Was ist Weihnachten für dich?

Ob es stimmt, dass Menschen (oft kleine) Details ihrer Lebensgeschichte so ausschmücken, dass sie von den tatsächlichen Begebenheiten nicht mehr so ganz abgedeckt sind? Ja, es soll vorgekommen sein, dass sie durch die ständige Wiederholung solcher Einzelheiten so stark begeistert und beeinflusst sind, dass sie ehrlich davon überzeugt sind, dass es genauso war. Eine Art von Autosuggestion quasi.

Dass es sich dabei eher um positive Nuancen handelt, jedenfalls so weit sie einen selbst betreffen, selten um negative, ist wahrscheinlich. Können wir unter solchen Voraussetzungen sicher sein, die Wahrheit selbst im engen Familien- und Freundeskreis Jugenderlebnisse nicht ungewollt zu entstellen? Wie wirkt sich das auf uns persönlich aus, wenn wir eine Geschichte wieder und wieder erzählen und nachher selbst davon überzeugt sind, dass alle Details »gesessen« haben?

Ich selbst hätte da einige Storys, die mir flüssig über die Lippen kommen. Manchmal frage ich mich, habe ich das genauso erlebt oder ist das vielleicht doch nur das Resultat der Erzählungen anderer? Habe ich die Begebenheiten erfunden – etwa aus dramaturgischen Gründen?

Unser heute schon geschmückter, diesjähriger Tannenbaum

Wie komme ich kurz vor Weihnachten auf diese Frage?

An diesem für einige Generationen sehr einzigartigen Weihnachtsfest stellt sich umso mehr die Frage danach, was uns Weihnachten in diesen Zeiten noch bedeutet. Sind es die verklärten und Kraft eigener Fantasie aufgefüllten Kindheitserinnerungen, Reste religiöser Anwandlungen oder ist es die pure Freude am Schenken und Beschenktwerden werden?

Vielleicht ist es auch das, was viele von uns in diesen Zeiten besonders bitter vermissen werden. Die reine Freude daran, Familie und Freunde zu treffen und mit ihnen entspannte Stunden oder Tage zu verbringen? Da mag man zwar daran denken, dass an Weihnachten so mancher Verwandtschaftsstreit seinen Anfang genommen hat, an häusliche Gewalt oder an einsame und verzweifelte Menschen, die nicht einmal mehr jemanden haben, mit dem sie sich streiten könnten. Für viele steht dieses Fest für alles andere aber längst nicht mehr für die Geburt, also die Menschwerdung Jesu Christi. Wann war ich an Weihnachten zuletzt in der Kirche? Das liegt Jahre zurück.

Für meine Frau und mich hat sich in den letzten Jahren das Geschehen rund um dieses schönste aller christlichen Feste verändert. Jetzt nimmt Covid-19 einen so krassen Einfluss auf unser Leben, dass die uns aufgezwungenen Verhaltensänderungen zu Weihnachten eher gering empfunden werden. Ich finde, wenn wir die Spanne zwischen Weihnachten und Neujahr fast liebevoll als die Zeit zwischen den Tagen bezeichnen, scheinen wir damit – jenseits religiöser Aspekte – doch etwas Spirituelles zu verbinden, wenn wir offiziell auch eher davon reden, dass wir vor allem Ruhe und Besinnung suchen.

Bei uns wird es so sein, dass wir meine Mutter, meine Schwester, meine Nichte, ihren Mann und die beiden Kleinen an Weihnachten nicht sehen. Aus purer Vorsicht und gegenseitiger Rücksichtnahme. Die britische Mutation lässt grüßen.

Warum schmücken viele Menschen jetzt ihre Weihnachtsbäume und stellen zum Beginn der Weihnachtszeit Adventskränze auf? Das tun natürlich auch all die Menschen, die aus Gründen ihre Mitgliedschaft in den christlichen Religionen längst »gekündigt« haben? Kulturelle Traditionen höre ich da manche sagen. Richtig. Weihnachten gehört zu unserer Kultur. Dieses Fest feiern wir auch deshalb, weil es zu den wunderbaren Traditionen zählt, die an vielen Stellen auf der Welt zum Jahresende begangen werden. Viele wünschen sich Schnee, kriegen ihn aber wieder einmal nicht. Petrus arbeitet nicht bis in die tieferen Lagen, wahrscheinlich kann er sich so tief nicht mehr bücken. Aber was sollen die Leute in Kalifornien sagen? Gut, Espen ist nicht ganz so weit entfernt. Was sind in diesem Land 1.500 km, zumal Corona-Beschränkungen dort vermutlich nicht gelten? Wer also nicht arbeitslos ist bzw. über genügend finanzielle Mittel verfügt, kann da mitmachen.

