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Wenn sogar die Kanzlerin die Con­te­nance verliert


   • | Update: 15. Februar 2021   6 Kommentare 3 Min. Lesezeit

Ich hab es auch so satt und überlegt, welchen Sinn es noch hat, über Corona zu bloggen. Anderswo boykottiert man das Thema. Ich habe Verständnis dafür.

Was mich aber immer wieder zurück an die Tastatur bringt, ist die grandiose Fehlleistung, die wir von den »professionellen Akteuren der schreibenden Zunft« geboten kriegen.

Sicher, das kann man auch anders herum sehen. Politiker in der EU und in Deutschland geben kein überzeugendes Bild ab. In anderen Ländern sieht das nicht anders aus. Das Unglück der Pandemie und ihrer Folgen teilen viele Menschen miteinander.

Medien haben Versprechungen gemacht, die Politiker*innen einhalten müssen

Zuerst haben die Medien suggeriert, dass durch die ersehnten Impfungen die Pandemie enden wird. Nur wenig später entlud sich vehement der Ärger über alle handelnden Politiker*innen, weil der Impfstoff (welch große Überraschung) nicht gleich in den erforderlichen Mengen zur Verfügung stand.

Jedes Spatzenhirn konnte wissen oder ahnen, dass nach Freigabe der Vakzine durch die staatlichen Stellen nicht überall zur gleichen Zeit erfolgreiche und reibungslose Impfaktionen anlaufen würden.

Nur nicht die Con­te­nance verlieren

Weil wir uns aber seit Langem so selbstverständlich darauf eingelassen haben, sachliche Information durch Empörung und Schuldzuweisungen zu ersetzen, läuft vieles in die falsche Richtung. Ich verstehe, dass Politiker*innen genervt sind und der öffentliche Eindruck entsteht, als verlöre selbst die bisher stressresistente Angela Merkel die Con­te­nance.

Nach Lage der Dinge hat die EU unter ihrer deutschen Chefin, Ursula von der Leyen, und – für uns Deutsche besonders ernüchternd – unter deutscher Ratspräsidentschaft Fehler gemacht. Die EU selbst scheint schwer beschädigt. Zudem leidet das Vertrauen in die deutsche Politik auf europäischer Ebene.

Langsame Prozesse in der EU – das alte »Leiden«

Hört man aber genauer hin, ist es – leider – wie immer. Wir wissen längst, dass alle Prozesse innerhalb der EU extrem langsam vonstattengehen. Jeder der 27 Nationalstaaten hat daran seinen Anteil. Ob nun die Franzosen ihren Sanofi-Konzern gegenüber den deutschen Wettbewerbern in eine vorteilhaftere Position bringen wollten, ob umgekehrt die Deutschen ihre Präferenzen für BioNTech oder Curevac durchzusetzen suchten oder osteuropäische Staaten für die neuen Vakzine (mRNA) nicht so viel Geld zahlen mochten. All diese Abstimmungen und Diskussionen kosten Zeit, mitunter viel zu viel Zeit. Diese Zeitfresser werden aber, wie immer, nicht etwa »schnöden« Nationalinteressen angelastet, sondern grundsätzlich der EU als Gemeinschaft.

Das ist kein Geheimnis. Leider schleppen die europäischen Institutionen das große Manko zum Verdruss sicher vieler Europäer mit durch Gegenwart und Zukunft.

Ranglisten – mal nicht top

Im Moment nerven die Ranglisten ganz besonders. Macht es keinen Unterschied, ob ich 10 Millionen Menschen in einem kleinen Land impfe oder eines mit über 80 Millionen in einem größeren Land? Wie steht es um personelle Ressourcen, um Infrastruktur und so weiter?

Viele tun heute sogar so, als seien die Verzögerungen durch die ordentlichen Zulassungsverfahren (EMA) die Schuld der EU. Nur wer das hinterfragt und die unterschiedlich ausgebildete Impfskepsis in vielen Ländern der EU bedenkt, kommt vielleicht darauf, dass eben diese Verfahren durchaus sinnvoll waren. Sie sind es auch noch aus heutiger Sicht! Sicher ist, dass die angespannte Lage nicht bleiben wird, wie sie sich momentan darstellt.

