Müssen wir uns die Fähigkeit zurück erkämpfen, andere Meinungen anzuerkennen?

Immer schon gab es verschiedene Meinungen und heftigen Streit, den verschiedene Standpunkte nun einmal auslösen können. In diesen Zeiten scheint aus dieser simplen und für alle nachvollziehbaren Wahrheit ein Problem geworden zu sein. Wir lesen von zerbrochenen Freundschaften und von Familien, die sich entlang der Coronamaßnahmen entzweit hätten. Furchtbar aber vermutlich auch nicht neu.

Appell aus Wien

Wenn Hasnain Kazim, ehemaliger Spiegel-Korrespondent und heute in Wien lebender freier Autor, einen Kritiker dazu aufruft, sein verbales Verhalten zu überprüfen, nehme ich diesen Appell, der womöglich anders gemeint war, hier auf. Ich fühle mich davon angesprochen.

Wir sollten (als Gesellschaft) so nicht mehr weitermachen! Die Art und Weise, wie wir uns heute mit Andersdenkenden auseinandersetzen, hat längst nichts Konstruktives mehr. Aus meiner Sicht kommen wir beim Argumentieren kaum noch zu anderen Erkenntnissen. Das liegt daran, dass wir die Brücken zu denen, die andere Argumente vorzubringen haben, oft abgebrochen haben. Wie soll man eine Gesellschaft voranbringen, wenn systematisch missliebige Meinungen verbannt und gleichsam niedergeschrien werden?

Gegenseite / Reden erwünscht!

Es ist schwer, Argumente einer »Gegenseite« anzunehmen und dabei den Teil herauszuarbeiten, der Standpunkte einander annähern könnte. Das war in der Flüchtlingsfrage schwierig und beim Klima. Unmöglich scheint es bei den Coronamaßnahmen und beim Impfen.

Statt im Diskurs die Lösungen zu finden, verschärften wir in Deutschland (mehr als in anderen Ländern?) innerhalb kurzer Zeit die Kontroverse durch beleidigende, unangebrachte und oft genug spontane, meist sehr unüberlegte Äußerungen, die Diskussion.

Das Verrückte ist, dass dies von den meisten (auch den Gegnern der Maßnahmen) als belastend und deprimierend empfunden wird. Jedenfalls glaube ich, dass nicht mal die am härtesten gesottenen Querdenker und Impfgegner die Lage im Land als zukunftsträchtig oder zielführend ansehen.

Nicht alle sind erwünscht

Doch machen wir uns nichts vor. Es gibt unter den Gegnern aller staatlichen Maßnahmen Leute, die unter falscher Flagge segeln. Sie möchten eine andere Gesellschaft, denn sie verachten die Demokratie, ihre Institutionen und die gewählten PolitikerInnen. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Gegner der Coronamaßnahmen strikt von Rechtsextremen distanzieren würden und nicht mit ihnen in geschlossener Linie protestieren (Spazierengehen) würden.

Es ist leider nicht damit getan, diese Forderung umzusetzen. In Deutschland sehen wir zurzeit eine besondere Hartleibigkeit der Politik, wenn es um die Suspendierung der Coronamaßnahmen geht. Vielleicht trifft der in manchen Medien geäußerte Verdacht zu, dass »die Politik« die Sorge hat, im Nachgang zur Pandemie für die Fehler zur Verantwortung gezogen zu werden, die vermeintlich und tatsächlich in großer Zahl in den letzten zwei Jahren gemacht wurden?

Damit meine ich nicht die feuchten Träume der rechtsextremen AfD, die den Tag herbeisehnt, an dem sie die Macht im Land übernehmen wird, um die gehassten Demokraten der anderen Parteien vor irgendwelche [sic?] Gerichte zu stellen. Allein dieser häufig zum Ausdruck gebrauchte Wunsch der Rechtsextremen macht deutlich, was sie mit Deutschland im Schilde führen.

Wenn selbst ein Urgestein und führendes Mitglied der AfD wie Jörg Meuthen sich von dieser Partei distanziert, sollten alle andern Mitglieder die Chance ergreifen und sich von diesem Misthaufen zu distanzieren und ebenfalls schnellstens aus dieser mutmaßlichen Nazi-Partei auszutreten.

Unterschiede je nach Land

Zurück zu dem, was mich eigentlich zu meinem Artikel bewogen hat. Ich wollte nicht zusätzliches Wasser in den demokratischen Wein schütten, sondern dazu aufrufen, sich endlich wieder unseren Grundüberzeugungen zuzuwenden. Wenn die EU schon ihre Werte verrät (Flüchtlinge), wir haben in Deutschland eine Verpflichtung nicht nur dem Ausland, sondern vor allem uns selbst gegenüber einzuhalten! Daran darf uns die Pandemie nicht hindern.

Es gibt viele prominente Leute bei Twitter mit großer Reichweite, die ich während der Pandemie radikal blockiert habe. Es verstört und verwirrt mich, wenn kluge und gebildete Leute mit hohen akademischen Graden sich als Verschwörungstheoretiker gerieren. Dass sogar SatirikerInnen sich darin versuchen, eine eigene Position zu Corona zu etablieren und dabei in ihren Programmen vor nachweisbaren Lügen nicht haltmachen, ist schwer zu verstehen. Für mich jedenfalls.

Fehlbare Wissenschaftler

Vielleicht sind die Differenzen darauf zurückzuführen, dass alle Seiten, die Wissenschaft inklusive, während der beiden vergangenen Coronajahre nicht immer geglänzt haben. Und am Ende sind die Positionen nicht immer so weit voneinander entfernt, wie wir das in dieser langen schweren Zeit wahrgenommen haben.

Letztlich ist es so, dass wir uns in Zukunft wieder in die Augen sehen, miteinander leben und arbeiten müssen, um die schweren Aufgaben, die vor uns liegen, gemeinsam bewältigen zu können.

Deshalb mein Appell. Haltet euch bei Twitter und in euren öffentlichen Äußerungen ab sofort zurück. Bedenkt, welche Verletzungen eure Worte bei »den anderen« auslösen. Es ist notwendig, unterschiedliche Meinungen anzuhören und – wenn auch nicht immer – in eigene Klärungsprozesse einzubeziehen. Man muss die Argumente der Gegenseite nicht nur hören, sondern diese reflektieren und mit den eigenen abgleichen. Mag das noch so schwerfallen.

Nur so kommen wir zu einem verlässlichen und kohärenten Meinungsbild, das über den Tag hinaus tragfähig ist. In der Coronapandemie haben wir (ich jedenfalls) diese Fähigkeit in nicht geringem Umfang verloren. Das will ich unbedingt korrigieren. Macht ihr mit?

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