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Da wackeln die Wände – offenbar nicht nur hier

Claudia Kade sagt, die Politik trage die Verantwortung dafür, dass die Impfdosen von »AstraZeneca« wie Sauerbrot liegen bleiben. Diese Selbstgefälligkeit muss man hinterfragen.


   Letzte Änderung: 14. Apr. 2021   7 Kommentare

Die Stimmung in Schweden in der Pandemie scheint nicht so gut zu sein, wie manche uns immer noch glauben machen wollen. Interessant finde ich, dass die Gegenoffensive zu den im Vergleich lockeren Maßnahmen des politischen Establishments für schlechte Stimmung sorgt.

Demokratische Tugenden

Es ist also exakt anders herum als in unserem und den meisten anderen europäischen Ländern. Hier haben die Menschen die Corona-Pandemie satt. Sie sind, wie es fast poetisch heißt, Corona-müde.

Die Stimmung gegen unsere Regierung verschlechtert sich zusehends. Der »Spiegel« scheint sogar eine regelrechte Kampagne gegen Gesundheitsminister Jens Spahn gestartet zu haben.

Es ist leicht, sich denen anzuschließen, die massive Kritik an Spahn und an der gesamten Regierung üben. Ändern wird das nichts. Die Übertreibungen werden uns nicht helfen, die Pandemie wirksam zu bekämpfen. Wir schütten buchstäblich das Kind mit dem Bade aus.

Dass im Verhältnis lockere Corona-Regime der Schweden scheint auch nicht nur Anhänger zu haben. Dass sogar demokratiegefährdende Tendenzen konstatiert werden, ist unter diesen Vorzeichen bemerkenswert. Man könnte fast sagen: Egal, was Politik auch macht, es finden sich immer lautstarke Kritiker, die den Beweis schuldig bleiben, außer einigen billigen Ratschlägen viel Konstruktives beitragen zu können. Was hat man sich beispielsweise darunter vorzustellen, wenn von diesen Kritikern »kreative Lösungen« gefordert werden oder Perspektiven? Wäre es mit einem Stufenplan getan? Nun, wie man hört, soll dieser ja vielleicht bald kommen.

Die Gruppe zeichne ein völlig verzerrtes Bild der Wirklichkeit und leite daraus ihre verbalen Attacken ab: »Die schwedische Nation als Opfer einer Gehirnwäsche, die Verantwortlichen der Corona-Strategie als Straftäter und die Medien als bestechlich«, heißt es in dem Radiobeitrag.

Schweden: Sind Kritiker der Corona-Politik »Feinde der Demokratie«? – DER SPIEGEL

Wie in Schweden

Bei mir überwiegt die Sorge, die ganz ähnlich auch in Schweden vorzuherrschen scheint. Das Image des Landes ist nach gewissen Ereignissen wohl sowieso ramponiert. Es hatte auch schon vor Corona gelitten.

Mich macht eher die Verschärfung der im Land festzustellenden Militanz, die Bürgerinnen und Bürger zunehmend an den Tag legen, besorgt. Die Zahl der Anfeindungen und tätlichen Angriffe auf Landräte, Bürgermeister oder Abgeordnete der Parlamente haben in diesen Corona-Zeiten noch einmal zugenommen.

Kommt einem diese Forderung nicht irgendwie bekannt vor:

Manche ihrer Thesen sind weit hergeholt, etwa ihr Appell, dass führende Köpfe der Pandemiebekämpfung – wie zum Beispiel Anders Tegnell, der schwedische Staatsepidemiologe – vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gestellt werden müssten, um sich für die vielen Covid-19-Opfer im Land zu verantworten.

Schweden: Sind Kritiker der Corona-Politik »Feinde der Demokratie«? – DER SPIEGEL

Wie sich die Vorwürfe ähneln. Dabei stehen sich die Ansichten diametral gegenüber. Die deutschen Querköpfe verlangen, die Verantwortlichen der hiesigen Maßnahmen vor Gericht zu stellen, in Schweden sind es diejenigen, die für den »anderen Weg« stehen. Verrückt.