Für viele werden Kindheitserinnerungen eine wichtige Rolle spielen. Womit wir bei den verklärenden Erzählungen aus Kindertagen wären, die ich anfangs erwähnt habe. Weihnachten scheinen auch die Menschen rührselig zu werden, denen man diese Schwäche normalerweise nicht zugeschrieben hätte. Wahrscheinlich gibt es für die meisten gute, schöne Erinnerungen an die Weihnachtsfeste, die sie mit ihren Familien verbringen durften. Bei uns ist das so. Fast alle, mit denen ich über unser aller Weihnachten als Kinder geredet habe, kriegen dabei glänzende Augen und steuern ihre Weihnachtsgeschichten bei. Komisch ist, dass dabei die Geschenke eher eine Nebenrolle spielen. Meistens geht es um Liebe und um die gemeinsame Zeit, die im Kreis der Familie verlebt werden durfte.

Denken wir an alle, die Corona in diesem Jahr schwer getroffen hat. An all die alten Menschen, die in ihren Alten- und Pflegeheimen nicht ausreichend geschützt worden sind, an all die Obdachlosen, die aufgrund der besonderen Bedingungen in diesen schlimmen Zeiten noch weniger Hilfe erhalten als ohnehin schon. Und denken wir auch an die Kinder, die in Moria und anderswo noch nie von den tollen Werten der EU etwas gehört und noch viel weniger gespürt haben. Stattdessen werden sie in den Lagern, die wir ihnen zugewiesen haben, von Rattenbissen geplagt. Das soll unser Entwicklungshilfeminister ja auch nur erfunden haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Frohe Weihnachten euch allen.


Über den Autor

Ich bin Horst Schulte. Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt.

Mein Motto: "Bloß nicht zynisch werden..."

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8 Gedanken zu „Was ist Weihnachten für dich?“

  1. „Ich werden Weihnachten in meinem Herzen ehren
    und versuchen, es das ganze Jahr hindurch aufzuheben.“
    ~Charles Dickens~
    Unter diesem Motto werde ich ebenfalls versuchen, das Beste
    aus jeder misslichen Lage zu machen.
    Wünsche allen friedliebenden Menschen ein schönes und gesundes Weihnachtsfest!

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  2. Ein schöner Gedanke, liebe Schwalbe, Weihnachten etwas zu konservieren und durch das Jahr zu tragen. Wir sind dabei, uns auf die Tage einzustimmen. Es wird anders sein als sonst. Machen wir das beste daraus. LG H.

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  3. Lieber Horst,

    bevor der Tag zu Ende geht, möchte ich es nicht versäumen, zu gratulieren.

    Alles Gute zum 67sten wünsche ich Dir.

    Viele Grüße
    Matthias

    Antworten
    • Lieber Matthias, herzlichen Dank für deine Geburtstagswünsche. Ich habe mich gefreut, von dir zu hören. Dir und deiner Familie wünschen wir ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr. Ich denke gern an unsere gemeinsamen Jahre bei Spirella zurück. Das war eine tolle Zeit.

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  4. En schöner Artikel, danke dafür!

    Für mich ist Weihnachten vor allem: angenehm stille Tage, an denen niemand was von mir wollen darf! 🙂
    Aus den kulturellen Traditionen bin ich raus seit ich Mitte 20 meine Heimatstadt verlassen habe und nach Berlin gezogen bin. Solange meine Eltern noch lebten, bin ich irgendwann rund um Weihnachten mal hin gefahren – aber nicht mehr direkt zum heiligen Abend. Das ist aber auch schon lange her. Ich vermisse nichts, gönne es aber allen von Herzen, die mit Freude Weihnachten zelebrieren!

    Frohe Weihnachten!

    Antworten
    • Danke, liebe Claudia. Ich denke immer mal wieder darüber nach, ob solche Traditionen eher Fluch oder Segen sind. Ich komme halt immer wieder dazu, dass es das Zweite ist. 🙂 Dir und deinem Freund ebenfalls frohe Weihnachten und alles Gute für das neue Jahr. Hoffentlich wird 2021 besser als 2020.

      Rudolf

      Antworten

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