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Radikal wie die Taliban 🟣


   | Update: 22. Februar 2021   0 Kommentare 3 Min. Lesezeit

Viele – hoffe ich – wundern sich darĂŒber, dass Antisemitismus in unserem Land in solchen AusprĂ€gungen und GrĂ¶ĂŸenordnungen existiert. Jede jĂŒdische Veranstaltung, Synagogen und Schulen mĂŒssen durch Polizei geschĂŒtzt werden.

Hanau und Halle

Der versuchte Anschlag auf die Synagoge in Halle war in dieser Hinsicht »nur« ein Beispiel, das besonders viel Aufmerksamkeit erlangte. Die Wahrheit ist viel schlimmer. Und zwar deshalb, weil sich unsere Gesellschaft auf solche Erfahrungen eingestellt hat. Wir haben uns daran gewöhnt. Es klingt schrecklich, ist aber so.

Ebenso war es in Hanau. Ein Deutscher hat neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordet, das Entsetzen war groß. Gedenkfeiern helfen nicht dabei, das Problem mit Stumpf und Stiel auszumerzen.

Gleichzeitig ist die Beobachtung all der Diskussionen ĂŒber Rassismus und Fremdenfeindlichkeit fast immer geprĂ€gt, manchmal sogar ĂŒberlagert von UnverstĂ€ndnis und Ablehnung der Thesen, die von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betroffene Menschen gern als Grundlage fĂŒr einen gesellschaftlichen Diskurs nach vorn gestellt sehen möchten.

Corona und radikale Meinungen

In der Corona-Krise, die verstĂ€ndlicherweise viele von uns krass ĂŒberfordert, zeigen viele Menschen eine Seite von sich, die erschreckend ist. Extreme Meinungen und Gedanken werden von denen offenbart, die gegen eine Fortsetzung des so genannten Lockdowns sind. Die gleiche RadikalitĂ€t sehen wir allerdings auch auf Seiten derjenigen, denen die Maßnahmen der Regierung noch nicht weit genug gehen.

Zwischen den Polen unterschiedlicher Überzeugungen entwickelten sich teils krasse Sichtweisen zum Teil auch mit abwegigen oder diffusen Zuordnungen von Verantwortlichkeiten. Existenzielle Zukunftssorgen auf der einen, gesundheitliche Vorsorge auf der anderen Seite stoßen so aufeinander, dass eine Übereinkunft nicht mehr möglich scheint.

Manchmal habe ich das GefĂŒhl, als stĂŒnde die Demokratie auf dem Spiel. So radikal und unversöhnlich stoßen Meinungsbilder zusammen. Über 75 Jahre liegt ein faschistisches Regime hinter uns. Eines, das auch deshalb installiert werden konnte, weil die Menschen mit ihrer bisherigen Geschichte wenig bis keine Erfahrung mit dem entwickeln konnten, was wir Demokratie nennen. Manche glauben bis heute, dass wir die Implementation dieser bis dahin unbekannten Gesellschaftsform (von Weimar abgesehen) ohne die Hilfe der Amerikaner nicht hinbekommen hĂ€tten. Insofern sind wir womöglich zu unserem GlĂŒck gezwungen worden.

Dass westliche Demokratien bis heute glauben, sie könnten ihre Werte anderen Nationen notfalls mit Gewalt beibringen und diesen einen Sinn fĂŒr freiheitliche Strukturen, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit u.s.w. einhauchen, hat sich in den letzten Jahrzehnten als Fehlannahme erwiesen.

Wie Nazis und andere Menschenfeinde das Land aufmischen

Wenn wir Nazis und Menschenfeinde in diesem Land mit dieser Geschichte und Tradition nicht kleinhalten konnten, wie zum Teufel kommen wir nur darauf, einem Land wie Afghanistan Demokratie verordnen zu können? Ob die Amerikaner diesen »Auftrag« nun erfunden haben, um ihren Kampf gegen den Terror halbwegs rechtfertigen zu können oder nicht, wir haben uns darauf eingelassen, dabei mitgemacht und sind nun seit zwanzig Jahren in diesem Land militÀrisch engagiert. Es hat zum einen keine Friedenstradition vorzuweisen.

Anfang der 1970er Jahre endete in Afghanistan eine 40-jĂ€hrige Friedensperiode. Seither befindet sich dieses Land im Krieg. Wir stehen heute vor dem Dilemma, dass die Alliierten immer noch keinen Weg kennen, sich aus dem Land zurĂŒckzuziehen. Jeder, der sich auch nur ein bisschen fĂŒr die Lage interessiert, weiß, dass die Taliban sehnlichst darauf warten, das Kommando wieder ĂŒbernehmen zu können.

Fehlende Exitstrategien – wie bei Corona

Der Versuch, das Land von den Taliban zu befreien, ist gescheitert. Mehr noch. Die Erkenntnis ist gereift, dass »der Westen«, der ohnehin dabei ist, sich in seine Einzelteile zu zerlegen (Nationalismus), dem Land weder Frieden noch Demokratie gebracht hat. Alle Fortschritte fĂŒr die Menschen, alle Hoffnungen, die es dort zu verzeichnen gab, werden sich mit dem RĂŒckzug der Alliierten aus Afghanistan in Luft auflösen.

DarĂŒber, dass die westlichen Strategen diese Wirkung ihres »Kampfes gegen den Terrorismus« nicht bedacht haben, dĂŒrfen wir uns nicht wundern (fehlende Exitstrategie). Solche Überlegungen spielen bei Kriegstreibern nie eine Rolle. Die Maxime war bekanntlich eine andere. Und auch diese ist klĂ€glich gescheitert.

So wird es also ein bisschen so werden wie derzeit in Deutschland. Radikale, reaktionÀre KrÀfte werden erstarken und gegen die kÀmpfen, die versuchen, ein Minimum des Fortschrittes auf gesellschaftlichen Feldern (Frauenrechte, Bildungschancen) zu erhalten.

Zukunft der Demokratie

Die Auswirkungen, die die Pandemie auf die StabilitĂ€t ganzer Gesellschaften möglicherweise noch haben wird, können umso schwerwiegender sein, je weniger Zuspruch und gesellschaftliche SolidaritĂ€t die gewĂ€hlten Vertreter unseres Gemeinwesens erfahren. Wir wissen, dass Politiker aller Lager von Extremen nicht nur verbal angefeindet, sondern mit Morddrohungen ĂŒberzogen werden.

Diesen Grad an Unzivilisiertheit und Dummheit hĂ€tte ich vor 10 oder 15 Jahren nicht fĂŒr möglich gehalten. Die Verantwortung fĂŒr diese Entwicklung liegt auch bei den Medien. Zu viel ist ungesund. Das gilt am Ende auch fĂŒr alarmistische Bericht der Medien. Irgendwann stumpfen die Leute ab und nehmen Gefahren vielleicht gar nicht mehr als solche wahr.



Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurĂŒck. Damals habe ich dieses schöne Hobby fĂŒr mich entdeckt. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Dass mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

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