Die Meinungsfreiheit der Linken

Wenn Meinungsverschiedenheiten von manchen Leuten dazu missbraucht werden, den Debattenkorridor zu verengen, sollten wir das nicht mitmachen.

So richtig erklären kann ich nicht, weshalb ich mir so regelmäßig – manchmal sogar täglich (also von Dienstag bis Donnerstag) – »Markus Lanz« im ZDF ansehe. Die einfache Antwortet lautet: Weil ich es kann. Schließlich kann ich ausschlafen, denn es ist nun einmal anders als früher. Da war unter der Woche nach 23 Uhr gewöhnlich Schluss.

Die Wahrheit ist: Ich stehe darauf zuzusehen, wie sich die Leute bekriegen. Dass ich andererseits immer so tue, als wäre ich an Streit nicht interessiert, spricht Bände. Wie passt es, einerseits zu behaupten, harmoniesüchtig zu sein und andererseits Spaß daran zu haben, wenn andere in dieser Art und Weise, übereinander herfallen? Oder liegt das, was »Markus Lanz« seinen ZuschauerInnen anbietet, im Bereich anregender und ohnehin zulässiger Debatten? Natürlich ja! Sonst würde ich das doch nicht schauen. Oder?

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Dass Annalena Baerbock nicht bei »Markus Lanz« aufläuft und sich auch durch penetrantes Betteln bei Grünen-Geschäftsführer Kellner nicht überreden lässt, finde ich einerseits gut, andererseits macht das vielleicht aber auch das Problem deutlich, mit dem wir es in Deutschland zu tun bekommen.

Die Meinung der linken Blase scheint die zu sein, dass wir am besten in der eigenen Blase verweilt.

Die Begründung für dieses eigenhändig gezeichnete Sittenbild scheint zu sein, dass die »anderen« ohnehin nichts Konstruktives beizutragen haben. Also darf man auch offen auf Ausgrenzung derselben setzen. In Wahrheit gehts banalerweise nur darum, andere Meinungen nicht zuzulassen. Wenn uns dazu jedes verbale Mittel recht ist (siehe Twitter) sind wir echt weit genug!

Ich finde das falsch, obwohl das Gegenteil zugegebenermaßen arg anstrengend sein kann.

Das trifft auch auf die beiden Virologen zu, die für Böhmermann besonders ins Gewicht zu fallen scheinen.

Mir persönlich würde Christian Drosten auch reichen. Aber er hat dazu gelernt und tritt außer in seinem NDR – Podcast nirgends mehr auf. Ich kann ihn verstehen. Aber seine Enthaltsamkeit wirft schon ein Schlaglicht auf die Debattenlage in unserem Land. Und nicht zuletzt auf die Wirkung der asozialen Medien.

Unsere Gesellschaft entwickelt sich immer stärker in die falsche Richtung. Wenn wir uns so leicht damit tun, Leute aus dem gesellschaftlichen Diskurs herauszuhalten, herauszureden oder zu -schreiben, ist das undemokratisch und muss uns (in der nächsten ruhigen Minute zumindest) wenigstens nachdenklich machen.

Fachlich sei es keine gewinnbringende Idee, Leute wie Hendrik Streeck und Alexander Kekulé einzuladen. Nach dem Grund gefragt, erklärte Böhmermann, dass beide nach Meinung anderer Experten keinen adäquaten Beitrag zu leisten hätten. Gehts noch? Wenn sich Böhmermann, was ich nicht ausschließen will, für verantwortliche Inhalte von TV-Sendungen starkmachen will, kann er das tun. Aber doch bitte nicht derart missverständlich.

Ich räume ein, dass es Leute gibt, die in TV-Sendungen (nicht nur, weil sie ständig präsent sind) einem auf den Zeiger gehen. Aber dass TV-Redaktionen dazu genötigt werden, bestimmte Leute nicht einladen zu sollen, geht überhaupt nicht. Wir sollten uns endlich besinnen und die Auswirkungen auf unser künftiges Zusammenleben dabei im Auge haben. Wollen wir in unserem Land eine vergleichbare Polarisierung der Gesellschaft erleben wie sie in den USA herrscht? Irgendwann könnte womöglich auch dieser Kipppunkt erreicht ist.


6 Gedanken zu „Die Meinungsfreiheit der Linken“

  1. Die bisher aufgetretenenen Virologen wie Hendrik Streeck, Alexander Kekulé, Helga Rübsamen-Schaeff , Melanie Brinkmann und Dr. Jana Schroeder hielt ich bisher für kompetent, für mich persönlich in dieser Reihung.
    Helga Rübsamen-Schaeff mochte und mag ich immer.

