Nutzen Bezahlschranken dem Journalismus?

Nur einen Klick entfernt von einer wichtigen oder interessanten Information? Das war mal.

Geht es nur mir auf die Nerven, dass die journalistischen Angebote im Internet mehr und mehr hinter Bezahlschranken verschwinden? Ja, es gibt das schlagende Argument, dass guter Journalismus Geld kostet! und die Entwicklung deshalb richtig, ja sogar unvermeidlich wäre.

Dem schließe ich mich ja grundsätzlich an. Leider nimmt dieses «Grundsätzlich» allerdings Formen an, die auch eine kritische Bewertung verdient haben.

Mein 43 Jahre währendes Abo des Kölner Stadt-Anzeiger habe ich vor ein paar Jahren gekündigt, weil mir die Zeitung (übrigens auch das Online-Angebot) den Preis nicht mehr wert war. Gerade auch der regionale Teil hatte aus meiner Sicht stark an Qualität verloren. Während der letzten Jahre habe ich mich darauf verlegt, die täglichen Themen über Aggregate wie Top.st oder Nachrichtentisch zu sondieren. Weiterhin spielen auch die Google News eine Rolle. Schau ich mich dort nach News um, brauche ich diese elenden sozialen Netzwerke nicht, und dumme Kommentare dazu kann ich auch selbst verfassen.

Probeabos, Abo-Modelle

Ich habe Probeabos bei «Welt», «Zeit», «NZZ», «Faz» und anderen ausprobiert und nacheinander (also nicht gleichzeitig) mehrmonatige Abonnements (bis zu einem Jahr) abgeschlossen. Aktuell läuft ein Jahresabo bei «Übermedien» und ein Probeabo der «Süddeutsche». Ein Jahresabo bei «Welt» habe ich nicht verlängert. Das zeigt, denke ich, einerseits mein Interesse an qualitativ gutem Journalismus (OK, ich lese ab und an auch mal bei Focus – Online), andererseits zeigt es ein bisschen die Problematik der zur Verfügung stehenden Abo-Angebote auf die ich zusprechen kommen wollte.

Ich finde einen Tagespass ok, so wie ihn zum Beispiel «Cicero» anbietet. Allerdings nehmen die für einen Tag freies Lesen 3,50 €. Das finde ich etwas viel und zwar deshalb, weil ich bei «Cicero» zwar mal den einen oder anderen Artikel interessant finde, mir die äußerst konservative Richtung allerdings nicht gefällt. Zu viel Cicero brauche ich nicht.

Bezahlschranken
Blendle Startseite

In diesem Zwiespalt habe ich eine Weile (mehrere Jahre) das Angebot von «Blendle» genutzt. Das Angebot ist aber leider seit einer Weile nicht mehr so umfangreich wie es zu Beginn war. Zahlreiche Verlage, Zeitungen und Zeitschriften sind dort nicht mehr zu finden. Ich nutze «Blendle» deshalb weniger, weil die Artikel, die mich interessieren, im Gegensatz zu früher, nicht mehr im Angebot vorkommen. Die dort angebotenen Preise je Artikel halte ich für sehr angemessen.

Ein Medium, unterschiedliche Zugangsbereiche

Bei der SZ, deren Abo ich im Moment ausprobiere, ist es so, dass neben dem «normalen» Bezahlangebot noch eine «Spezial»-Version existiert. Nutzt man also das Abo kann man die unter dieser Rubrik laufenden Artikel trotzdem nicht lesen. Ähnliche Differenzierungen gibt es auch bei anderen Online-Angeboten, beispielsweise bei der NZZ oder «Der Spiegel».

Die Abos sind häufig gestaffelt. Es gibt preiswertere und verhältnismäßig teuere mit dem sich weitere Angebote der betreffenden Medien nutzen lassen.

Ich frage ich, ob diese Differenzierung wirklich der Weisheit letzter Schluss ist bzw. ob diese nötig sind, um den Kunden ein «ausgewogenes bzw. breites Spektrum» von Informationen anbieten zu können und auskömmliche Einnahmen zu generieren. Mir kommt es so vor, dass diese Form von Angeboten die Kunden eher abschrecken. Aber das können selbstredend nur Insider beantworten. Vielleicht ist dieser Weg ja auch alternativlos, wenn man auf diesem Markt überleben muss?

Kündigungstermine

Gut finde ich, wenn man die Abos monatlich kündigen kann. Oft geht das aber nicht, weil beim günstigen Abo oft eine Mindestlaufzeit von einem Jahr vorgesehen ist. Es existieren Angebote mit Preisen von unter 5 Euro pro Monat. Will man es nutzen, muss man es für die Dauer eines ganzen Jahr abschließen. Ich finde solche Regelungen nicht kundenfreundlich, weil man innerhalb dieses Abos auch nicht vorzeitig herauskommt. Es bleibt ja die freie Entscheidung der Interessenten. Aber die Anbieter könnten ja vielleicht noch einmal darüber nachdenken, ob es keine besseren Alternativen gibt.

