«Träume für einen, der nachts mit dem Schlaf ringt»


| Aktualisiert: 6. Januar 2021    0 Kommentare    4 Min. Lesezeit

Heute Morgen, ich lag noch im warmen Bettchen, kam mir eine Zeile in den Kopf (siehe Markierung unten), die mich seit Jahrzehnten begleitet. Das Lied «Träume» von Herman van Veen aus seinem Album «Ich hab ein zärtliches Gefühl», kann ich mitsingen. Das gilt für einige andere Lieder dieser Schallplatte. So wie die Strophen mancher Volks‑, Weihnachts- oder Kirchenlieder kenne ich sie im Laufe der Zeit auswendig.

Anfang der 1970er Jahre, den Führerschein hatte ich noch nicht, fuhr ich mit dem Zug nach Köln. Es war die Zeit, in der ich ziemlich oft in Köln unterwegs war, weil ein sogenannter Prüfungsvorbereitungskurs lief. Es stand die Prüfung vor der IHK an und mein Ausbildungsbetrieb hatte seinen Auszubildenden diesen lästigen Kurs verordnet. Lästig war er, weil er über Monate an zwei Wochentagen abends und am Samstagmorgen stattfand. Die tägliche Arbeitszeit dauerte bis 17.00 Uhr. Danach gings zum Bahnhof und mit dem Zug nach Köln-​Deutz. Wenn wir Glück hatten und einen durchgehenden Zug bekamen, dauerte es zirka fünfzig Minuten, wenn wir umsteigen mussten, über eine Stunde. Gegen 22.00 Uhr fuhren wir mit dem Zug wieder zurück nach Hause. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre, Fremdbestimmung war normal. Ich empfand diese Fahrerei nicht nur als sehr lästig, sondern auch als äußerst überflüssig. 

Ich behaupte, unsere Prüfungen hätten wir auch ohne diese Zeitvergeudung bestanden. Wir waren in diesem Ausbildungsjahr acht junge Leute, vier Mädels, vier Jungs. Was hätten wir mit mehr Freiheit alles anfangen können? 

Manchmal streifte ich nach dem Samstagskurs durch die Stadt. Meine finanziellen Möglichkeiten waren begrenzt. Für Klamotten reichte es nicht. Eins war aber immer drin: Ein, zwei Schallplatten oder – alternativ – eine Schweinshaxe beim «Gumpelmann» (So sah die Speisekarte damals aus.) Die Haxenbraterei war ein Ableger vom «Wiener Wald». Man muss halt Prioritäten setzen! 

Beide Ketten wurden von einem österreichischen Geschäftsmann (Friedrich Jahn) geführt. Den «Wiener Wald» hatte er gegründet, die Gumpelmänner übernahm er später von einer Freundin. Schon Anfang der 1980er-​Jahre musste er Insolvenz anmelden. Schade um die prächtigen Hähnchen und Haxen, die mir aus diesen Quellen entgingen. 

Ein «Gumpelmann» befand sich damals unmittelbar in der Nähe der Kölner «Hohe Straße» und «Schildergasse». Es war schön, dass alles so eng beieinanderlag. Gleich um die Ecke [sic?] war eine Filiale von «Zweitausendeins». Dort gab es eine tolle Auswahl von Schallplatten und Büchern. Der Hauptbahnhof war nur einen gefühlten Steinwurf entfernt, sodass ich nach meinen Erledigungen komfortabel – mit wenigen Schritten – den Weg nach Hause antreten konnte.

Für den Besuch bei «Zweitausendeins» plante ich immer etwas Zeit ein. Nicht nur das. Ich achtete darauf, dass ich (nach Hähnchen oder Haxe) noch genügend Geld übrig hatte. Schließlich wollte ich mir noch eine Schallplatte kaufen. Damals kostete eine, wenn ich es richtig erinnere, so zwischen 20 und 25 Mark. Das war happig. 

In diesem Laden habe ich meine allerersten LPs gekauft. Das waren «Fireball» von «Deep Purple» und «Chicago V». Damals waren Terry Kath (†) und Peter Cetera noch dabei. Das bekannteste Stück auf dem vierten Chicago – Album ist «Saturday In The Park». Damals, mit nicht mal 20 Jahren, bildete sich also schon meine Liebe zum Jazz Rock für den Jazz im Allgemeinen heraus.

Geschenke zu Weihnachten

An einem dieser Samstage hatte ich mein Geldchen schon ausgegeben. Zum Glück hatte ich eine Rückfahrkarte gekauft, sodass ich die größte Verlegenheit damit vermeiden konnte. Der Weg per Anhalter von Köln nach Bedburg konnte sich zeitlich ziehen. Aber wenns nicht anders ging … Ich stand im Laden von «Zweitausendeins». Ein Lied ging mir ins Ohr, das ich bis bisher nicht kannte, auch nicht den Sänger. Ich fragte eine Verkäuferin nach dem Namen des Albums sowie des Interpreten. «Ich hab ein zärtliches Gefühl» von «Herman van Veen». Danke und bis nächsten Samstag … Ich war in der folgenden Woche wieder dort und habe das Album gekauft. Wenn es so was wie mein Lieblingsalbum gibt, dann ist es dieses. Als die Zeit der Schallplatten zu Ende war und ich Anfang der 1980er-​Jahre meinen ersten CD-​Player hatte, kaufte ich mir gleich die CD-​Version des Titels. Heute steht er auf meiner Favoritenliste bei «Spotify». Manches ändert sich nicht. 

Herman van Veens Lied spielt in diesen Tagen, in denen ich wieder ein Jahr älter geworden bin insofern eine Rolle, als man rückblickend immer einmal wieder die Frage stellt: habe ich richtig gelebt, die richtigen Prioritäten gesetzt? Ich beantworte das immer positiv. Sicher, es gab schwierige Zeiten. Wir haben sie gemeinsam gemeistert und dürfen mit dem Ergebnis zufrieden sein. Ich habe mir die Freude am lichtgrünen Träumen nie nehmen lassen. 

Der nächste Frühling kommt – schon bald!

Du hast nichts verdient und Du hast nicht Geburtstag
Du hast auch schon alles, was sich man denkt.
Und doch hab ich noch eine kleine Überraschung
Du bekommst heut von mir meine Träume geschenkt

Träume, die keimen im Schatten des Innern
entstanden aus Freude, aus Glück und aus Pein
ein Funken Verlangen, ein Teil unsres Ichs,
den einzugesteh’n, wir uns selten verzeih’n

Ein Traum für ein Kind, das nur darum zur Welt kam,
weil seine Eltern sich einmal versah’n,
das gross wird und lernt,
dass die Arbeit das Höchste und vor lauter Arbeit
gar nichts Andres mehr kann.

Träume für einen, der nachts mit dem Schlaf ringt,
ein Traum für den Mann, der sein Leben geweiht,
im Wettstreit der Erste, der Beste zu werden,
der alles schon hat, bis auf ein bisschen Zeit.

Zeit für den Haselnussstrauch, früh im Frühjahr,
ein lichtgrüner Traum von einem blühenden Baum,
Träume wie Tau auf feuerroten Äpfeln,
wie webende Küken in flauschigem Flaum.


Du hast nichts verdient und Du hast nicht Geburtstag
Du hast auch schon alles, was man sich denkt,
Ein Tag wie ein Zweig auf dem Tisch in der Vase
uns’re Umarmung, ist das kein Geschenk? 

Hermann van Veen
Thomas Woitkewitsch


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Horst Schulte
Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

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