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Plakative Rechtschaffenheit

Wieso neigen viele so stark zu Übertreibungen?

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Vom Winde verweht“ ist ein rassistischer Film! Er ist eine Liebesschnulze mit hochkarätiger Besetzung und mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen. Es ist ein großer Film, einer der von vielen geliebt wird. Oder muss man jetzt sagen: geliebt wurde? Vor allem ist „Vom Winde verweht“ ein echt alter Film. Er entstand im Jahr 1939, also dem Jahr, das der Welt den furchtbarsten aller bisherigen Kriege brachte. Er war einer der sehr erfolgreichen Farbfilme bis dahin. Er hat mit anderen zusammen diesem überhaupt erst zum Durchbruch verholfen.

Ob der Film angesichts erneuter Diskussion über seinen rassistischen Inhalt ganz verschwindet oder ob man die „kritischen“ Passagen, die manche so unerträglich finden, entfernen kann? Nun, wenn man Kevin Spacey einfach so (nein! aus Gründen) herausschneidet, wird auch der eine oder andere rassistische Touch dieses alten Streifens von 1939 eliminiert werden können.

HBO Max hat aus seinem Katalog „Vom Winde verweht“ gestrichen. Der Film von 1939 galt lange Zeit als Triumph des amerikanischen Kinos, der jedoch den Süden des Bürgerkriegs romantisiert und gleichzeitig seine Rassensünden beschönigt.

Der Streaming-Dienst versprach, den Film schließlich „mit einer Diskussion über seinen historischen Kontext“ zurückzubringen, während er seine rassistischen Fehltritte anprangerte, sagte ein Sprecher in einer Erklärung am Dienstag.

NYT, 10.06.2020

Gute alte Zeiten

Neu ist diese Fehde gegen alles mögliche aus „den guten alten Zeiten“ nicht. Ob künftig Filme mit John Wayne überhaupt noch gezeigt werden können? Es gibt vermutlich sehr viele Kulturgüter, der eine rassistische Konnotation angeheftet werden könnte. Wollen wir das wirklich tun? Gehen wir soweit, unsere Geschichte zu verleugnen, nur um uns gegenseitig einen Persilschein auszustellen? Weil uns plötzlich auffällt, wie rassistisch unsere Gesellschaften immer noch sind?

Thomas Matterne setzt George Orwells 1984 ein, um seine Vision unserer Zukunft zu beschreiben:

„Jede Aufzeichnung wurde zerstört oder gefälscht, jedes Buch wurde neu geschrieben, jedes Bild wurde neu gestrichen, jede Statue, Straße und jedes Gebäude wurde umbenannt, jedes Datum wurde geändert. Und dieser Prozess geht Tag für Tag und Minute für Minute weiter. Die Geschichte hat aufgehört.“

Das Ende der Geschichte – Der Konservative

Könnten wir uns nicht damit begnügen, unsere aktuelle Sprache den Anliegen der Moralapostel anzupassen und so dafür sorgen, dass heute keiner mehr das N -Wort benutzt? Ist es dazu nötig, sich an alten Klassikern zu vergreifen und Kinderbüchern von Astrid Lindgren einen politisch-korrekten Stempel aufzudrücken und den Negerkönig zu verbannen?

Können wir das nicht anders, besser machen?

Es ist ein Rad, das sich längst in Bewegung gesetzt hat, das sich mit all den gefühlten und realen Tabuverstößen der Gegenwart kaum aufhalten lassen wird. Zu eifrig sind viele dabei, unsere Vergangenheit von all dem Dreck zu befreien, den die einen für Kultur, die anderen für Unkultur halten. Hindert uns das Bild eines Buches oder der Name einer seiner Figuren daran, diese Erde zu einem besseren Ort zu machen? Wie kann man nur so engstirnig und oberflächlich sein! Glaubt jemand, dass ein Kind sich zum Rassisten formt, weil es in einem Buch vom Negerkönig gehört oder gelesen hat?

Wie wäre es, die Gegenwart zu ändern und sich die vielen taffen Demonstranten, die jetzt auf den Straßen flanieren, einmal auf sich selbst besinnen! Sollten darunter etwa keine Rassisten gewesen sein oder welche, die wenigstens mal den einen oder anderen Ausrutscher beichten müssten? Sind darunter keine Hausbesitzer, die ihre Wohnungen nicht an Flüchtlinge vermieten, weil… Oder an Schwarze, weil sie irgendwie nichts ins „ehrenwerte“ Haus passen? Glaubt, was ihr wollt. Ich mach‘ mir keine Illusionen, wie Menschen ticken!

Achtung: „Vom Winde verweht“ enthält rassistische Szenen!

Mir als nicht so großem Fan dieses Filmes sind diese Szenen nach den vielen Jahren seit ich ihn zuletzt gesehen habe, immer noch präsent.

