Krisenmodus – wer hält das Land noch zusammen? “ ist in meinen Augen ungenau. Statt „Politik im Krisenmodus“ sollte es heißen: „Gesellschaft im Krisenmodus“. Eins ist schon einmal sicher: Talkshows sind es ganz sicher nicht, die unser Land noch zusammenhalten.

Dass in dieser illustren Runde nicht alle Parteien vertreten sind (Linke und AfD fehlen) mag dem Proporz geschuldet sein, ich halte das für falsch! Dass die AfD und ihre Repräsentanten oft gut wegkommen in Talkshows könnte am Format liegen, ich meine am Format der übrigen anwesenden Parteienvertreter. Ich glaube – trotz der Erfahrungen der letzten Zeit – dass das Personaltableau der Parteien mehr hergibt. Dass diejenigen sich nicht in die erste Reihe trauen, kann ich einerseits nachvollziehen. Andererseits ist es für das Erscheinungsbild unserer Demokratie verheerend.









Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

4 Gedanken zu „Meinungen: Sag mir, was du liest und ich sag dir, wer du bist?“

  1. Nicht nur bei Broder, @Horst, sind wir gleicher Meinung. Manchmal frage ich mich allerdings, ob Broder wirklich so ist oder seine Art mehr seinem Broterwerb geschuldet ist. Mehr dreht sich bei mir der Magen rum, wenn ich daran denke, dass das Publikum so bedient werden möchte. Schüttel,schüttel….

    Mit lesen verbringe ich heute auch deutlich mehr Zeit als früher, wobei ich aber mein heutiges lesen mehr als „konsumieren“ bezeichnen würde. Rein, runter,- weg. Wo ist der nächste Happen?

    Aber hin und wieder schält sich aus dem reichlichen Buchstabenkonsum doch eine Gedanke heraus, der mich vielleicht ohne diesen nicht erreicht hätte. Dann denke ich schon mal, na…, war ja doch nicht alles umsonst.

    „Anne Will“ steht leider bei mir auf der Liste der demnächst auszusortierenden Sendungen. Der sachliche Erkenntnisgewinn wird immer geringen, außer, dass alle immer mehr im Schmutz rum wühlen. Und bei der Profilierung der eigenen Person und Partei wird alles, was der Kontrahent anders sieht, als krasse Fehlleistung dargestellt.
    Na gut, schau`n wir mal, was es heute Abend zu sagen gibt.

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  2. Broder macht Deutschland schlecht. Er bedient damit eine Klientel, die ich noch weniger mag als ihn. Seine Freunde finden seine „klare Sprache“ so toll. Ich finde ihn selten witzig. Meistens sind seine Beiträge provozierend und selten inspirierend.

    Helmut Schmidt hat erzählt, dass er manchmal komplette Arbeitstage (8-10 Stunden) am Schreibtisch mit Lesen verbringen würde. Soweit würde ich nicht gehen. Da machen meine Augen gar nicht mit 🙂

    Talkshows dürfte man eigentlich gar nicht mehr anschauen. Aber ich bin wie so viele: die sagen immer, wie mies sie die finden und gucken doch immer wieder. Anne Will schau ich eher selten oder wenn höchstens zeitversetzt. Da läuft im ZDF oft ein Krimi. Aber ob die immer besser sind 🙂

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  3. Die Phoenix-Runde ist sehr gut, kein Vergleich zum Schlagabtausch-Kultur bei Anne Will. Und für gemütliche und skurrile Gesellschafts- und Kulturthemen das WDR Nachtcafe.

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  4. Finde ich auch. Die Phoenix-Runde schau ich mir eigentlich immer an, jedenfalls wenn das Thema mich interessiert. Dort geht es viel gesitteter zu als in den meisten anderen politischen Talkshows. Das mag vor allem daran liegen, dass die Gäste überwiegend andere sind 🙂

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