Julian Reichelt und das Essay

Julian Reichelt, richtig! – der von der Bild-Zeitung – ist mir einer der »liebsten« Journalisten in Deutschland.

Mir kommt regelmäßig das Essen hoch, wenn ich seine Artikel lese. Manche nennt er Essay. Darunter stellte ich mir allerdings etwas anderes vor, als den Rant, den einer wie Reichelt regelmäßig raushaut. Unter einem Essay verstand ich bisher eine wertvolle Lektüre. »Abhandlung, die eine literarische oder wissenschaftliche Frage in knapper und anspruchsvoller Form behandelt«. Allerdings nicht nur eine solche, der ich inhaltlich zustimme. Bei der Bild-Zeitung scheint das irgendwie nicht zusammenzugehen. Mit anderen Worten: Reichelt bevorzugt die andere Definition.

So ein Bild-Chefredakteur weiß bestimmt genau, was ein Essay ist! Wie seine Vorgänger vergiftet auch er gern den öffentlichen Diskurs. Denn natürlich bezieht er in seine Tiraden die Millionen von geneigten LeserInnen ein. Insofern drängt er als Chefredakteur einer der mächtigen Zeitungen unseres Landes seine LeserInnen dazu, seine locker dahingerotzten Vorwürfe zu übernehmen. Er weiß um die Strahlkraft solcher Sätze wie:

Die Impfzentren leer, die Impflager absurderweise gleichzeitig leer und voll, weil wir nicht haben, was wir gern hätten (Biontech) und nicht verimpft bekommen, was wir haben (AstraZeneca), weil unsere Regierung auch noch dabei versagt hat, Impfen zur nationalen Begeisterungsanstrengung zu machen.

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Die Friedhöfe sind voller Großeltern, die wir in ihren Heimen nicht beschützt haben. Wer derzeit stirbt, stirbt nicht an einer Krankheit, der wir machtlos ausgesetzt sind, sondern am politischen Missmanagement des Impfstoff-Wunders.

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Essay von BILD-Chef Julian Reichelt – Der Staat drangsaliert uns, um sein Scheitern zu übertünchen – Politik Inland – Bild.de

Sätze wie diese hat Reichelt in insgesamt weniger als 450 Worten unter diesem Titel zusammengeklopft:

Der Staat drangsaliert uns, um sein Scheitern zu übertünchen
(Essay von Julian Reichelt <450 Worte)

Ich hätte mich der allgemein gültigen Definition angeschlossen und ihn als Abhandlung bezeichnen, die eine literarische oder wissenschaftliche Frage in knapper und anspruchsvoller Form behandelt. Nur – wie passt das zur Bild-Zeitung?

Ein Essay kann auch als Gedankenexperiment bezeichnet werden. Das würde irgendwie passen! Reichelt nimmt seine LeserInnen auf seinen wirren Reisen durch eine Wertewelt mit, die aus meiner Sicht irreversiblen Schaden für unser ganzes Land, nämlich auch in der Einstellung zur Demokratie, anrichten könnten. Ich nenne sowas verantwortungslos.

Ein Journalist, ein Chefredakteur zumal, betrachtet seine Arbeit als Gedankenexperiment? So meinte Reichelt den Meinungsballon, den er steigen ließ. Und klar, es gibt genug gefrustete und für diese Vorbehalte aufnahmebereite BürgerInnen. Was ist mit der Verantwortung, die der Chefredakteur einer solchen Zeitung hat? Das war – jedenfalls für mich – schon immer das Problem der Bild-Zeitung. Die picken sich einzelne unliebsame Personen heraus und hacken auf ihnen herum. Christian Drosten war das bevorzugte Angriffsziel des ehemaligen Kriegsberichterstatters, heute hat er die komplette Regierung im Visier. Geschadet hat Reichelt diese Kampagne nicht. Was soll der Presserat schon gegen die ständig in der Liste der Rügen auftauchende mächtige Bild machen?

Reichelts »hochwertige« Texte als Diskussionsgrundlage für einen Dialog mit den Lesern (als Essay) zu betrachten, fiele mir im Traum nicht ein. Reichelt sieht sich und sein Blatt offenbar als den Nabel der deutschen Medienwelt. Ob der deutsche Presserat das auch immer noch so sieht? Aber was soll dieser zahnlose Tiger schon machen?

Mir fielen für Reichelts Arbeit noch allerlei andere Begriffe ein. Essay gehört nicht dazu!


Heute lese ich im »Spiegel«, dass Reichelt sich wegen eines Verstoßes gegen Complianceregeln des Springer-Konzerns verantworten muss. Im »Spiegel« heißt es: »Die Vorwürfe sollen wiederholtes Fehlverhalten gegenüber Frauen betreffen.«

Na, warten wir mal ab, was jetzt passiert. Noch ist es etwas zu viel Hörensagen, so dass man noch nicht viel darüber sagen kann. Dass der Abschied seines Vorgängers im Amt des Chefredakteurs, Kai Diekmann, vom Vorwurf wegen sexueller Nötigung überschattet wurde, ist in diesem Zusammenhang interessant. Die Vorwürfe gegen ihn wurden damals wegen mangelnder Beweise fallen gelassen.

Trotzdem wirft diese Geschichte ein Schlaglicht auf diese Redaktion. Mal sehen, was da noch herauskommen wird. Vielleicht ist Reichelt schneller seinen Job los als der so hart attackierte Jens Spahn.


Über den Autor

Ich bin Horst Schulte. Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt.

Mein Motto: "Bloß nicht zynisch werden..."

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