Mir ist ebenso gegenwärtig, dass es einen tapferen Mann gibt, der seit Jahren gegen antisemitischen Darstellungen auf katholischen Kirchenmauern in Deutschland kämpft. Erfolgreich war er, soweit ich es im Kopf habe, bisher damit jedoch nicht. Die Entscheider waren wohl der Meinung, dass die Darstellungen irgendwie zur Geschichte dazugehören. Wie absolut unmöglich, ja verwerflich. Vielleicht wird die Entscheidung bald erneut auf den Prüfstand kommen. Wir haben ja gerade einen echten Lauf und sollten die Chance dazu nutzen, superkorrekt die Schatten der Weltvergangenheit auszuleuchten. Wir stellen einfach ein grelles Licht, das den Schatten ein für alle Mal ausleuchtet.

Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

In Zeiten, in denen sich ein viele Menschen wehleidig darüber beklagen, dass man bestimmte Dinge nicht mehr sagen darf, genieße ich als Blogger mit sehr begrenzter Reichweite immer noch Freiräume. Dafür nehme ich meine Abstinenz in den sozialen Hetzwerken gern in Kauf. Dort kommt man meiner Meinung nach nämlich mit differenzierten Positionen nicht allzu weit. Da gibts nur schwarz oder weiß, gut oder böse, dumm oder eitel.

Ich gebe zu bedenken, dass wir zwar als Deutsche immer wieder mal dafür gelobt werden, wie vorbildlich wir unsere NS-Vergangenheit „bewältigt“ haben. Blöd nur, dass dies viele nicht daran gehindert hat, der AfD in manchen Gegenden des Landes 25 % der Stimmen zu geben.

Immer die gleichen Fehler

Jüdisches Leben in unserem Land ist gefährdet, und ich unterstelle, dass das viele von uns stört. Aber so richtig laut nimmt das Volk nur Anstoß, wenn es um zu viele Fremden im Land geht und weniger daran, dass jede jüdische Schule oder Synagoge seit Jahren von der Polizei beschützt werden muss. Kippa tragen kann gefährlich sein. Überall in Deutschland.

Es ist mir egal, wenn mein Text mich deiner Ansicht nach als Linken oder als Antisemit entlarvt. Als ich für den verwirrten Xavier Naidoo eingetreten bin, war ich ein blöder Nazi. Wenn ich für eine Zweistaatenregelung im Nahen Ost eingetreten bin, wenn ich Netanjahus Politik kritisierte, war ich ein Antisemit. Und wenn ich schließlich Innenminister Reuls Attacken gegen Clankriminalität gut hieß, war ich wieder ein Nazi, wahlweise ein Rassist.

Heute schlage ich mich auf die Seite derer, die sagen: Hände weg unserer Geschichte und unserer Kultur! Eine (unsere) Geschichte muss aufgearbeitet und kommentiert werden! Das darf in einem kontroversen, scharfen Diskurs ablaufen. Aber die Fehler, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, dürfen wir nicht tilgen, in dem wir deren Spuren beseitigen! Wie sollen sich spätere Generation sonst an die Fehler erinnern?

Update: 12.06.2020

In der Schweiz ist mit Verspätung auch eine Diskussion in Gang gekommen. Mich hat gewundert, dass es dort noch „Mohrenköpfe“ gibt. Bei uns würde man für ein Produkt dieses Namens wohl ans Kreuz geschlagen.
Link: Debatte um Dubler Mohrenkopf: Celeste Ugochukwu im Interview – Blick

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

4 Gedanken zu „Plakative Rechtschaffenheit“

  1. Lieber Horst,

    wie sehr ich dir doch zustimme! Um es mal platt zu formulieren: Mit Filmen ist es wie mit Blogartikeln. Die haben alle einen Zeitstempel.

    Wie meine ich das? Zum Zeitpunkt X hat man irgendeine Meinung zu irgendeinem Thema. Die ist aber nicht in Stein gemeißelt. Die kann sich ändern. Manches, was ich früher so vor mich hin gebloggt habe, würde ich so nicht mehr schreiben. Aber: „So war das eben damals.“

    Bei Filmen ist es ganz genau so. Bei „Vom Winde verweht“ wurde vielleicht die Sklaverei verherrlicht. Aber ich glaube, dass der Film sonst nicht funktioniert hätte. Vor allem nicht zu der Zeit. Der Film ist 80 Jahre alt. Man könnte hier auch sagen: „So war das eben damals.“

    Ich glaube nicht, dass das heutzutage noch so gemacht werden würde. Die Zeit hat sich halt gewandelt. So, wie Blogger im Laufe der Jahre einiges anders machen, machen auch Filmemacher im Laufe der Zeit einiges anders.

