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Nur zu Frau Wu, wandern Sie aus. In Vietnam ist man sicherer als hier – vor Corona jedenfalls

Im Vergleich rund um Corona stand Deutschland einige Zeit gut da. Das ist, bezogen auf Europa, auch heute nicht viel anders. Trotzdem ist die Lage in der 2. Welle viel bedrohlicher. Liegt es an der Politik und ihren Maßnahmen oder nicht doch an uns bzw. der Ignoranz von immer mehr BürgerInnen?


   2 Kommentare 4 Min. Lesezeit

Ich bin froh, in Deutschland zu leben. Erinnern Sie sich noch an diese und ähnliche Aussagen im Frühjahr und Sommer dieses Jahres? Das hatte damit zu tun, dass Deutschland in diesen ersten Monaten die Pandemie besser gemeistert hatte als andere Länder. Fast klang das ein bisschen so, als hätten wir eine Meisterschaft im Fußball gewonnen. 

Bear Mask Corona Closure Brown  - a0504130218 / Pixabay
a0504130218 /​Pixabay

Manchen dämmerte zu diesem Zeitpunkt, dass diese vergleichsweise gute Lage damit zu tun hatte, dass unser Gesundheitssystem doch nicht so schlecht ist, wie manche es uns weismachen wollten. Ich glaube, dass es eher daran gelegen hat, dass wir uns in dieser Zeit mehr umeinander gekümmert haben, als das inzwischen der Fall ist. 

In den vielen Monaten der Pandemie haben sich auch bei uns die Dinge entwickelt. Viele mögen einfach nicht mehr vorsichtig sein und ein paar von denen wähnen sich zwischenzeitlich in einer Diktatur oder bezeichnen sich gar als Widerstandskämpfer. Kinder der «Quertreiber», die sich selbst als «Querdenker» bezeichnen und dabei nicht mal geradeaus denken können, vergleichen sich unsäglicherweise mit Anne Frank.

Aber der «Widerstand» gegen die Corona-​Regeln treibt auch in Kleinstädten, in denen dieser Hang zur Freiheitsliebe keine vergleichbaren Kapriolen schlägt, seine Blüten.

Von unserem Bürgermeister erfuhren wir übers tägliche Video und via Tageszeitung, dass in hiesigen Restaurants mit Abholdienst oft mehr Gerichte bestellt wurden, als unter Corona-​Bedingungen normalerweise Familienmitglieder anwesend sein dürften. Und das, obwohl wir letzten Sonntag bei einer Inzidenz von über 360 lagen (inzwischen ist sie glücklicherweise bei sinkender Tendenz).

All diese Maßnahmen der Regierung helfen nicht, die Risiken der Pandemie (Überlastung des Gesundheitswesens, Triage, höhere Sterbezahlen) zu minimieren, wenn die Bevölkerung nicht mitmacht. Obwohl das immer wieder gesagt wird und ein Appell dem anderen folgt, gibt es Menschen, die die Regierung und unsere Behörden beschuldigen, schwerwiegende Fehler gemacht zu haben. 

Die in Deutschland geborene Zeit-​Redakteurin Vanessa Vu beklagte sich bei Anne Will nachdrücklich über die Versäumnisse der deutschen Regierung.

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Es wird Frau Wu aufgefallen sein, dass Taiwan eine Insel ist und die Bedingungen für Corona-​Maßnahmen auch unter den soziokulturellen Voraussetzungen andere sind. Dass Ähnliches zum Beispiel auch für Vietnam gilt, sei ebenfalls erwähnt.

Sie erwähnte in ihrem aus meiner Sicht total überzogenen Statement, dass einige ihrer Bekannten mit vietnamesischem Hintergrund aufgrund der besonders hohen Gefährdungslage in Deutschland mit dem Gedanken spielten, auszuwandern. Gute Idee, Frau Vu. 

Ich nehme an, dass auch andere, nicht bloß Rassisten, sich an dieser übertriebenen Kritik gerieben haben. Dieser Tweet von Frau Vu spricht dafür.

