Muss ich mich schämen, weil ich Angst vor einem Krieg habe?

Die Feiglinge, die sozial Verwahrlosten werden aussortiert

Den Segen moderner Kommunikationsinstrumente dürfen wir alle täglich aufs Neue erleben. Ein Blick auf die Twittertimeline und der Tag ist gelaufen.

Zum Glück sind wir nicht mehr nur zum Empfangen von Nachrichten der Mainstreammedien vergattert, sondern können uns simultan – seltener, nachdem wir etwas nachgedacht haben – mit dummen, klugen, gerechten und ungerechten Worten an eine Gesellschaft wenden oder wenigstens an »unsere Blase«.

Wir sind nicht mehr bloß Empfänger, die Nachrichten verdauen und verwerten, sondern nutzen oft in ziemlich zermürbender Einseitigkeit die Kanäle, die zur Verfügung stehen.

Dass wir uns auf der anderen Seite immer schwerer damit tun, andere Meinungen wertzuschätzen, geschweige denn anzuerkennen und – was schlimmer ist! – die Individuen, die sie äußern, achten, ist paradox. Debattenkultur in der Art, wie sie von den Gründern und begeisterten Erstnutzern der Neuen Medien wohl nicht intendiert waren.

Elon Musk will Twitter reformieren und zu einer Plattform echter Demokratie machen. Was in den Augen vieler bedeuten könnte, dass Ex-Präsident Trump zu Twitter zurückkehrt, um sein penetrantes Mobbing und seine Lügen zu verbreiten. Musk machts möglich, dass verbale Gewalt und Lüge unreguliert stattfindet. Die »Telegram«-Herrscher sind also vielleicht schon bald wieder auf Twitter.

Damit ich nicht missverstanden werde: Harte Auseinandersetzungen über wichtige Themen müssen sein. Ein Meme, ein, zwei Sätze oder ein Schimpfwort so als Ausdruck allgemeiner »Wertschätzung« gehört nicht dazu!

Nicht alle, die an Twitter-Debatten teilnehmen, werden einen Nutzen daraus ziehen. Das wäre wünschenswert und man wird sich das theoretisch vielleicht von der Nutzung asozialen Netzwerke versprochen haben.

Ich nehme allerdings eher an, dass die meisten, die sich mal in eine solche »Debatte« eingemischt haben, sich nach dem 3. Tweet frustriert zurückziehen. Von Trollen ist da nicht die Rede, sondern von solchen, die ihre Standpunkte austauschen und dann in die Schlacht ziehen, um die gegnerische Blase verbal aufzumischen. Wenn es wenigstens so wäre…

Ich glaube, die Art und Weise der Debatten in den asozialen Netzwerken tragen zu dem bei, was wir als »gesellschaftliche Spaltung« beklagen. Die Jungs und Mädels, die an Twitter hängen wie an ihrem Augapfel, sehen das bekanntermaßen anders.

— Das war nur das »Vorwort«!

Nicht nur Parteipräferenzen und politische Ortsbestimmungen, auch Umfragewerte tendieren offenbar in zunehmendem Maße zur Volatilität.

Im März waren die meisten Befragten noch der Ansicht, dass Deutschland keine »schweren Waffen« an die Ukraine liefern sollte. Im April lagen die Lager schon gleichauf. Je nach Umfrage variierten die Ergebnisse stark.

Inzwischen ist die Tendenz klar. Die Deutschen möchten mitmischen. Mehr als alles andere wollen sie nicht als die vermeintlichen Außenseiter im Lager der Ukraine-Unterstützer gelten.

Phalanx von Medien und Opposition

Nachdem viele zunächst damit leben konnten, dass die neue Regierung für ihre zögerliche und unklare Haltung von Journalisten und Opposition kritisiert wurde, empfanden immer mehr Leute die abstinente Zurückhaltung ihres Landes, das – wie immer betont wurde – als viertgrößter Waffenexporteur der Welt gilt, als Schande.

Es scheint eine Frage der Ehre, endlich mit auf der Liste der größten Waffenlieferanten, den USA und GB zu erscheinen. Zunächst hieß es, Deutschland sei nach den USA seit 2014 in finanzieller Hinsicht der bedeutendste Unterstützer der Ukraine. Inzwischen hat man diese Aussage kassiert und durch eine hintere Position auf einer Liste ersetzt, die die finanzielle Unterstützung als Prozentwert am deutschen BIP ausweist. Absolute Werte gelten nichts, wenn es den Medien relativ zumute ist.

Bestimmende Narrative

Ein Narrativ, das mit maximaler Unterstützung deutscher Medien kreiert wurde, lautet: Unsere Freiheit und unser Wertesystem werden in der Ukraine gegen Putins Russland verteidigt.

Dass die Ukraine westlichen Standards noch gar nicht entspricht, spielt keine Rolle. Sie sei – so hört man – diesbezüglich auf bestem Wege. Wirklich?

