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Wagenknecht schien bei Lanz auf verlorenem Posten

Manche Verschwörungstheoretiker bei Twitter erkannten glasklar Absprachen aller Teilnehmer zuungunsten von Sahra Wagenknecht. Der Moderator und die vermutlich linksgrüne Journalistin Anja Maier sollen sich gegen Wagenknecht abgesprochen haben.

Dass kontroverse Standpunkte in diesen Zeiten selten widerspruchslos bleiben, ist bei vielen immer noch nicht angekommen. Viele können andere Meinungen nicht ertragen. Wenn Begriffe wie Toleranz oder Kompromiss laufend diffamiert und entwertet werden, ist das kein Wunder. Diesen Eindruck bekommst du, wenn du dich unter dem Hashtag #Wagenkecht, wahlweise auch #Lanz bei Twitter umschaust.

So unterschiedlich sahen es die ZuschauerInnen

Ich hingegen fand die Diskussion gestern Abend ausgesprochen anregend und interessant. Das ist auch deshalb so, weil mir Wagenknechts Thema, das sie eigens in einem Buch verarbeitet hat, sehr gefällt.

Ich stimme voll und ganz mit ihr überein, dass sich Teile der linksgrünen Elite in lächerlich überzogener Art und Weise verzettelt haben. Mit Wagenknechts Argumenten und Schlussfolgerungen scheinen mir die stabil schlechten Umfrageergebnisse für SPD und Linkspartei ein Stück weit erklärbar.

Es ist interessant mitzuerleben wie selbstverständlich die Scharmützel zwischen Parteigenossen ausgetragen werden. Dabei ist doch klar, wie das nur zum Teil eingefangene Zerwürfnis zwischen Thierse und Kühnert (SPD) in der Öffentlichkeit angekommen ist.

Das alles »nur«, um die Interessen auch von Kleinstgruppen innerhalb unserer Gesellschaft zu schützen. Ich finde das grundsätzlich zwar richtig. Aber auch hier macht die Menge das Gift!

Nicht allein die ehrabschneidende Verfolgung bei Twitter nach einem sprachpolizeilichen Fehltritt geht mir auf den Nerv, sondern vor allem das Ein- und Unterhaken gewisser Randgruppen-Prediger. Sie vermitteln den Eindruck, dass nicht nur alles auf den Prüfstand gehört, sondern die komplette Gesellschaft sich gefälligst nach ihren Vorstellungen, ihrem Gutdünken zu richten hat. Es muss alles schnell gehen. Kein Stein soll dabei auf dem anderen bleiben. Als ob die Leute nicht schon genügend Angst und Sorgen vor dem hätten, was seit Jahren »in der Luft« liegt.

Ich bin auch der Meinung, dass diskriminierungsfreie Gesellschaften wünschenswert sind.

Die so vernünftige Sahra Wagenkecht…

Allerdings finde ich keine vernünftige Erklärung dafür, dass dieser Gesellschaft alle bis dahin gemachten Fortschritte abgesprochen werden. Manche Leute neigen dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten, in dem sie einfach alles infrage stellen.

Wenn solche Leute so radikale Ziele formulieren und sie mit radikalen Worten und Forderungen untermauern, werden wir keine Freunde – Punkt.

Wenn Randgruppen andere Randgruppen heftigst dafür kritisieren, dass sie einem notwendigen progressiven Wandel entgegenstehen (also die schon legendären alten, weißen Männer), werden diese sich nicht nur nicht überzeugen lassen, sondern zu allen reaktionären Registern greifen. Ich glaube, dass in der Geschichte jede Form von Übertreibung die Neigung hat, zu erbittertem Widerstand zu führen.

Ich maße mir nicht an, zu bestimmen, was an der Identitätspolitik überzogen ist. Aber ich empfinde die Vorgänge, die über die MeToo – Bewegung, BLM oder FFF gesellschaftlich stattfinden und die von krass spaltenden Parolen und Aussagen von AktivistInnen einhergehen, kontraproduktiv. Ich denke trotzdem, dass man mir deshalb nicht die reaktionären Eigenarten des alten, weißen Mannes aufs Revers pappen sollte.

Gesellschaftliche Veränderungen benötigen manchmal vielleicht zu viel Zeit. Mit Gewalt lassen sich die Zeiten nicht abkürzen bzw. solche Ziele nicht erreichen. Schon gar nicht gegen eine Bevölkerung, die aufgrund ihrer Demografie nicht zu den aufnahmebereitesten gehören wird.

Dem, was Sahra Wagenknecht über die Corona-Maßnahmen bei »Markus Lanz« gesagt hat, widerspreche ich an den meisten Stellen allerdings fundamental. Von der Unverschämtheit, die ihr Mann, Oskar Lafontaine, über Karl Lauterbach verbreitet hatte, hätte sie sich distanzieren dürfen. Aber PolitikerInnen sind auch nur Menschen. Man korrigiert ungern etwas, das aus dem unmittelbaren Dunstkreis stammt.


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5 Gedanken zu „Wagenknecht schien bei Lanz auf verlorenem Posten“

  1. Ich schätzte diese Frau immer, aber seit dieser Sendung nicht mehr.
    Das mit dem nichtimpfenlassen und dennoch um ihren Mann besorgt sein bei Rückkehr aus Berlin, ist für mich irrational. Und Rationalität war doch ihre Stärke

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  2. Bei diesem Thema machte sich bemerkbar, wie unterschiedlich die Maßnahmen gesehen werden. Es gibt viele hochgebildete Leute, die die bei dem Punkt Ansichten äußern, die die völlig irritieren. Wie denkst du ueber das Buch ueber das ja längere Zeit diskutiert wird? Gibst du ihr da recht oder verdirbt der Coronateil von gestern alles?

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    • Ich werde es nicht lesen, das gewiss.
      Populärwissenschaftliche Bucher in Politik, so sagte Habeck gestern, sind eigentlich immer eine Gratwanderung.
      Ich lese gerade eine Gesellschaftsanalyse von 2016 – da ist ungemein viel Wissen nötig, um das nachzuvollziehen/zu bestätigen. Ich in meiner Nische als Insektenkundler weiss auch nur eine Promille zu diesem Thema.

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  3. „Die Menge macht das Gift“ ist einer der wichtigsten Sätze dieses Posts. Ich bin oft genervt davon, wie radikal manche Leute auf ihrem Standpunkt beharren und alles daran ausrichten. Schlimmstes Beispiel heute: die angebliche toxische Männlichkeit, weil auf den Bildern von Einsatzkräften in den Hochwassergebieten angeblich zu viele Männer, und dazu noch weiße Männer, zu sehen sind. Was soll so etwas? Andererseits macht es mir Hoffnung, dass das alles außerhalb der Twitter- und sonstigen Bubbles kaum jemanden interessiert. Ich mache oft die Probe aufs Exempel und frage Leute aus meinem Bekanntenkreis, ob sie mir erklären können, was misogyn oder woke ist. Die meisten zucken nur ratlos mit den Schultern.

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    • Das mit den männlichen Rettungskräften hatte ich noch gar nicht gesehen. Typisch einerseits, andererseits wirklich total unglaublich. Wie kann man in dieser Lage nur in solchen merkwürdigen Kategorien denken? Es nervt mich, weil ich dachte, wir wären irgendwie längst weiter. Aber in Wahrheit drehen viele komplett durch. Den Rädelsführern sollte man einfach die Accounts stilllegen. Aber dann ginge das Gezeter mit der Meinungsfreiheit wieder los. Ich könnte dir sogar Namen von besonders schlimmen Exemplaren nennen. Aber das lass ich lieber. 🙂

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