Medien

Alarmist oder Lebensretter?

Selbst dieser vergleichsweise auf Wohlfahrt und Verantwortungsübernahme getrimmte Staat konnte nicht verhindern, dass viele Menschen in der Flutkatastrophe ihr Leben verloren haben. Das hindert Teile dieser Besserwisserrepublik nicht daran, Politikern und Behörden vorzuhalten, ihrer Verantwortung nicht nachgekommen zu sein.

Wenn ich mir diese Vorher/Nachher-Bilder ansehe, kann ich mir nicht vorstellen, was ein »besser funktionierender Katastrophenschutz« hätte verhindern können. All die Besserwisser bleiben den Beweis schuldig, dass Menschenleben durch eine frühzeitigere Alarmierung hätten gerettet werden können. Aber Vorwürfe über Vorwürfe zu formulieren, wie wir schon seit Corona wissen, ist populär geworden. Vor allem im Wahlkampf. Das Unglück hat bei einigen wohl die Hoffnung geweckt, dass die Union als führende Partei Deutschlands für weitere vier Jahre noch verhindert werden könnte, wenn man ihrem Spitzenpersonal nur mangelnde Professionalität und epochales Versagen vorwirft und diese vor allem penetrant wiederholt.

Richtig leidtun mir die Meteorologen, die die Leute über anstehende Wetterkatastrophen informieren müssen. Den einen sind sie (lange schon) zu alarmistisch, die anderen finden, sie seien ihrer Verantwortung bei der Flutkatastrophe nicht nachgekommen, sie hätten also ihren Job nicht gemacht.

Bedburg (c) 2021 Horst Schulte

Für das Wochenende können wieder heftige Regenfälle anstehen. Wie stark diese sein werden und wo sie genau herunterkommen, ist noch nicht klar. Vielleicht fragen wir mal bei der britischen EFAS Professorin Hannah Cloke nach. Die weiß garantiert Genaueres. Dann schauen wir mal, welche Leute ihre Häuser veranlassen und sich und ihre Liebsten in Sicherheit bringen werden. Ich glaube, es werden nicht sehr viele sein. Wehe nur, es kommt zu einer weiteren Katastrophe. Wetten, dass dann wieder Behörden und Politiker schuld sind!?

An Laschets Klimakompetenz wird gezweifelt. Das ist die Überraschung der Woche. Nach all dieser Hetze in den Medien könnte die Union vielleicht doch noch ausgeschaltet bzw. am 26. September verhindert werden. Bemerkenswert ist aber, dass das Meinungsforschungsinstitut Allensbach die CDU/CSU doch tatsächlich bei 31 % sah, während die Grünen mit 18 % weiterhin schwächeln.

Da müssen die grünen Medienleute also dringend nachlegen. Sascha Lobo gibt sich in seiner Kolumne recht viel Mühe, seinen Teil beizutragen, in dem er der Union einmal mehr nachsagt, falsch und kleinlich zu agieren.

Das hat drei niederschmetternde Gründe: lächerlichen Geiz, peinliche Parteipolitik der CDU und tödliche Besserwisserei.

Cell Broadcast: Deutschlands bürokratische Verhöhnung des 21. Jahrhunderts – Kolumne – DER SPIEGEL

Hätte die Regierung das Warnsystem Cell Broadcast nicht boykottiert, von dem ich vorher übrigens noch nie was gehört habe, hätte es dieses Ausmaß der Katastrophe nicht gegeben.

Klar, Lobo meint vermutlich, es hätten durch den Einsatz vielleicht Menschen gerettet werden können. Dann wäre es das allemal wert gewesen. Aber der Eindruck, der sich alles in allem ja eingestellt hat, ist ja eher der, dass die Zerstörungswut der Fluten durch dieses Warnsystem hätte besänftigt werden können.

Der Hinweis auf Holland, das dieses System bereits einsetzt, ist nicht gerade überzeugend. Schließlich gab es dort auch Tote. Kann jemand die Frage beantworten, ob der Einsatz dieser technischen Lösung tatsächlich Menschenleben gerettet hat oder müssen wir das Lobo einfach glauben?


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6 Gedanken zu „Alarmist oder Lebensretter?“

  1. Habe heute morgen Cell-Broadcast kurz nachgelesen. Diese Technik gibt es schon ziemlich lange, sie ist wohl auch schon gut erprobt und wirkungsvoll. New York setzt sie z.B. seit Jahren effektiv ein.