Schuldzuweisungen en gros

Die von hiesigen Journalisten massiv vorgetragenen An- und Beschuldigungen gegen Politiker bleiben nicht ohne Resonanz.

Ich glaube nicht, dass die gegenwärtige Lage dafür der richtige Zeitpunkt ist. Wir wären besser beraten, die Kräfte auf sinnvolle Maßnahmen gegen die Pandemie zu konzentrieren, als kübelweise Vorwürfe über diejenigen Politiker auszuschütten, die seit über einem Jahr unter ungeheurem Druck stehen.

Lanz in Schweden

Markus Lanz, der in seiner Sendung gern für das schwedische Modell Stimmung macht, wird am 11. März um 23:15 Uhr im ZDF vermutlich eine Lobeshymne auf den schwedischen Sonderweg singen. Jedenfalls erwarte ich das. Ob er bei den Dreharbeiten schon eine Vorstellung davon hatte, wie kontrovers die Sichtweisen auch dort aufeinander treffen?

Gestern Abend wurde bei »Markus Lanz« Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zugeschaltet. Er war ganz schön sauer. Offensichtlich hatte er die Sendung bereits eine Weile verfolgt. Als Lanz Claudia Kade von »Welt« fragte, wer dafür verantwortlich sei, dass der »AstraZeneca« – Impfstoff nicht abgenommen würde, behauptete sie ganz kühn, die Politik sei schuld. Sie klagte, dass die Ablehnung auf mangelnde Kommunikation zurückzuführen sei. Wo ist eigentlich der Beitrag der Kommunikationsexperten unserer Medien, fragte ich mich spontan.

Deutsche Presse vs. deutsche Politik

Wieder mal typisch für die deutschen Pressefritzen. Die Medien haben diesen Impfstoff doch maximal schlecht geschrieben.

Trotzdem wird gesagt, die Politik sei dafür verantwortlich, dass er nicht nachgefragt bzw. sogar abgelehnt wird. Leute wie Kade scheinen nicht zu wissen, was Verantwortung bedeutet. Dabei leitet sie das Politik-Ressort bei der »Welt«. Normalerweise sollte man annehmen… geschenkt!

Sie wirken maximal geschickt, jede Verantwortung von sich wegzuschieben. Haseloff hat das gestern Abend für mich in seiner Rage schön auf den Punkt gebracht:

Als wenn Angriff sowieso die beste Verteidigung wäre, ging er dann unvermittelt auf die Medien los, vor allem auf die Öffentlich-Rechtlichen: »Wir haben Impfstoff noch und nöcher«, schimpfte er, aber der bliebe liegen, weil die Sender ihrem Bildungsauftrag nicht nachgekommen seien und statt Informationen Quizsendungen gezeigt hätten.

»Markus Lanz«: Kein Verständnis für Corona-Impf-Vordrängler – Berliner Morgenpost

Dass Haseloff sich nur auf die Öffentlich-Rechtlichen bezog, war ein Mangel.

So hat sich die AfD das gewünscht

Die Medien insgesamt verhalten sich im Moment schäbig und unsolidarisch. Die AfD – Schranzen werden sich auf die Schenkel klopfen. Da gehen sich diejenigen an die Kehle, die den Rechten bis vor Kurzem noch als geborene Verbündete galten. Da brechen Allianzen auf, von denen die AfD und ihre Unterstützer behaupteten, sie seien systematisch verwachsen wie Betonburgen. Leider kann ich das nicht als positive Erfahrung verbuchen.

Ob Kade oder Prantl, der vorher bei »Maybrit Illner« seinen Auftritt hatte – alle stänkern und sind dabei so wenig konstruktiv, dass ich mich frage, wohin diese Leute es in den nächsten Wochen noch treiben werden. Denn es wird nicht leichter, die Zahl der Neuinfektionen steigen, und es ist davon auszugehen, dass der gescholtene Karl Lauterbach wieder einmal recht behalten wird. Die 3. Welle rollt unaufhaltsam. Aber wir sind müde… Es scheint, als hätten die Politiker nicht mehr den Mut, den Lockdown um weitere Wochen zu verlängern.