    Das Format ermüdet, weil jeder Politiker locker-leicht nicht aufs Glatteis zu führen ist. So sicher wie das Amen in der Kirche.

  2. Die Wahrheit ist: Ich stehe darauf zuzusehen, wie sich die Leute bekriegen. Dass ich andererseits immer so tue, als wäre ich an Streit nicht interessiert, spricht Bände

    Sie sind nur krankhaft widersprüchlich, eine oder mehrere Psychotherapien könnte Ihnen vielleicht etwas helfen.

  3. Ich glaube, Lanz hat gute Einschaltquoten. Das liegt zweifellos daran, dass die meisten ZuschauerInnen in diesem Format etwas finden, das sie anderswo vermissen. Dass Lanz in den Medien gelobt wird uns sogar für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, belegt wohl vor allem seine momentane Popularität. Die Gäste werden nicht immer jedem passen und wir kennen solche Diskussionen, wie Böhmermann sie wieder angestoßen hat, inzwischen ja zur Genüge. Schade, dass nicht mehr Leute aus der linken Blase dem Mann widersprechen. Ohne Diskussionen geht es in einer Demokratie nicht. Naturgemäß muss da auch mit Menschen geredet werden, die einem nicht so liegen oder die man eigentlich ablehnt.

  4. Ich schaue Lanz nicht. Es interessiert mich einfach nicht, wenn in solchen Streit-„Formaten“ mehr oder minder prominentes Personal des Tagesgeschehens über irgendetwas Meinungsstreits ausführt, so wichtig das jeweilige Thema auch sein mag.

    Ich kann darin keinerlei Erkenntnisgewinn erkennen, und zum reinen Zeitvertreib bzw. zur Unterhaltung tue ich andere Dinge.

    Das einzige „Format“, das ich seit Jahren gucke, wenn mich das Thema interessiert, ist „Scobel“ in 3Sat. Hier geht es um Sachfragen rund um allgemein bis dringlich anstehende Problemfelder, zu denen unter ruhiger und ernsthaft interessierter Moderation Fachleute aus betreffenden Umfeldern Expertise beitragen und Stellung beziehen.

    Darin kann für mich (oft) Erkenntnisgewinn und die Klärung eigener Gedanken zum jeweiligen Thema stecken. Und nur dann hat Themen-Fernsehen für mich tatsächlich Wert und Substanz.

    Meinungs-Auseinandersetzungen interessieren mich nicht bei Themen, wo Meinungen irrelevant sind. Z.B. bei der Klimakrise sowie bei der Corona-Pandemie,
    wo es tatsächlich um Problembewältigung geht, nicht darum, was irgendwer dazu „meint“.

    Und Spitzenpolitiker sind zur Zeit vollständig in der Wahlkampf-Phrasenblase ihrer Parteien. Da interessieren mich deren Verbalbeiträge jedweder medialen Art schon gar nicht mehr.

  5. Das ehrt dich. Ich brauche das vermutlich. Ich halte die Sendung für doof und sehe sie dann trotzdem wieder. So ergeht es mir mit all den Talkshows, die ich mir regelmäßig ansehe. Manchmal wirds mir auch zu dumm und ich schalte weg. Aber das ist selten (vgl. Peterle in seinem freundlichen Kommentar).

    Ob es nur Zeitvertreib ist? Keine Ahnung. Vielleicht spielte Langeweile eine Rolle. Nur deshalb gibts schließlich diesen Blog. Irgendwoher muss man sich ja mit anderen Sichtweisen und Argumenten anheizen lassen. Aber das ist selbstverständlich reine Geschmackssache.

    Scobel kenne ich zwar – nur das Gesicht. Gesehen habe ich seine Sendung noch nie. Die mir übrigens angenehmste Talkshow ist die Phoenix-Runde und – sonntags – der Presseclub oder der „internationale Frühschoppen“. Dort geht es i.d.R. sachlicher zu als in den meisten Talkshows in den Hauptprogrammen. Außerdem hört man dort meistens die besseren und interessanteren Argumente.

    Im Moment befinden wir uns aufgrund des Wahlkampfes in einer besonderen Lage. Aber das ist kein typisch deutschen Phänomen und auch keines, das sich nur in den Medien widerspiegelt.

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