    Smartphones können das grundsätzlich, da ist nichts weiter zu entwickeln. Es muss lediglich die menschliche und technische Melde-Infrastruktur aufgebaut werden in Form von Meldezentralen, d.h. nicht wirklich große Investitionen in die technische Infrastruktur und die entsprechenden Arbeitsplätze für die Warn-Dienste.

    Dazu sollte Deutschland in der Lage sein, und eine solche Infrastruktur sollte m.E. in weniger als einem Jahr etabliert werden können…

    Wenn es nicht wie üblich in sinnlosem Kompetenzgerangel zwischen Bund, Ländern und Kommunen in Grund und Boden versemmelt wird — wovon ich allerdings aus Erfahrung ausgehe… zumal gerade Bundestagswahlkampf ist, sich also sowieso jede politische Vernunft gerade im erweiterten Fluchtmodus befindet.

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  2. Belgien hat sich schon vor 10 Jahren mit dem Thema beschäftigt. Ob sie das System einsetzen, ging aus dem Papier, das ich gelesen habe, nicht hervor. In Holland gibt es das auch. Trotzdem sind Leute gestorben. Das heißt nicht, dass etwas dagegensprechen würde, es einzuführen. Nur Lobos Argumentation aus meiner Sicht nicht ok. Wieder nichts als Bashing und üble Nachrede.

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    • SMS-Broadcasting funktioniert natürlich nur für die, die a) ein Mobiltelefon haben, b) die Broadcastingfunktion nicht abgeschaltet haben, c) ihr Telefon gerade dabei haben, wenn die Warnung kommt, d) die eingehende SMS bemerken und lesen.

      D.h. es dürften in jedem Fall sehr viel mehr Bürger erreicht werden als mit Warnmeldungen via Radio

      Nach meinem Dafürhalten sollte SMS-Broadcasting so schnell wie nur irgend möglich einsatzfähig gemacht werden, und zwar überall und so öffentlich, dass es auch der letzte Waldschrat mitbekommt.

      Und es muss grundsätzlich gelten, dass das System ausschließlich für dringende öffentliche Warnungen vor Katastrophen eingesetzt wird und nicht für verlockende Zwecke (wie Reklame) missbraucht werden kann.

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  3. Wie sollte das Verhalten, das in diesem Spiegel Newsletter von heute beschrieben wurde, anders sein nur weil ein technisches Mittel dieser Art eingesetzt wurde. Ich finde es gut, wenn wir das System schnell einführen würde. Bloß darf man sich davon keine so großen Wunder versprechen, wie Lobo das darstellt. Ihm gehts doch nur wieder darum, die Nachlässigkeit deutscher Politik herauszustellen. Das kotzt mich nur noch an:

    das kleine Dorf Mayschoß an der Ahr besucht hat. Hier sind die Leute Hochwasser gewohnt, und hier gingen auch frühzeitig Warnungen vor Pegelständen von bis zu sechs Metern ein. Doch solche Zahlen konnten viele im Dorf sich schlicht nicht vorstellen. »Die sind doch verrückt!«, so reagierten viele Bewohnerinnen und Bewohner, bis hin zu dem nun völlig verzweifelten Bürgermeister. Jeder Vierte im Ort hat sein Zuhause verloren. Was helfen Warnungen, wenn die Menschen sie in den Wind schlagen?

    https://archive.newsletter2go.com/?n2g=mc5o7z9j-808fcf7n-hzq

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  4. Auch durch bessere Information hätte diese Katastrophe nicht verhindert werden können. Ich hätte vor ein paar Wochen niemandem geglaubt, der mir so was erzählt hätte. Die ganze Sache war bis zu diesem Ereignis für mich unvorstellbar. Und ich denke ich bin da nicht der Einzige und auch viele in dieser Region lebenden Menschen konnten sich sowas nicht vorstellen.

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  5. Das steht bei mir auch im Vordergrund. Möglicherweise hätten Menschen gerettet werden können. Aber welche Vorsichtsmaßnahmen (Evakuierungen) wären in diesem Fall nötig gewesen und hätten die Leute den Anweisungen überhaupt Folge geleistet? Ich fürchte, keiner (außer diesen ewigen Besserwissern bei Twitter) hätten das voraussehen können. Auch wenn die Hinweise bestimmter Meteorologen etwas anderes suggerieren (sollen).

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