Das brutale und gleichzeitig so grandios dumme Vorgehen Putins hatten viele nicht erwartet. Er benutzte russische Propagandamedien und schrieb Essays für ausländische Medien, in denen er (woran erinnert mich das gleich wieder?) seine revisionistischen Pläne offenbarte. Gezuckt hat im Westen niemand. Jedenfalls wurde auch nach 2014 die Appeasement-Politik fortgesetzt. Hätte der Westen doch schon damals wie 2022 reagiert! Wehleidiges Klagen hilft nicht. Die Lage ist wie sie ist, und niemand weiß, wo der Diktator in Moskau seine Stopplinie sieht.

Nicht alle, die Hilfe brauchten, werden gleichstark unterstützt

Der Westen sucht sein Heil darin, die Ukraine nach besten Kräften zu unterstützen, in humanitärer als auch in militärischer Hinsicht. Die geschundenen Soldaten und die von Putins verbrecherischer Armee massakrierte Zivilbevölkerung wehrt sich gegen Mord und Zerstörung. Putin steht mit seinem Angriffskrieg außerhalb der Völkergemeinschaft. Das würde ich sagen, obwohl China, Indien und einige andere Länder die Maßnahmen des so genannten Westens nicht mittragen.

China kann die russische Aggression nicht gefallen, obwohl es sich am klarsten Pro-Russland positioniert hat. Dass dieser Aspekt größere Aufmerksamkeit verdient, ist zwar eher für die mittel- und langfristige Zukunft der Beziehungen mit China festzuhalten. Es zeigt aber schon jetzt, dass die Globalisierung (Arbeitsteilung, Märkte) zu einem erheblichen Teil falsch war bzw. zurückgebaut werden muss. China hat in wirtschaftlicher Hinsicht sehr viel mehr zu verlieren als Russland, es lässt sich jedoch schon seit Jahren feststellen, mit welcher Aggressivität und hohem Selbstvertrauen die Chinesen ihre Interessen wahrnehmen. Russland lebt im Grunde von den Devisen, die es für seine Rohstoffe erwirtschaftet. Die russische Wirtschaft ist im Vergleich zu der Chinas immer noch miserabel aufgestellt.

Zukunft und Wettbewerb zwischen den politischen Systemen

Ich glaube, die gigantische Wirtschaftsmacht China wird sich ohne seine Exporte nicht im gewünschten Umfang weiterentwickeln können. Deshalb liegt die Entwicklung durch die russische Aggression sicher nicht im chinesischen Interesse, auch wenn Solidaritätsadressen ausgetauscht werden. Die Frage wird allerdings drängender, wie wir mit dem Partner China zukünftig umgehen sollten. Für Deutschland ist das elementarer als für andere Volkswirtschaften.

Dass wir im Westen so tun, als seien wir gezwungen, uns mit autokratischen und diktatorischen Regimen (China und Russland) zu messen, halte ich für wenig selbstbewusst.

Wieso verteidigt die Bevölkerung der Ukraine ihre noch junge Nation so vehement und mit so viel Herzblut? Vor allem doch deshalb, weil sie die Fremdbestimmung durch eine diktatorische Zentralmacht lange genug erleiden musste. Die Reaktionen der westlichen Nachbarn Russlands sprechen in dieser Beziehung dieselbe Sprache.

Welche Lehren ziehen Menschen aus den Schicksalen früherer Generationen?

Im Westen haben die Bevölkerungen dieses Gefühl zum Glück seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nie kennengelernt. Schaut man sich die Wahlbeteiligungen in unseren Demokratien an (Frankreich) könnte man denken, andere Gesellschaftsformen wären wünschenswert. Dann fällt mir unwillkürlich Churchills Zitat ein.

Wir engagieren uns für unsere Freiheit, weil die Mehrheiten in demokratischen Ländern den Glauben an die Demokratie nicht begraben haben, selbst wenn die Wahlbeteiligungen und manche Demo etwas anderes signalisieren.

Dass die Menschen in der großen Mehrheit der europäischen Länder angesichts der längsten Friedensperiode der letzten Jahrhunderte wenig Bereitschaft zeigen, sich auch nur abstrakt mit dem Furchtbaren auseinanderzusetzen, das wir mit dem Wort Krieg beschreiben, müssen wir uns nachsehen.

Pazifismus hatte schon einen besseren Ruf

Dass während all dieser Jahre die Abwesenheit von Kriegen pazifistische Grundüberzeugungen wachsen ließ, ist nicht überraschend. Der Durchschnitt der europäischen Bevölkerung mit einem Alter von über 65 Jahre beträgt 20%. In Deutschland sind es 20,6 %, in Italien sogar 22,8%. Die fortschreitende Alterung der Bevölkerung unseres Kontinents hat viele Nachteile. Ein Vorteil dieses hohen Durchschnittsalters könnte darin bestehen, dass ältere Leute sich intensiver damit auseinandergesetzt haben, was Krieg bedeutet.

