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NZZ: Gujers Moralkritik im Westfernsehen

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Wie „der andere Blick“, NZZ, deutschnationale Leser in seinen Bann zu ziehen pflegt.

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Ob man die NZZ als „das neue Westfernsehen“ sieht oder einfach nur als außergewöhnlich gute Tageszeitung, hängt auch ein bisschen von der Meinung ab, die „man“ von den deutschen Medien hat.

Wenn sich aus der persönlichen Qualitätsbeurteilung Präferenzen für die eine oder andere Informationsquelle ergeben, ist dagegen nichts zu sagen. Ich bin jedenfalls gegen Cancel Culture. Trotzdem habe ich mein Abo der NZZ gekündigt!


Die Leitung der NZZ hat früh bemerkt, dass viele deutsche Leser ihr Produkt zu schätzen wissen. Ob das nur damit zu tun hat, dass im Blatt andere Fragen gestellt werden als das in deutschen Leitmedien der Fall ist, sei einmal dahingestellt.

NZZ – Newsletter aus Switzerland

Eric Gujer, der Chefredakteur der NZZ, hat mir mit seinem heutigen Newsletter (Der andere Blick) das Frühstück verdorben. Dabei ist es nicht etwa so, dass ich mich bei all dem, was ich mir zu Beginn meines Tages zumute, nicht oft genug aufregen würde. Aber diesmal war es mehr als mein Gemüt ertragen wollte. Dabei fing der Tag mit den Nachrichten aus dem Weißen Haus nicht mal schlecht an. Und diejenigen, die mich wegen dieser Bemerkung jetzt verdammen, sollten kurz innehalten und überlegen, wie „moralisch!“ (ja moralisch!) sie sich verhalten, wenn sie am laufenden Band Leute wie Gujer beklatschen.

Dass die Schweizer die Begrenzungsinitative der SVP grandios abgeschmettert haben, hatte vermutlich mit rationalen Gründen zu tun. Moral war da nicht im Spiel. Die Personenfreizügigkeit hat mit den von Gujer besprochenen Problemen nichts zu tun. Es geht ja nicht um EU-weite Regelungen, sondern um das Ausspielen von nationalen Interessen gegen fast alle Arten von humanitärer Hilfe.

Regierungsfeindliche Propaganda – endlich auch aus der Schweiz

Dass Letztere, vor allem die Aufnahme von Flüchtlingen, von deutschen regierungsfeindlichen Propagandisten als moralinsaure Ersatzhandlung denunziert wird, macht sich Gujer zunutze. Vermutlich vor allem deshalb, weil er Abonnements deutscher Leser für sein Blatt gewinnen will. Das ökonomische Kalkül ist längst aufgegangen!

NZZ

Schließlich gibt es genug herzlose Nationalisten, die sich medial im deutschsprachigen Raum unterversorgt fühlen.

Moral und die nationalen Interessen

Gujer beanstandet nicht zum ersten Mal, dass die deutsche Regierung nicht Willens oder in der Lage sei, die Folgen ihres Handelns gegen nationale Interessen des eigenen Landes abzuwägen. Jetzt schreibt er, dass sich die Politik der Kanzlerin ausschließlich in Moral erschöpfen würde. Solche Vorwürfe gehen voll synchron mit denen der deutschen Rechten.

Wenn Gujer als Schweizer die Widerstände anderer EU – Länder gegen die deutsche Flüchtlingspolitik in de Vordergrund stellt, mutet das angesichts der innerschweizerischen Handlungsweise nur konsequent an.

Alleingänge haben immer einen Preis – entweder Auseinandersetzungen oder aber das Gegenteil: Die Partner gehen davon aus, dass die Bundesregierung schon einspringen wird, und lehnen sich bequem zurück. Wer früher einmal Angst hatte vor dem hässlichen Deutschen, verlässt sich heute auf den guten Deutschen.

Newsletter, NZZ – der andere Blick / Eric Gujer

So eine gnadenlose Analyse macht unter dem tosenden Beifall der deutschnationalen Leser klar, wie dumm die deutsche Regierung mit ihrer kategorischen Moral handelt. Wie subtil, dass Gujer Gaulands „Fliegenschiss“ gleich in seine Argumentation mit einbezieht.

Alles dysfunktionale soll Deutschland richen

Gujer verwurstet in diesem Zusammenhang noch gleich die „dysfunktionale europäische Finanzpolitik“ und behauptet, die anderen EU-Mitglieder hofften, Berlin würde die Auswirkungen dieser Politik abfedern. Das ist AfD-Sprech.

Der NZZ Chefredaktor fordert, Deutschland müsse endlich einmal laut und deutlich NEIN sagen.

Das zeigt sich vor allem in einer starken Orientierung nach Deutschland: Gujer bringt das Kunststück fertig, als Schweizer so deutschnational zu poltern, wie es in Deutschland selber niemand diesseits der AfD kann.

„Neue Zürcher Zeitung“ – Umbruch in der Männerbastion – Medien – SZ.de

Ich stimme ihm zu. Unter Merkel wird es dieses NEIN nicht geben. Und es bleibt fraglich, ob einer der drei (4?) Kandidaten für ihre Nachfolge darunter ist, der das über sich brächte. Söder oder Merz vielleicht.

Ich greife lieber wieder zu einem deutschen Medium und keinem, dass deutschen Nationalisten ideologisches Futter liefert. Äh, war das jetzt nicht Cancel Culture?

