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Oskar, der freundliche Polizist

Nur dem friedlichen Bürger gebührt von seiten der Gesellschaft Schutz.

— Georg Büchner

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In unserer Gegend ist der „Kölner Stadt-Anzeiger“ eine der vielgelesenen Tageszeitungen. Meine Frau und ich hatten die Zeitung auch 43 Jahre abonniert, meine Eltern und meine Schwiegereltern auch.

Jeden Samstag gab es eine kleine Karikatur unter dem Titel: „Oskar, der freundliche Polizist„. Die Zeiten haben sich geändert. Die Figur des Zeichners Otto Schwalge ist längst verschwunden.

Ein Schutzpolizist, dem man Vertrauen schenkt und der Humor besitzt, sei auch in den 1950er Jahren wohl eher die Ausnahme denn die Regel gewesen.

Kölner Schutzmann: „Oskar, der freundliche Polizist“ ist Held einer neuen Ausstellung | Kölner Stadt-Anzeiger

Ich weiß nicht, ob diese Einschätzung von Archivleiterin, Schmidt-Czaia, zutreffend ist, mein Bild von Polizisten hat die Serie lange Zeit geprägt. Wie sich die Zeiten geändert haben. Heute müssen wir darüber debattieren, ob auch hier in Deutschland etwas gegen Polizeiwillkür oder -Brutalität getan werden sollte. Wenn ich ehrlich bin, ich kann das miese Image, das Polizisten auch hier bei uns in manchen Teilen unserer Bevölkerung haben, nicht nachvollziehen. Und es ist ja auch nicht so, dass „nur“ Polizisten von irgendwelchen Leuten bei ihrer Arbeit angegriffen werden. Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und Ärzte können davon ebenfalls berichten.

Die Welt hat sich krass verändert, was wir jetzt erst durch die Bilder aus den USA wieder vor Augen geführt bekamen. Dort will man die Budgets der Polizei zusammenstreichen, die Zahl der Polizisten reduzieren und ihre Aufgaben neu strukturieren. Ich denke, man beginnt am falschen Ende. Ein fairer Umgang miteinander, bessere Chancen für alle Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf sozialen Aufstieg, Bildung, mehr Sozialarbeiter in Schulen, Streetworker als Hilfe für Drogenabhängige statt Polizei sollten eingesetzt werden. Und dann all diese Waffen, die viel zu leicht zu bekommen sind und die das Gewaltmonopol des Staates völlig anders darstellt als in anderen normalen, zivilisierten Ländern.

Soziale Gerechtigkeit, ein funktionierendes Gesundheitswesen ist in den USA unpopulär. Beides wird als sozialistisches Teufelszeug abgelehnt. Auch dafür wurde Trump gewählt. Ja, man könnte sagen: Selber schuld. Aber vielleicht fällt es uns einfach nur wahnsinnig schwer, die Freiheitsliebe der Amerikaner zu verstehen? Nun, ich habe meine eigene Meinung über das, was dort geschieht.


Eigentlich wollte ich schnell eine Geschichte erzählen, die meinen Blick auf Polizisten geprägt hat. Das heißt nicht, dass ich nicht ebenfalls einen kritischen Blick auf die Arbeitsweise der Polizei hätte. Die Perspektive gehört für mich zu den Aufgaben eines engagierten Bürgers in unserer Gesellschaft.

Ab 1960 besuchte ich die Volksschule in Bedburg. Von meinem Wohnort bis zur Schule waren es einige Kilometer, die mit dem Fahrrad einigermaßen flott zurückzulegen waren. Zur Schule konnte ich „den Berg“ runterfahren, nach Hause dauerte es erheblich länger.