Mein Vater (+2003) war 5 Jahre im Krieg und 5 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Er war trotzdem ein fröhlicher, aufgeschlossener Mensch, der übrigens nie etwas Negatives über »die Russen« gesagt hat, eher im Gegenteil. Aber er hat mir den Schrecken des Krieges auf eine Art und Weise vermittelt, die mich geprägt hat. Ich habe auch nie vergessen, wie ich als kleiner Junge die Angst meines Vaters vor einem möglichen Weltkrieg mit Atomwaffen (Kubakrise) über Tage (Wochen?) gespürt habe.

Zum Glück neige ich nicht zu Pathos. Manchmal sage ich leider. Meine Texte scheinen mir eher rau, ungeschliffen und wenig tiefgängig. Aber dafür haben wir ja Twitter, nicht wahr?

Krieg der Worte, allemal besser

Ich halte es für falsch, wie in diesen Tagen mit den Autoren des Briefes an Kanzler Scholz »umgegangen« wird. Es geht nicht darum, dass ich die Kritik an dieser dort vorgetragenen Haltung nicht nachvollziehen kann und natürlich ist Kritik daran legitim. Nicht jeder kann diese Kritik so überzeugend auf den Punkt bringen wie Wolfgang Müller.

Ich verstehe alle, die Angst davor haben, dass dieser Krieg sich ausweiten könnte und unser Europa in Flammen steht. Ich empfinde diese Angst nicht als typisch deutsch, und ich schäme mich nicht dafür. Eher sollten sich all diejenigen schämen, die die Mitunterzeichner des Briefes an Scholz in so beklagenswerter Art und Weise angehen. Wahrscheinlich schwanken viele zwischen den beiden Polen hin und her.

Einmal möchte man den Ukrainern helfen, vielleicht ganz ohne Rücksicht auf irgendwelche eigenen Risiken. Dann aber denke ich an unsere Kinder und Enkel und was geschehen würde, wenn sie im schlimmsten Fall mit den Folgen einer atomaren Auseinandersetzung leben müssten, falls das dann überhaupt noch ginge.

Schließlich sind wir alle überfordert mit all den Herausforderungen, denen wir ins Auge sehen oder von denen wir heute ahnen, dass sie uns schon bald begegnen können. Ja, ich denke an die Folgen der Erderwärmung und an die Auswirkungen einem sich auch deshalb ganz unvorhersehbar entwickelnden Lebensumfeld. Dass wir mit unvorhersehbaren Bedrohungen nicht gerade souverän umgehen, hat sich während der Coronapandemie schließlich gezeigt. Dass ich das nicht auf Deutschland allein beziehe, will ich ergänzen.

Putins Verbrechen

Abschließend noch ein Gedanke, den ich nicht loswerde: Als Putin als Einstiegsgeschenk als russischer Staatschef Tschetschenien zerstört hat, hat uns das nicht die Bohne interessiert. Oder? Wir haben ein paar Bilder der geradezu apokalyptischen Zerstörung der Hauptstadt Grosny im Kopf behalten und vielleicht eine Vorstellung davon, was die Menschen in diesem Land erlitten haben. Welche Vorwände Putin damals benutzte, um seine brutale Kriegsführung zu rechtfertigen, interessierte uns kaum. Der Krieg gegen die bösen Muslime war fast legitim. Dass die Wahrheit eine andere war, wurde kaum thematisiert.

Hätten wir damals nicht anders handeln müssen? Putins Propagandalügen haben schon damals prima funktioniert. Aber wenn wir ehrlich sind, wäre diese Öffentlichkeit nie darauf gekommen, in dieser allgemeinen Weltlage die Motive Putins in Zweifel zu ziehen und überhaupt, schließlich gings doch in Tschetschenien um eine Bevölkerung, die zu einem großen Teil muslimisch war. Da ziehen wir feine Linien. Es starben während des zweiten Krieges unter Putins Herrschaft über 160.000 Menschen. Diese Zahl ist nicht offiziell abgesichert.

Wenn Putin weitermacht

Was ich sagen will: Hätten wir angesichts dieser menschlichen Tragödie auch anders handeln und die Gegner Putins mit Waffen und viel Geld ausstatten müssen? Wir reden über Georgien, Moldau (Transnistrien), aber die schrecklichen Kriege in Syrien oder Tschetschenien kamen im Vergleich zur Ukraine kaum vor. Natürlich liegen diese Fälle anders. Wenn unsere immer auch mit moralischen Ansprüchen aufgepumpten Interventionen glaubwürdig wären, täte man sich etwas weniger schwer.

Möglicherweise ist es aber auch richtig (pragmatisch und vernünftig), dass wir uns diese Welt immer wieder neu anschauen und am Ende auch zu unterschiedlichen und nicht immer konsistenten Antworten kommen.

Bitte, geht vernünftig miteinander um. Auch wenn das immer schwerer fällt.

Beitragsfoto von (sofern nicht von mir oder nicht Public Domain):

Gelbe Flut