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Vu fühlt sich bemüßigt, uns provinziellen Deutschen die Welt zu erklären. Damit ist sie nicht allein. Das ist en vogue. Die Deutschen mit ihrem Hang zur Selbstbezichtigung und Selbstkritik sind als Adressat solcher Kritiken bestens geeignet. Wenn Medien wie die NZZ von nicht wenigen deutschen zum Beispiel als das neue «Westfernsehen» gefeiert wird, während im Gegenzug deutsche Medien pauschal als links-​grüne Systemmedien diffamiert werden, wird vieles klar. Eben auch, dass Vus Vorhaltungen im Land auf fruchtbaren Boden fallen.

Jede/​r hat das Recht, eigene Ansichten über Maßnahmen zu äußern. Davon machen auch viele Gebrauch. Es gibt Corona-​Maßnahmen, die mit ziemlicher Sicherheit nicht produktiv, sondern vielleicht dumm waren. Die Corona-​App spielt nicht annähernd die Möglichkeiten aus, die technisch gegeben wären. Nur kennen wir auch die Gründe für diese Unterkomplexheit. Vieles liegt bei uns, bei jedem einzelnen von uns. In einem Land mit derart grotesken Widersprüchen, in dem beispielsweise der Datenschutz superhoch gewichtet und andererseits durch persönliches Verhalten (Facebook, Amazon, Google etc.) konterkariert bzw. ad absurdum geführt wird, hat es nicht anders verdient? Einerseits beklagen sich viele darüber, dass die Digitalisierung nicht vorankommt. Wichtige Themen in der Corona-​Krise, wie Homeoffice, Homeschooling etc. fallen negativ auf. Es sind nur wenige, dafür jedoch beredte Beispiele für Widersprüche, die diese Gesellschaft nicht aufzulösen in der Lage ist. Vielleicht ist auch das ein Versäumnis der Politik. Wahrscheinlich sogar. Jedenfalls solange es um die Fehler geht, die die Infrastruktur betreffen. Aber der Druck, die Bereitschaft diese Technologie massiv voranzubringen, scheitert auch am fehlenden Willen großer Teile unserer Bevölkerung.

Mich stößt es ab, dass jeder es besser zu wissen scheint als diejenigen, die von uns beauftragt worden sind, auch solche schwerwiegenden Aufgaben zu lösen. Die deutschen Talkshowverantwortlichen in ihrer Quotengier sind nicht in der Lage, die schlimmen Wirkungen ihres Handels zu reflektieren. Das sagt vermutlich auch viel über uns aus!

Link: Corona-​Warn-​App: Stört der Datenschutz? | Henning Tillmann

Obwohl Tillmann hier anschaulich erläutert, dass der deutsche Datenschutz die effektivere Arbeitsweise unserer Corona-​App nicht behindert, vermag er die konkreten Versäumnisse, die er Spahns Ministerium sowie der Telekom und SAP zuschreibt, nicht deutlich zu machen. Oder anders: Was müsste passieren, damit die App ganz schnell doch noch wenigstens einen Teil des viel zu großen Geldbetrages rechtfertigen könnte?

In einem Punkt hat er recht: Die App sollte mehr können. Der Datenschutz hat damit aber nichts zu tun. So könnte die Corona-​Warn-​App in Zusammenarbeit mit Apple und Google eine automatische Cluster-​Erkennung anbieten. Auch ein manuelles und freiwilliges Kontakttagebuch könnte innerhalb weniger Tage implementiert werden. Wie all dies gehen kann, habe ich bereits im Spätsommer mit Karl Lauterbach aufgeschrieben. Die Corona-​Warn-​App krankt somit nicht am Datenschutz, sondern an einem völlig überforderten Bundesgesundheitsministerium und Robert-​Koch-​Institut. Da sollte Söder seinem Parteifreund Jens Spahn also mal etwas Feuer unter dem Hintern machen. Statt im Sommer mit Expertinnen und Experten zu überlegen, wie die App ausgebaut werden kann, wurde die App augenscheinlich in der Schublade vergessen. Die beiden für die Umsetzung zuständigen deutschen Unternehmen, die Deutsche Telekom und SAP, glänzten ebenfalls nicht durch gute Kommunikationspolitik. Sondern vor allem dadurch, dass sie sehr viel Geld für wenig Leistung verlangen.