Damals gabs noch Insekten. (⌐■_■) Aber so viele, dass sie einem nicht nur zwischen den Zähnen hafteten, weil das Einatmen durch die Nase bei engagiertem Radfahrer auch für Kinder nicht ausreichend war. Nein, sie flogen einem auch ständig in die Augen. Coole Sonnenbrillen gabs damals für kleine Jungs noch nicht. Meine Eltern hatten keinen SUV mit dem sie mich mal eben zur Schule… Sie hatten gar kein Auto und es gab höchstens am Wochenende mal ein Stück Fleisch…

Ich raste mal wieder auf den letzten Drücker mit Karacho das letzte Stück Straße vor unserer Schule herunter. Mir flog ein Insekt ins Auge, ich musste vom Rad absteigen. Es brannte wie Feuer. Ich rieb und rieb und es wurde nur noch schlimmer. Ich schob mein Rad am Polizeiquartier unseres Städtchens vorbei, das sich ganz unmittelbar vor unserer Schule befand. Der Chef, Herr Wohlfarth, stand draußen und winkte mich heran. „Was ist passiert?“, wollte er wissen. „Ich hab was im Auge“, erklärte ich ihm.

Er zückte ein Taschentuch aus seiner Hose und bat mich stillzuhalten. Er nutze eine Spitze des Taschentuches, um mir den Quälgeist aus dem Auge zu entfernen. War das eine Wohltat. „Ein Tipp für die Zukunft“, sagte Herr Wohlfahrt zu mir. „Wenn dir wieder mal was ins Auge fliegt, kneif es nicht fest zu, sondern schließe es nur ganz locker. Dann bildet sich soviel Tränenflüssigkeit, dass der Fremdkörper ganz einfach ausgeschwemmt wird. Das funktioniert meistens“. Nun, der Mann hatte recht. Seinen Tipp habe ich nie vergessen, und er hilft mir sogar manchmal heute noch, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin. Aber heute fahr‘ ich ja mit Brille und Insekten sind (leider) ziemlich rar geworden. Jedenfalls im Vergleich zu früher ™.

Polizist Wohlfahrt drückte mir nach der gelungenen Operation ein Heft in die Hand und bat mich, in den nächsten Tagen nochmal vorbeizukommen. Er wolle etwas mit mir besprechen. Ich habe in den nächsten Jahren als Schülerlotse Dienst getan. Den §1 unserer Straßenverkehrsordnung kenne ich heute noch auswendig (sofern er sich seit damals nicht verändert hat – wovon ich ausgehe). Das dolle am Schülerlotsendienst war, dass ich nicht mehr die Schülermesse besuchen musste. Ich meldete mich an dem betreffenden Tag (ich glaube, es war immer dienstags) freiwillig zum Einsatz.

Tja, meine Erinnerungen an die Polizei wurden nicht zuletzt durch diese kleine Begebenheit geprägt.

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

2 Gedanken zu „Oskar, der freundliche Polizist“

  1. Der Herr Polizist war früher auf den Straßen immer mal präsent. Man konnte ihm nach der Uhr fragen oder nach dem Weg. Und er hat auch mal geschimpft, wenn man seinen Müll einfach so weggeschmissen hat oder bei Rot über die Ampel ging. Es wäre gar nicht so schlecht, wenn ab und zu mal eine Fußstreife unterwegs wäre. Und würde dir heute etwas ins Auge fliegen, kämst du auf der Polizeistation gar nicht so einfach an der Anmeldung vorbei.
    Außer in Rosenheim. Bei den Rosenheim-Cops ist alles anders. Menschlich. Und so.
    Als Rosenheimerin weiß ich aber, dass das alles gelogen ist.
    LG
    Sabiene

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    • Bei uns in der Kleinstadt war das lange Zeit der Fall. Irgendwann (ich würde sagen in den 1990er Jahren) hat es angefangen, sich zu ändern. Wahrscheinlich war das die Zeit, in der jede Menge Stellen im öffentlichen Dienst, also auch bei der Polizei gestrichen worden sind. Die guten alten Zeiten sind wohl halt für immer vorbei. Früher ™ war eben doch nicht alles aber vieles besser. ¯\_(ツ)_/¯

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