Ich fände Angebote mit monatlicher Laufzeit fair. Staffelangebote wären in Ordnung. Wer monatlich bezahlt, hat einen höheren Preis, als derjenige, der alle 3 Monate bezahlt u.s.w. Der Verwaltungsaufwand dürfte sich dafür in Grenzen halten, weil die Schritte komplett digital abgewickelt werden. Inwieweit solche Verfahren die Planungssicherheit der Verlage negativ beeinträchtigen, kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich spielen solche Aspekte bei der Gestaltung der Abo-Varianten auch eine Rolle.

Zu viele Bezahlschranken

Ums einmal auf den Punkt zu bringen: Die wenigsten (von Probe-Abos abgesehen) schließen vermutlich mehrere Abonnements parallel ab. Mehr als ein Abo werden sich auch nicht viele leisten wollen/können. Also bleiben einem bei den rapide wachsenden Bezahlschranken immer mehr interessante Inhalte versagt. Dass viele der Themen, die im öffentlichen Interesse hoch im Kurs sind, in verschiedenen Publikationen aus unterschiedlichen Blickrichtungen (auch mit referentiellem Bezug) behandelt werden, tröstet nicht wirklich.

Die frei zugänglichen Angebote nehmen aus meiner Perspektive immer stärker ab. Ich plädiere deshalb dafür, dass mehr mit (günstigen) Tagespässen operiert wird oder Angebote wie «Blendle» von den Verlagen wieder stärker unterstützt werden. Mehr als ein oder zwei Abonnements werden sich die meisten wohl kaum leisten wollen. Der starke Ausbau der Bezahlschranken wird auf Dauer natürlich auch dazu führen, dass die nützlichen Aggregatangebote im Internet auf kurz oder lang verschwinden werden. Damit fällt die Orientierung im Info-Dschungel noch schwerer. Außerdem ist es doch ziemlich doof, wenn man auf Links klickt, die das Interesse an einem Artikel vor der Bezahlschranke stoppen.

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

2 Gedanken zu „Nutzen Bezahlschranken dem Journalismus?“

  1. Hallo Horst,

    das ist ein interessanter Artikel. Und da möchte ich doch gern meine Meinung dazu schreiben.

    Ich verstehe durchaus, dass Verlage / Publikationen Geld verdienen müssen, um ihre Angebote aufrecht zu erhalten und die Mitarbeiter zu bezahlen. Aber ich habe gerade bei der hiesigen Zeitung, der „Leipziger Volkszeitung“, erleben müssen, dass Informationen von großem gesellschaftlichen Interesse hinter einer Paywall verschwinden. Das Schlimme daran war, dass die genannten Informationen 1:1 von der frei zugänglichen Webseite der Stadt Leipzig stammten.

    Das fördert jetzt nicht unbedingt meine Lust, ein solches Abo abzuschließen. Ich denke sowieso, dass tagesaktuelle Berichterstattung nicht für Paywalls geeignet ist. Ich glaube eher, dass es Hintergrundberichte und Reportagen und sowas ist, womit man als Medium Geld verdienen kann. Soweit ich weiß, gelingt dieser Spagat einigen Medien. Ich finde es z.B. nicht ganz blöd gelöst, wie es die ZEIT macht. Aber das ist nur ein persönlicher Eindruck.

    Das ist doch bei Blogs auch nicht anders. Du musst schon besondere Inhalte haben, wenn du irgendwas wie LaterPay oder gar eine Paywall aufziehen willst. Mit allem anderen wird das wohl nicht klappen. Aber auch hier gilt: Das ist nur ein persönlicher Eindruck.

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    • Hallo Henning,

      genau da sehe ich auch ein großes Problem. Ich stoße immer häufiger auf Themen, die mich sehr ansprechen, kann sie aber nicht lesen, weil ich dafür nicht ein (weiteres Abo) abschließen möchte bzw. das auch finanziell nicht vertretbar finde. Ich habe übrigens schon erlebt, dass man einen Artikel bei „Blendle“ bezahlen musste, den man woanders kostenlos lesen konnte. Ich habe das damals reklamiert und auch eine Antwort erhalten. Die war allerdings ausweichend. So nach dem Motto, es sei eine Ausnahme, ein Fehler gewesen.

      Wenn ich auf ein Thema stoße, das mich sehr interessiert, bemühe ich die Suchmaschinen und schaue, ob es andere Medien gibt, die sich auch dazu äußern. Manchmal ist es so, dass ein direkter Bezug (manchmal sogar mit Teilzitaten) zu finden ist. Die Kernaussage des Artikels wird kommuniziert. Aber es ist halt nicht 1:1 der Artikel, der mich eigentlich interessiert hat.

      Deine Einschränkung finde ich gut. Man sollte tagesaktuelle Nachrichten aber auch Kommentare nicht hinter Bezahlschranken verstecken. Das ist etwas anderes, wenn es sich um Essays oder Meinungsartikel handelt, die keinen direkten tagesaktuellen Bezug haben.

      Es gibt ja Angebote, die in Blogformaten dargeboten werden (Übermedien z.B.). Für solche Inhalte bin ich durchaus bereit, etwas zu zahlen. Aber die meisten Blogger bieten in dieser Hinsicht keinen wirklichen Mehrheit. Von Ausnahmen natürlich immer mal abgesehen.

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