Hysterische Medien

Anstatt weiter die Hysterie anzufachen, die in diesen Zeiten zwangsläufig auf fruchtbaren Boden fällt, sollten die Medien sich wenigstens in dieser angespannten Krisenlage einmal an ihre eigene Verantwortung erinnern! Sie könnten doch zum Beispiel den Part übernehmen, eine gute Kommunikationsstrategie für die Regierung zu entwickeln und über ihre Wege zu verbreiten.

Oh, ich höre schon die Internet-Dauernörgler dumm daher quatschen. Sie werden eine solche Maßnahme sicher als Regierungspropaganda der Systemmedien diskreditieren.

Wir impfen die Prioritätenliste ab. Die vulnerablen Bevölkerungsgruppen werden zunächst geimpft. Vor allem also die alten, kranken Menschen. Ist das überall auf der Welt so?

Organisation der Impfungen

Warum organisieren wir die Impfungen nicht ganz anders? Zuerst sollten überall auf der Welt die vulnerablen Gruppen im Land geimpft werden und danach zu um Zug (ebenfalls nach Prioritätenfestlegung) die anderen? In Italien ist es so, dass zuerst das medizinische Fachpersonal, vor allem in Krankenhäusern, geimpft wird. Das ist ok aber es gehört zur Wahrheit dazu, dass man dort eine höhere Impfquote hat, weil es angesichts dieser anderen Priorität natürlich schneller geht.

Hier werden alte Menschen in Pflegeheimen geimpft, dann in Impfzentren, später die vielen Millionen, die zu Hause gepflegt werden. Das kostet richtig viel Zeit. Insofern werden wir in den Rankings – allein schon aufgrund des hohen Anteils alter Menschen in unserer Bevölkerung – nie vorn mitspielen.

Könnten solche Fakten in der Berichterstattung der ganzen Medien – Schimpftiradenkasper (ich kann sie schon nicht mehr alle aufzählen!) nicht auch einmal vorkommen?

Ja und? Es ist wie es ist!



Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Dass mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

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6 Gedanken zu „Wenn sogar die Kanzlerin die Con­te­nance verliert“

  1. Eigentlich ist es genau das, was mich stört. Im Grunde hat zwar keiner eine Lösung aber viele tun halt so als ob sie genau wüssten, was man tun sollte. Da fällt es schwer, die Ruhe zu bewahren, nicht?

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  2. Bei unserem Spaziergang eben trafen wir Bekannte. Ich habe das Gefühl, dass viele diese Zeit gar nicht gut überstehen werden. Die Leute sind bedrückt und durchaus nicht so wütend auf „die Politik“. Es ist also schon anders als man in den Medien vermittelt bekommt.

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  3. Recht hast du ja schon.

    Wir hatten doch schon mal irgendwann das Thema, dass man einfach mal seinen Medienkonsum „downlocken“ müsste. Morgens eine Nachrichtensendung zum Update dessen, was über Nacht passiert ist und heute ansteht, abends eine Hauptnachrichtensendung zum Stand der Dinge. Sonst nix.

    Ich schrieb zuletzt bei mir im Blögchen, dass ich stark den Eindruck habe, dass sich die Reihen der Lockdown-Orakel in der Politik schon wieder schließen, um medial die nächste Verlängerung des Lockdowns einzuleiten. Heute hat sich u.a. Altmaier eingereiht.

    Andere verlangen zu recht Perspektiven und Maßnahmen, die in irgendeinem erkennbaren Zusammenhang mit der aktuellen Lage stehen. Aber da kommt nichts.

    Die Impfstrategie wurde festgelegt und steht „alternativlos“, also unverrückbar fest. Sinken die Inzidenzen nicht schnell genug wie gewünscht, werden Verschärfungen des Lockdowns angedroht und in die Wege geleitet. Lokal oder regional extrem höhere Inzidenzen werden beklagt.