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

4 Gedanken zu „NZZ: Gujers Moralkritik im Westfernsehen“

  1. Hallo Horst,

    NZZ, Tichys Einblick, die Achse des Guten etc. sind Medien, die ich meide wie der Teufel das Weihwasser. Nicht, dass ich mich damit nicht schon einmal befasst hätte – ich lehne diese Medien ab, weil sie sich Zusammenhänge eiskalt und rational konstruieren.

    Selbstverständlich wäre mehr Geld verfügbar, wenn wir den Staat verschlanken, keine Flüchtlinge aufnehmen und alles, was sich nicht wehrt, privatisieren. Glasklar. Aber hat das noch was mit Menschlichkeit bzw. Humanismus zu tun? Ich denke nein. Neoliberalismus kann man momentan schön in USA verfolgen, einem Land, das sich gerade selbst zerlegt. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. So zumindest die abgedroschene, aber leider wahre Phrase. 200.000 Corona-Tote, die sich zum großen Teil die Behandlung schlicht nicht leisten konnten, gegen einen größenwahnsinnigen Präsidenten, der die beste Behandlung ever bekommt. Geld spielt keine Rolle. Die Schere ist bei denen mittlerweile dermaßen gigantisch weit geöffnet, dass die Mittelschicht immer weiter abnimmt und bald nichts mehr davon übrig ist.

    Solche Ideen werden von Neoliberalen und -konservativen vertreten. Merkspruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Wer es nicht schafft, fällt hinten runter. Das ist aber nicht die Welt, in der ich leben möchte. Ich möchte in einer Welt leben, die menschlich ist. Die Welt, in der ich leben möchte, ist eine Utopie, keine Dystopie. Ich verweise auch gerne auf den alten Spruch von Greenpeace, der einfach nur stimmt und mit den Worten „…wird man merken, dass man Geld nicht essen kann“ endet.

    Übrigens habe ich seit Kurzem die Süddeutsche für mich entdeckt. Neben ZEIT und Spiegel mittlerweile meine favorisierten Nachrichtenquellen. Gut recherchiert, kritisch, gut geschrieben und fundiert. Ach ja, und „Der Freitag“ ist auch nicht übel. Kurioserweise kann man mittlerweile auch sehr gute Artikel auf T-Online.de lesen. Damit hätte ich nicht gerechnet!

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    • Ich meide sie ja nicht – aus den beschriebenen Gründen. Aber es fällt schon verdammt schwer, mit dieser totalen Einseitigkeit klarzukommen. An der Debatte um Flüchtlinge stört mich, wie meine Haltung einfach als naiv und gutmenschlich abgetan wird. Was haben wir denn anderes als unsere Menschlichkeit? Ich meine, wenn man all das mal subtrahiert, was wir eigentlich zwar gerne mitnehmen (Wohlstand, Demokratie etc.)? Wir benehmen uns oft so, als ginge es nur darum, unseren Besitzstand zu wahren. Viele glauben offenbar, dass wir Europäer „wertvoller“ wären als alle anderen Menschen. Ich kann mich deiner Sichtweise nur voll und ganz anschließen. Wir sind Menschen und wenn wir das, was uns eigentlich ausmacht, verlieren, ist alles verloren. Die Süddeutsche hatte ich auch schon abonniert und bin dann zur NZZ gewechselt. Mehrere Abos gleichzeitig will ich mir nicht leisten. Andererseits habe ich jahrzehntelange eine Tageszeitung im Abo gehabt, die uns monatlich viel mehr Geld gekostet hat. Dafür könnte ich mehrere Abos nutzen. Ich lese viel und das in sehr unterschiedlichen Medien. Ich quäle mich sogar mit rt deutsch und Sputnik. Da frage ich mich, warum diese russische Propaganda hier nicht mal endlich verboten wird. Das, was dort über unser Land gesagt wird, ist für mich darauf angelegt, es zu destabilisieren. Die Leute, die dort Kommentare hinterlassen und damit zeigen, wes Geistes Kind sie sind, kotzen mich nur an.

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      • Ich habe vor längerer Zeit beschlossen, nur noch Medien zu lesen und zu schauen, die mich nicht aufregen. Es ist zwar wichtig, unterschiedliche Sichtweisen zu bekommen, weil die Gefahr der Filterblase ja durchaus gegeben ist. Aber um Sputnik und RT zu lesen, müsste ich mit vorgehaltener Kotztüte vor dem Gerät sitzen 😉

        Ich krieg ja schon Puls, wenn ich bei Zeit oder Spiegel bei entsprechenden Artikeln die Kommentare lese. Entweder sind da viele menschenverachtende Typen unterwegs oder es sind billige Trolle aus St. Petersburg. Keine Ahnung.

        „Wir sind Menschen und wenn wir das, was uns eigentlich ausmacht, verlieren, ist alles verloren.“ Dem ist übrigens nichts, aber auch gar nichts mehr hinzuzufügen.

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        • Das ist ja meine Begründung dafür, dass ich alle asozialen Netzwerke hinter mir gelassen habe. 🙂 Es ist aber wahr, dass man ganz schön hohe Schmerzgrenzen braucht, um all den Müll über sich ergehen zu lassen. Aber… es gibt in solchen Angeboten auch mal Aspekte, die durchaus bedenkenswert sind. Keiner hat immer nur Unrecht – oder umgekehrt.

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