Medien

Argumentieren durch verbales Draufkloppen ersetzen

Was machen bloß die, die keinen »Social Media« Account, keinen Blog haben und nicht gleich losschimpfen können? Der Frust, manchmal auch die schiere Wut, packt im Moment doch fast jeden.

So ein Blog hat jedenfalls für sich, dass die Länge der Beiträge nicht limitiert ist, wie etwa bei Twitter.

Temperamentvoll und unbeherrscht

Weil das Schreiben deshalb oft etwas länger dauert, kann man sein Temperament einfangen und sich mäßigen. Viele der asozialen Netzwerke limitieren ihre Nutzer nicht mit einem Textcounter. Dem Niveau der Postings ist auch das nicht immer zuträglich.

Für mich ist das Vergangenheit, weil asoziale Netzwerke für mich seit zwei Jahren passé sind.

Es passiert oft, dass ich irgendeinen Stuss lese und sofort was dazu schreiben möchte. Dann fehlen die Asozialen schon – jedenfalls in diesem Moment.

Kürzlich hatte Alice Weidel von der AfD wieder einen ihrer »hochemotionalen« Lügenbeiträge veröffentlicht. Hochemotional für mich, weil ich glatt an die Decke gehen könnte, wenn diese Frau ihre dämlich-süffisanten Sätze raushaut. Schade, dass ich mein Herz manchmal doch zur Mördergrube mache. Wenn es wenigstens noch Stammtische gäbe. Da könnte man richtig loslegen über die großmäuligen AfD-Typen. Aber so öffentlich muss man aufpassen und seine Wut im Zaum halten.

Es macht – für mich – keinen Unterschied, ob die Frau im Bundestag lügt oder in ihren Postings bei Facebook. Meistens ist es gequirlter Mist.

Ist das eine Art mit »Andersdenkenden« umzugehen? Ich meine, was schreibe ich denn da? Habe ich nicht gelernt, dass ich mich beherrschen soll, auch wenn mir vor Ärger der Kamm schwillt? Nachher weiß ich sowieso immer, wie ich es besser hätte formulieren können. Warum nicht eine Nacht drüber schlafen und dann die angemessene Entschärfung einbauen? Die Antwort ist leicht: Weil DIE das auch nicht tun, nie tun würden!

Schlechte Beispiele

Diese Frage sollte sich jeder stellen, der zum Beispiel das glaubt, was die russischen Propagandafunker von RT deutsch oder Sputnik verbreiten oder rechtsextreme sowie staatsschädigende Publikationen wie »Epoch Times«. Dort sind die deutschen Rechten gesinnungstechnisch zu Hause. Denen ist die »Welt« noch nicht rechts genug. Wenn das Meinungsfreiheit ist…

Das erkennt jeder, der die zugänglichen Kommentarspalten dieser Blätter durcharbeitet. Da findet oft eine deutschnationale Gesinnung ihren Niederschlag, die nur mit viel gutem Willen noch als konservativ durchgeht.

Für mich war es vor wenigen Jahren noch viel leichter, andere Meinungen gelten zu lassen. In meinem Dauerkonflikt mit Wirtschaftsliberalen habe ich viele verbale Gefechte ausgetragen. Und zwar wechselseitig in unseren Blogs.

Vor wenigen Jahren war es anders

Trotzdem sind wir Blogkumpels geblieben, weil wir uns respektiert haben und unsere Blogs bespielsweise gegenseitig in unseren Blogrolls gelistet haben. Wir haben uns, obwohl wir uns persönlich nicht kannten, über Musik unterhalten und waren erfreut, wie oft wir wenigstens in unserem Musikgeschmack übereinstimmten.

Zu Beginn dieses Jahrtausends war nicht klar, in welche Richtung sich dieses Land entwickeln würde. Vor allem nach 2015.

Wenn sich legitime, regierungskritische Sichtweisen so offensichtlich mit dem Wunsch vermischen, unserem Staat den Garaus zu machen (RT deutsch, Sputnik, Epoch Times, Tichy und Achse und die vielen kleinen Ekelpakete mit braunem Anstrich), steigen Wut und Ekel in mir auf. Bei Tichy schrieb gerade einer von den Stammschreibern etwas über Bundespräsident Steinmeier.

Staatsverdrossene, frustrierte Schreiber

Nein, Herr Steinmeier, „wir“ sind nicht „Totalversager“, das sind Sie und die politische Klasse

Der, der das geschrieben hat, heißt WALLASCH. Sein Pseudonym war mal Alexander Wall.

Vokabeln wie »Versagen«, »Versager«, »Desaster« sind modern. Viele Medien sprechen in Bezug auf unsere Regierung seit Monaten von Versagen, Desaster und ähnlich »starken« Begriffen.