Corona-​Warn-​App: Stört der Datenschutz? | Henning Tillmann
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Link: Update der Corona-​Warn-​App – ZDFheute

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Horst Schulte
Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

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2 Gedanken zu „Nur zu Frau Wu, wandern Sie aus. In Vietnam ist man sicherer als hier – vor Corona jedenfalls“

  1. Nur mal zu:

    » In einem Land mit derart grotesken Widersprüchen, in dem beispielsweise der Datenschutz superhoch gewichtet und andererseits durch persönliches Verhalten (Facebook, Amazon, Google etc.) konterkariert bzw. ad absurdum geführt wird, hat es nicht anders verdient?»

    Ja, es IST grotesk! Wobei in den Medien meist die vielen beschimpft werden, denen Datenschutz nicht so wichtig ist. Warum eigentlich? Mehr und mehr gewinne ich den Eindruck, dass die Datenschutzfahne von einer relativ kleinen, aber lautstarken Gruppe von «Experten» hoch gehalten wird, die sich dieses Thema als Lebensaufgabe ausgesucht haben – und nun nicht einfach von ihren teils lebensfernen Ansprüchen herunter können.

    Dass z.B. die E‑Privacy-​Verordnung in einem Jahre langen Tauziehen weitgehend entschärft und noch immer nicht verabschiedet ist (siehe zum Stand der Dinge) zeigt, wie gut gemeinte Ansprüche an den Realitäten scheitern. «Presseverlage» erhalten darin einen Blankoscheck zum fortgesetzten Tracking – und das ist nur EIN Beispiel.

    Bei den angestrebten Regulierungen geht es auch immer NUR darum, ob Daten nur mit Zustimmung des Users erhoben werden dürfen oder auch ohne. Dabei muss man sich mal klar machen, dass alle Erfolge in dieser Hinsicht dazu führen, dass wir an immer mehr Ecken des Internets um Erlaubnisse gefragt werden. Nicht etwa dazu, dass all diese Gepflogenheiten verschwinden, von denen viele ja durchaus unserer Bequemlichkeit dienen.

    Haben sich nicht alle beschwert über das Gießkannenprinzip, nach dem früher die Briefkästen zugemüllt wurden? Mit Tracking und Big Data lässt sich derlei digital vermeiden, aber das ist auch wieder nicht recht. Würde man das «zielgruppen-​spezifische» Ausspielen von Werbung (dessen Fundament entsprechende Daten sind), einfach abstellen, hätten nurmehr Großkonzerne und andere BigPlayer die finanziellen Ressourcen, nach dem dann wieder geltenden Gießkannenprinzip zu werben. Alle kleinen Krauter hätten das Nachsehen, die sich derzeit kleine Zielgruppen aussuchen können und nur für diese Kontakte bezahlen.

    Umfragen? Klar sagt eine Mehrheit, man wünsche sich mehr Datenschutz. Was genau die Leute sich für Anwendungsfälle vorstellen, wenn sie das wünschen, wird allerdings nicht gefragt oder jedenfalls nicht verbreitet.

    Das ist ähnlich wie beim Amazon-​Bashing: da macht man gerne mit beim Beschimpfen des Online-​Giganten, der angeblich alles an sich zieht. Dass Amazon aber die Hälfte «seines» Umsatzes mit kleinen Market-​Place-​Händlern macht, die nie und nimmer in der Lage wären, sich selbst ein ähnlich gutes und bequemes Shop-​System zu leisten (und erst recht nicht, solche Besucherströme dahin zu lenken!), fällt völlig unter den Tisch.

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  2. Volle Zustimmung. Was Amazon anlangt, meine ich allerdings, dass der Hauptgewinn gar nicht mit Produktverkäufen realisiert wird (egal, wie er nun aufgeteilt ist), sondern via AWS. Die Daten sind DAS Geschäft – auch von Amazon.

    Auch Amazons lukratives Cloud-​Geschäft mit IT-​Services und Speicherplatz im Internet florierte zuletzt weiter. Die Plattform AWS, die von vielen Unternehmen und Apps genutzt wird, erhöhte die Erlöse hier um 29 Prozent auf 11,6 Milliarden Dollar.
    Amazon verdreifacht seinen Gewinn | Aktien News | boerse​.ARD​.de

    Mir ist das allerdings auch ziemlich schnuppe. Für die Kinder haben wir das Spielzeug bei Amazon bestellt + ein neues Objektiv für meine Kamera. Ich darf also nicht über Amazon meckern.

    Schau dir mal diese Expertenrunde über die Digitalisierung in D bzw. unsere Corona-​App an. Dir wird vermutlich auch schwindlig.

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