Wenn ich das schreibe, ist mir der Gedanke präsent, dass ich als Rentner gut reden habe. Ich muss nicht um meine Existenz fürchten (jedenfalls nicht so direkt…). Mir gehts ähnlich wie Politikern und Journalisten oder irgendwelchen neunmalklugen Wissenschaftlern, deren finanzielle Lebensbasis zumindest vorerst gesichert scheint. Merkt ihr auch, wie sehr die Preise steigen? Was wird passieren, wenn es zu tausenden von Insolvenzen kommt und Hunderttausende ihre Jobs verlieren? Alles ist möglich. Ob man all das, all diese Sorgen mit dem Adjektiv »müde« hinreichend beschreibt?

Das erschöpfte Land… glaubt einer, dass es woanders besser aussieht?

Im neuen »Spiegel« – Heft ist der Artikel: »Das erschöpfte Land – Corona: Der Schadensbericht« zu lesen. Wenigstens in dieser vorläufigen aber schon sehr umfangreichen Bestandsaufnahme haben eine ganze Anzahl von »Spiegel« – Journalisten sich um Sachlichkeit bemüht.

Dass am selben Tag im »Spiegel« mindestens zwei Artikel mit (neuen?) Vorwürfen gegen Jens Spahn auffielen, macht das nicht wett. Ich finde, jetzt reicht es mal.

Laut forderte Heribert Prantl (SZ), der mir früher mal sympathisch war, einen Untersuchungsausschuss. Dagegen ist unter den gegebenen Voraussetzungen nichts zu sagen. Allerdings sollte er nicht jetzt, sondern erst nach dem Ende der elenden Pandemie konstituiert werden. Hoffentlich ist er wenigstens damit einverstanden?!

Es ist schade, dass der deutsche Presserat nicht aktiver ist und die Journalisten, die sich im Moment am Renommee von Demokratie und Politik schadlos halten, nicht auch auf eine Art Anklagebank gesetzt werden.

7 Gedanken zu „Da wackeln die Wände – offenbar nicht nur hier“

  1. Immerhin nimmt die AFD nicht nennenswert zu. Die FDP steht dafür recht gut da, scheint von einigen als „Alternative zur Alternative“ genutzt zu werden, besser so!

    „Merkt ihr auch, wie sehr die Preise steigen? “ Woran merkst du das? Strompreiserhöhungen gingen grad durch die Presse, genaues hab ich nicht gelesen.

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    • Ich finde, man merkt es in den Lebensmittelmärkten und zwar bei recht vielen Produkten. Gestern kam in den Börsennachrichten, dass die Inflation sich offenbar entwickelt, während mit Zinserhöhungen in diesem Kontext nicht zu rechnen wäre.

      Ich denke / hoffe schon, dass das mit den Kommentarbenachrichtigungen funktioniert. Hast du etwas bemerkt?

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      • Ich wollte nur wissen, was für ein Plugin es ist. Aber gut, ich probiere es jetzt aus und gebe dafür eine richtige Adresse an. Bitte schreib dann auch nochmal was…

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          • Funktioniert nicht. Weder habe ich eine DoubleOptin-Mail erhalten noch eine Benachrichtigung über einen Kommentar.
            (Wenn ich sowas anbiete, teste ich es zuvor selbst, das ist echt empfehlenswert!)

            Schade, denn ich hätte sowas gerne auch, aber für selbst gehostete Blogs scheint es nix zu geben… Jetpack ist in meinem Coder-Umfeld eher in Verruf, hab mal nachgelesen:
            https://elbnetz.com/jetpack-pro-und-kontra/
            Danach müsste man (vermutlich) genau die Funktion ausschalten, um die es mir geht, um DSGVO-konform zu bleiben.
            Hach, Mist!

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  2. (Wenn ich sowas anbiete, teste ich es zuvor selbst, das ist echt empfehlenswert!)

    Halte ich auch so. Aber ich teste nicht jeden Tag aufs Neue. Es funktioniert leider nicht – wie auch alle anderen Plugins, die ich probiert habe. Also verzichte ich nun ein für alle Mal darauf. Vorbehalte gegen Jetpack sind bekannt. Keines der kritischen Features setze ich ein.

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