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Stirbt die Demokratie, oder ist sie schon tot?

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Der italienische Medienphilosoph Franco Berardi findet, die Demokratie sei bereits tot.



Welchen Einfluss nimmt die Digitalisierung auf unsere Demokratie? Trifft es zu, dass die Umklammerung von Neoliberalismus und beginnender Digitalisierung sie bereits abgewürgt hat?

Zunahme von Panikattacken und Depressionserkrankungen

Bisher hatte ich keine Zweifel daran, dass die Zunahme von Panik- und Depressionserkrankungen auf unsere sich stark veränderte Arbeitswelt zurückzuführen wäre.

Demokratie

Der italienische Medienphilosoph Franco Berardi sagte in einem Interview mit dem österreichischen „Standard“, dass die letzten Jahrzehnte, die uns neben der Netzrevolution die neoliberalen Wende brachten, ebenso die Zunahme dieser spezifischen Erkrankungen stattgefunden habe.

Demokratie und Neoliberalismus

Er erwähnt mit dem Hinweis auf die neoliberale Wende also die Auswirkungen einer ausschließlich an Kostengesichtspunkten orientierten Wirtschaft, die neben einer unerhörten Arbeitsverdichtung zu einer Ellbogengesellschaft geführt hat, die heute nicht nur von den durch Krankheit Betroffenen lautstark beklagt wird.

Der zweite Punkt ist ihm offenbar viel wichtiger. Berardi behauptet, dass die Demokratie tot sei und das wir diesen Umstand den Vorreitern der erst noch bevorstehenden Digitalisierung zu verdanken hätten. Das Tempo der digitalisierten Welt überfordert uns. So bliebe unser Urteilsvermögen auf der Strecke und damit unsere politische Weltordnung.

Er beschreibt das Internet als eine große Errungenschaft, die uns Menschen allerdings am Ende überfordere.

Thesen, die nicht unbedingt auf fruchtbaren Boden fallen

Nun werden viele, wir kennen das aus anderen Diskussionen, Franco Berardi als alten weißen Mann vielleicht nicht (mehr) ganz für voll nehmen. Schon Anfang dieses Jahrhunderts schrieb er ein Buch mit dem Titel: „Die Fabrik des Unglücklich-Seins“. Er war in den vorherigen Jahrzehnte ein großer Anhänger der neuen Technologien und erkannte die Möglichkeiten, die sehr viele Menschen in diesen Anfangstagen den neuen Möglichkeiten zugeschrieben haben. Wenn das #Neuland nur nach wenigen Jahrzehnten gesammelter Erfahrung die gefährlichen Nebenwirkungen nicht offenbart hätte.

Berardi erklärt:

Informationsüberflutung, die nichts anderes ist als nervliche Überstimulation, führt zu neuen Formen von Krankheiten. Gleichzeitig wurden die Auswirkungen prekärer Arbeits- und Sozialbeziehungen als Folge des digitalen Wandels deutlich.

In einem weiteren Buch („Helden“) griff er ein Thema auf, über das ich bisher noch nie etwas gelesen hatte. Er stellte nämlich fest, dass in den vergangenen 40 Jahren in den Ländern, in denen die Digitalisierung im Vergleich zu anderen Ländern eine gesellschaftlich große Rolle spielten, eine deutliche höhere Suizidrate zu verzeichnen war. Bei diesen Ländern handelt es sich um Südkorea, Japan und Finnland. Sind das nun die Schattenseite einer zum Beispiel uns Deutschen stets als beispielhaft „verkauften“ digitalen Orientierung anderer Gesellschaften oder lassen sich solche gesellschaftlichen Entwicklungen wirklich einer permanenten Überforderung durch zu viele Informationen anlasten?

Quellenkritik, aufmerksam bleiben

Um es in meinen Worten zu sagen: Wir bringen es (jedenfalls nicht in Deutschland) fertig, eine ordentliche quellenkritische Haltung (auch bei so genannten Natives) hinzukriegen und schaffen genau das wohl vor allem deshalb nicht, weil uns das Tempo, in dem uns Informationen um die Ohren geschlagen werden, nicht mitgehen können. In unseren Schulen kann Quellenkritik nicht vermittelt werden. Und zwar angeblich nur deshalb, weil der Begriff selbst für LehrerInnen ein Fremdwort ist. Dabei, jetzt beziehe ich mich wiederum auf Berardi, fehlt uns ein Bewusstsein dafür, dass wir psychologisch mit den Phänomenen der Digitalisierung überfordert sind.

Die Folgen dieser Überforderung beschreibt Berardi drastisch:

Und das ist der Punkt: Die Beschleunigung und Intensivierung der Infosphäre impliziert, dass wir mehr und mehr nervliche Reize, also Informationen, erhalten. Je schneller diese Stimuli sind, desto weniger können Sie zwischen wahr und falsch, zwischen Gut und Böse unterscheiden. Es werden die Sphären der reinen, der praktischen, auch der ethischen Vernunft gestört und durcheinandergebracht. Chaos wird verbreitet.

Wenn wir ehrlich sind, erleben wir dieses Chaos beinahe täglich. Es äußert sich etwa in den Reaktionen auf die berüchtigten Tweets des amerikanischen Präsidenten oder in der kurzen Folge unterschiedlich intensiver Shitstorms.

Fortschritt der Polarisierung

Viele von uns gehen längst so weit, dass sie nicht davor zurückschrecken, die (wenn auch virtuelle) soziale Existenz von Menschen zu vernichten, in dem sie ihr Leben, ihren Job, ihre Haltung, ihre Überzeugungen auf eine Art und Weise attackieren, mit der Folge, dass sie sich, das wäre noch der günstigste Fall, künftig einfach aus allem raushalten. Ist das noch Demokratie? Ist es das, was wir wollen?

Sollte Berardi richtig liegen, was natürlich von denen, die ich mal verharmlosend „Internet-Aktivisten“ nennen möchte, nachdrücklich bestritten werden dürfte, stehen wir heute vor dem, was Klimaaktivisten Kipppunkt nennen dürften.

Der politische Wille hat nicht mehr jene Kraft, die er zu Zeiten Machiavellis oder Lenins hatte. Versteht man Politik als die Kunst, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und dem Chaos die Kraft der Vernunft aufzuzwingen, dann ist Politik eine alte Kunst, die nicht mehr funktioniert. Und die ethnonationalistische Wut, die die demokratisch-liberale Ordnung zerstört, ist die Folge eines anthropologischen Wandels, der es der kritischen Vernunft unmöglich macht, Informationen gut zu verarbeiten.

Berardi hat die Demokratie (auch die in Europa) schon abgeschrieben. Er spricht im Interview nur noch in der Vergangenheitsform von ihr.









Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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