    Was ich nirgends höre, ist, dass sich jemand mal Fragen stellt, ob die Lockdown-Maßnahmen überhaupt zielführend sind. Warum gibt es an manchen Orten extreme Neu-Infiziertenzahlen und anderswo nicht? Woran liegt das? (Sicher nicht an dem angeblichem Privatparty-Gehabe der jungen Menschen)

    Könnte es z.B. sinnvoll sein, schnellstens mal Kita- und Grundschulkinder nebst zugehörigem Personal zu impfen? Vielleicht könnte man dann schnell Kitas und Schulen wieder öffnen. Ich glaube, in Israel hat man das gemacht. Ich weiß natürlich nicht, ob das wirklich was bringt. Ich bin auch kein Epidemiologe. Aber es wird ja nicht einmal über irgendetwas diskutiert.

    Und die Medien sind bei alledem auch nicht hilfreich. Da kommt nichts. Keine Ideen, keine Perspektiven. Keine Diskussionen. Geht’s wirklich nur noch um Aufmerksamkeit, um Klicks?

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  4. Fragen über Fragen. Ich hatte deinen Artikel gelesen. Ich sehe, dass der Lockdown verlängert wird. Jedenfalls läuft alles darauf hinaus. Keine Ahnung, ob die Gesellschaft die Belastungen noch lange aushält. Es gibt Menschen, die stehen bestimmt kurz vor dem Zusammenbruch. Wahr ist ja, dass von denen, die sich zu den Folgen des Lockdowns melden, überwiegend solche sind, die existenziell nicht von ihm betroffen sind. Politiker oder im weitesten Sinne Staatsbedienstete. So sehen das zumindest viele Vereinfacher, die sich lautstark in den Kommentarspalten der üblichen Verdächtigen zu Wort melden. Wenn unser Gemeinwesen diese Krise nicht in den Griff kriegt (was auch immer die genaue Zielsetzung sein könnte), so werden auch all diejenigen, die jetzt diese existenzielle Not noch nicht spüren, irgendwann davon eingeholt. Schließlich können wir uns die Kosten für diesen Staat nur leisten, weil die gesamtwirtschaftliche Leistung so gut war. Die Betonung liegt auf war.

    Die Kritik, zu wenig über die Wirkungsweise des Virus zu wissen, ist einerseits verständlich, andererseits frage ich mich, ob es überhaupt ein Land gibt, das auf diese Fragen plausible Antworten gibt? Ich glaube, nein. Es gibt Studien, die im Moment erhellend sind. Bis dann eine weitere Studie folgt, die die Ergebnisse der ersten infrage stellen. So ist das zum Beispiel mit den Ansteckungen durch Kinder und Jugendliche gelaufen und es gibt (leider) mehr Beispiele. Die Medien sind in meinen Augen das größte Problem. Sie haben sich in der Krise auf die Seite der Besserwisser und Kritikaster gestellt – unflektiert, ohne einen Bezug dazu herzustellen, dass sie selbst Teil des Problems aber nie der Lösung waren.

    Irgendwann werden Gesellschaften sich auf den Weg machen, die existenziellen Fragen zu stellen. Ist es verantwortbar, zum Schutz alter Menschen ganze Volkswirtschaften zu zerstören? Von den über 57.000 Toten in Deutschland waren keine 2000 unter 60 Jahre alt. Trotz der Tatsache, dass auch junge Menschen schwer erkranken und sterben und schwerwiegende Folgeerkrankungen haben, werden diese Fragen bald in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt werden. Allerdings bleibt auch die Frage unbeantwortet, ob man durch den so genannten Schutz von Senioren- und Pflegeheimen die Zahl der dort Verstorbenen wirklich hätte reduzieren können (Schnelltests etc.). Wie viel weniger Tote hätten wir auch in den höheren Altersklassen, wenn dort ein ordentlicher Job geleistet worden wäre. Die Schnelltests wurden (abgesehen von den Verfügbarkeitsproblemen) deshalb nicht systematisch durchgeführt, weil sich das Personal oder die Leitung der Heime nicht in der Lage sah, diese Schnelltests zusätzlich zur normalen Arbeit zu leisten. Man schrie förmlich nach Unterstützung. Diese wurde vom Bund immerhin angeboten. Aber die Soldaten durften nicht zum Einsatz kommen, weil bestimmte Haftungsfragen (so die Betreiber der Heime) nicht geklärt werden. Nee, da ist es besser, die Menschen am Virus krepieren zu lassen. Viel besser.

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