    Der Einschub mit „1984“ ist daher sehr passend. Ich war in meinem Blog auch schon dabei, Artikel zu aktualisieren. Aber ich habe das dann gelassen, weil das eben ein Dokument meiner Meinung zum Zeitpunkt X war.

    Du hast vollkommen Recht, wenn du schreibst, dass man aus Vergangenem lernen muss, ohne es zu tilgen. Und um nochmal auf meinen Blog zu sprechen zu kommen: Bei diversen gesellschaftlichen und politischen Themen war ich auch schon mal Nazi oder Linksextremist. Gern auch mal bei ein und demselben Artikel. Deshalb war meine Lernkurve, dass ich mich – wenn überhaupt – auf andere Art und Weise zur Gesellschaft äußere.

    Dein Artikel ist dir sehr gut gelungen. Es kann ja nicht sein, dass die halbe Bibel umgeschrieben werden muss, nur weil man heutzutage eine ganz andere Haltung für salonfähig hält als zur Zeit des Verfassens. Deshalb denke ich auch: Man darf gern aus der Vergangenheit lernen, aber niemand hat das Recht, die Vergangenheit auszulöschen. Wo bleiben wir denn da als Menschen?

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  2. Danke dir, Henning. Ich bin immer froh, wenn jemand meine Meinung teilt 🙂 Das ist nicht so häufig, glaube ich.

    Was alte Artikel anlangt habe ich die ähnlichen Erfahrungen gemacht wie du sie beschreibst. Manchmal sind mir die alten Artikel bzw. bestimmte Passagen daraus richtig peinlich. Nun ja, man ändert schließlich als Mensch auch seine Meinung. Es sollen allerdings auch schon welche angetroffen worden sein, die sich eher die Zunge abbeißen würden. Manche AfD-Politiker beispielsweise. Die lernen nie dazu.

    Wer heute einen Film wie „Vom Winde verweht“ dreht, den würde ich als Rassisten bezeichnen. Bei denen, die damals die Verantwortung getragen haben, möchte ich das nicht einfach so unterstellen. Aber das ist ja nicht der Kern meines Anliegens.

    Wir lernen, dass wir aus unserer Geschichte lernen sollen. Darum gehts doch beim Geschichtsunterricht. Jedenfalls hauptsächlich, denke ich. Wenn man diese Geschichte aber einfach so verändert, in dem man Bilder, Filme, Bücher nachträglich retuschiert, aus dem Programm nimmt oder was auch immer, so nimmt man den Menschen u.a. die Fehler zu erkennen, die auch durch diese Dinge sichtbar werden.

    Schön, dass du den Artikel als gelungen bezeichnest. Danke.༼ つ ◕_◕ ༽つ

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  3. Also bei den Pippi-Langstrumpf-Büchern hab ich umgedacht! Wenn in der jetzigen Gesellschaft ein großer Konsens darüber besteht, dass man das „N-Wort“ nicht sagt, dass das pfui-bäh-rassistischer Scheiß ist, dann ist es für Kinder nicht gut, wenn das in einer beliebten Erzählung „einfach so“ vorkommt.

    Denn es stört die einfache freudige Rezeption der Pippi-Geschichten, wenn die Frage auftritt: Warum darf Pippi das so sagen und ich nicht? Oder auch schon: Was ist denn das für ein Wort?
    Da Pippi eine emanzipatorische Vorbildfunktion hat, ist es einfach falsch, hier – der Originalität und Zeitgeschichte zu liebe, am N-Wort festzuhalten.

    Bei Filmen für Erwachsene kann man erwarten, dass sie die Dinge einordnen können, zur Not kann man auch einen Disclaimer davor setzen. Aber die Kinder sollten beim Lesen beliebter Lektüre von derlei Niederungen und dem Erfordernis „pädagogischer Rahmungen“ durch die Eltern verschont werden.

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    • @Claudia, den Einwand hinsichtlich Pipi Langstrumpf kann ich nachvollziehen. Obwohl Kinder von sich aus eher nicht zum Rassismus oder zur Übernahme rassistischer Muster tendieren. Jedenfalls nicht, solange sie nicht entsprechend beeinflusst werden. Und Buchtexte beeinflussen natürlich auch Kinder. Insofern.

      Wenn ich sehe, wie schön die Kita-Kinder miteinander spielen und wie viele Farben dort selbst hier auf’m Land vertreten bin, frage ich mich schon mal, weshalb Erwachsene nicht auch so unbefangen und frei miteinander umgehen und -schlimmer noch – warum sie einen Teil der Kinder und Jugendlichen irgendwann doch dazu bringen, ebenfalls rassistisch zu denken. Ich glaube, es wird besser. Jedenfalls solange die Rechten mit ihren feindseligen und menschenverachtenden Parolen halbwegs untergebuttert werden können.

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