Die Faktentreue solcher Leute überrascht einen immer wieder. Wenn es beispielsweise um die Suche nach einer Antwort geht, wieso der eine das sagt und der nächste eine andere Sicht auf eine bestimmte Lage äußert, hat Wallasch die Wahl sehr schnell getroffen. Für mich ist sie bestimmt von einem rechten Weltbild, das nur zu gut zu denen passt, mit denen die Leute um Tichy nicht so richtig etwas zu tun haben möchten. Obwohl, so klar ist das nicht. Dazu muss man nur auf die Liste der Autoren dieses Blogs schauen.

Michalis Pantelouris attestierte auf der Medienplattform Übermedien, dass Tichys Einblick in seiner „Selbstwahrnehmung [nachdenklich konservativ sei, jedoch] nicht in der Lage [wäre], Argumente zu hören, sondern […] in blanker, beleidigter Feindseligkeit jeden anders Argumentierenden zum Idioten stempele. Das [sei] auch ein Zeichen, dass die ‚Aktiven und Nachdenklichen‘ die Aufkündigung der Regeln des friedlichen Zusammenlebens, die sie anderen vorwerfen, selbst betreiben.“

Tichys Einblick – Wikipedia

Kein Versehen, sondern bewusste Falschbehauptungen

Wallaschs Ansage zur angeblich nicht existierenden Überlastung von Intensivstationen kann jedenfalls nur mit seiner ideologischen Ausrichtung erklärt werden. Mit derartig plumpen Bezugnahmen auf einzelne Stimmen irgendwelcher Leute, kommen nicht nur der AfD und ihren Leuten um die Ecke, sondern auch Tichys Mannen.

Der Mann, also Dr. Gerald Gaß, ist kein Klinikleiter. Er ist seit 1. April neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Diejenigen, die hingegen eine Überlastung unserer Intensivstationen befürchten, sind keine Politfunktionäre, es sind diejenigen, die an Ort und Stelle Verantwortung für die Menschen tragen, die voraussichtlich schon bald die Intensivstationen belegen werden. Wallasch argumentiert mit den ewig gleichen Sprüchen, die »Querdenker« und Rechtsextreme klopfen. Die Zeugen suchen sie sich frei Schnauze. Dabei kommt ihnen jeder gelegen, der quer zum »Mainstream« steht. Wie dieser Dr. Gaß, der für sein Gerede von Fach-Medizinern heftig kritisiert wurde.

Das RKI jedenfalls vermeldete gerade wieder sinkende Todeszahlen und ein relevanter Klinikleiter gab sogar Entwarnung, was eine mögliche Überlastung seiner Intensivbettten angehen würde. Dass steigende Zahlen positiver Tests keine Relevanz mehr haben als Argument für eine Verschärfung der Maßnahmen, hat schon verstanden, wer erkannt hat, dass es keine entsprechende Zahl der insgesamt durchgeführten Tests gibt.

Aus dem Text von Tichy Autor, Alexander Wallasch

Notbremse wie im Saarland?

Dass Dr. Gaß in seinem Interview diese Aussage mit der Voraussetzung verknüpfte, dass die Politik die beschlossene Notbremse sofort umsetzen müsse, erwähnt Wallasch nicht. Lieber redet er von dem ewigen Quatsch, dass ja heute viel mehr getestet würde. Manche sind einfach kein Stück lernfähig. Wohl vor allem, weil nicht sein darf, was unter seiner speziellen politischen Sicht nicht sein soll.

Auch die DIVI reagierte: »Die deutsche Krankenhausgesellschaft weiß noch nichtmal was in den Häusern so los ist. Peinlich und eine Verhöhnung aller Mitarbeiter der #intensivstationen [sic]«, twitterte die Fachgesellschaft am Samstag.

Covid-19 – Mediziner kritisieren DKG-Chef Gaß

Trotzdem fände ich es gut, wenn Wallasch recht hätte. Hoffentlich kommt es nicht wieder zu den Zuständen, die wir Ende letzten Jahres und noch zu Beginn dieses Jahres erlebt haben. Vermutlich wird es aber schlimmer. Eine Entschuldigung wird so einer, der in Diensten Tichys steht, garantiert nicht über seine Lippen bringen. Solche Leute machen weiter mit ihrem stumpfsinningen Frustschreiben.

Und die Leser solcher Seiten lassen sich ohnehin von gegenteiligen Ansichten nicht beeinflussen und schon gar nicht von ihren Glaubensgrundsätzen abbringen. Wo soll das alles nur hinführen?

Über den autor

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt.

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