Die Bauern sind nicht unser ökologischer Sündenbock

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Ich habe ein Problem damit, wenn komplexe gesellschaftliche Entwicklungen auf einmal einem eher übersichtlichen Kreis von Schuldigen zugewiesen werden. Bei der Landwirtschaft scheint mir genau das immer häufiger zu passieren. Die Bauern haben zu viele Tiere, düngen zu viel, verbrauchen zu viel Wasser, zerstören die Artenvielfalt, räumen die Landschaft aus und tragen mit ihren Treibhausgasen zur Erderwärmung bei. Und wenn Hitze und Dürre dann die Ernten bedrohen, sollen sie gefälligst nicht nach staatlicher Hilfe rufen, sondern erst einmal vor der eigenen Tür kehren.

So ungefähr liest sich manches, was derzeit über die Landwirtschaft geschrieben wird. Besonders drastisch fand ich die Formulierung, die deutsche Landwirtschaft habe durch Naturzerstörung die Landschaft „in einen Backofen verwandelt“. Das ist ein starkes Bild, aber vielleicht gerade deshalb ein schlechtes. Denn natürlich gibt es die Probleme. Eine Gegenposition, die Methanemissionen aus der Tierhaltung, Lachgas aus gedüngten Böden, Pestizide, ausgeräumte Landschaften oder den Verlust von Biodiversität einfach wegreden wollte, wäre genauso unseriös wie die pauschalen Vorwürfe, gegen die ich mich hier wende. Die entscheidende Frage lautet für mich deshalb nicht, ob die Landwirtschaft Verantwortung trägt. Natürlich tut sie das. Die Frage ist, wer eigentlich welche Verantwortung für das Agrarsystem trägt, das wir heute haben.

Wir wollten diese Landwirtschaft

Unsere Landwirtschaft ist ja nicht irgendwann nachts von ein paar Bauern heimlich erfunden worden. Sie ist, wie sie heute mit den vielen Subventionen „funktioniert“, das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung, die politisch gewollt, wirtschaftlich gefördert und von uns Verbrauchern angenommen wurde. Höhere Produktivität, größere Betriebe, Spezialisierung, Flurbereinigung, Mechanisierung, möglichst niedrige Lebensmittelpreise und internationale Wettbewerbsfähigkeit waren über Jahrzehnte keine heimlichen Wünsche einiger Bauernfunktionäre, sondern politische und gesellschaftliche Ziele. Die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union hat diese Entwicklung maßgeblich geprägt und prägt bis heute die Bedingungen, unter denen Bauern wirtschaften. Die Folgen, die wir heute sehen, sind nicht erfreulich und wohl auch häufig nicht im Interesse unserer Bauern.

Inzwischen verlangt die Politik zu Recht mehr Klima-, Umwelt- und Naturschutzleistungen. Zahlungen werden an Umweltauflagen gebunden, zusätzliche ökologische Leistungen können honoriert werden. Aber schon daran sieht man, wie widersinnig es ist, den einzelnen Bauern so zu betrachten, als könne er vollkommen frei entscheiden, welche Landwirtschaft er betreibt. Er wirtschaftet innerhalb eines Systems aus Agrarpolitik, Förderbedingungen, Weltmarktpreisen, Lebensmittelindustrie, Handel und Verbrauchern. Und wir Verbraucher gehören nun einmal dazu. Möglichst hohe Anforderungen an Tierwohl, Natur- und Klimaschutz zu stellen und anschließend beim Einkauf doch wieder zuerst auf den Preis zu schauen, ist eine unserer weniger sympathischen gesellschaftlichen Spezialitäten.

Verantwortung haben die Bauern trotzdem

Nun möchte ich die Sache allerdings nicht ins Gegenteil verkehren. Bauern sind keine willenlosen Opfer eines bösen Systems. Selbstverständlich treffen Landwirte Entscheidungen, und selbstverständlich können diese Entscheidungen der Natur schaden. Auch Interessenverbände wie der Deutsche Bauernverband verdienen kritische Begleitung. Eine Lobbyorganisation ist schließlich dazu da, die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Wenn Umweltauflagen abgelehnt oder abgeschwächt werden sollen, muss man darüber streiten dürfen. Und wenn Veränderungen notwendig sind, darf wirtschaftlicher Widerstand nicht automatisch das letzte Wort haben.

Nur stimmt eben auch die gern vermittelte Vorstellung nicht, der Bauernverband verweigere sich grundsätzlich dem Klimaschutz. Der Verband hat sich ausdrücklich zu einer Verringerung landwirtschaftlicher Treibhausgasemissionen bekannt. Man kann über einzelne Forderungen des Verbandes streiten – etwa über Tierbestände, Methanemissionen oder darüber, wie weit Umweltauflagen gehen müssen. Das tue ich durchaus. Aber zwischen „Ich halte diese Position des Bauernverbandes für falsch“ und „Die Bauern müssen endlich mit dem Klimaschutz anfangen“ liegt ein ziemlich großer Unterschied.

https://www.bauernverband.de/dbv-positionen/positionen-beschluesse/position/positionspapier-zum-klimaschutz

Hinzu kommt eine Besonderheit, die in dieser Debatte gern untergeht. Landwirtschaftliche Emissionen entstehen zu erheblichen Teilen durch biologische Prozesse. Rinder produzieren bei ihrer Verdauung Methan, gedüngte Böden setzen Lachgas frei. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass diese Emissionen in ihrer heutigen Höhe unvermeidbar wären. Sie können und müssen reduziert werden. Aber Landwirtschaft produziert nun einmal Lebensmittel. Eine Kohleverstromung kann man durch Wind- und Sonnenenergie ersetzen. Bei der Produktion von Brot, Kartoffeln, Gemüse oder Milch funktioniert diese Logik nicht ganz so einfach. Gerade deshalb wäre eine vernünftige Debatte darüber, wie wir Lebensmittel möglichst klima- und naturverträglich erzeugen, erheblich sinnvoller als die moralische Sortierung in gute und schlechte Akteure.

Landwirtschaft kann zudem selbst Teil der Lösung sein: durch Humusaufbau, Erhaltung von Grünland, Hecken, Agroforstsysteme, schonendere Bodenbearbeitung, Moorbodenschutz oder erneuerbare Energien. Solche Leistungen müssen sich für einen landwirtschaftlichen Betrieb allerdings auch wirtschaftlich darstellen lassen. Wer von einem Bauern verlangt, Flächen zugunsten der Biodiversität anders oder weniger intensiv zu bewirtschaften, kann dessen Einkommensverlust anschließend nicht einfach zu seinem Privatvergnügen erklären. Dass Umwelt- und Klimaleistungen finanziell honoriert werden, ist deshalb nicht irgendein Geschenk an die Landwirtschaft, sondern eine logische Konsequenz gesellschaftlicher Anforderungen.

https://www.bmel.de/DE/themen/landwirtschaft/eu-agrarpolitik-und-foerderung/direktzahlung/oeko-regelungen.html

Ausgerechnet die Bauern spüren den Klimawandel zuerst

Was mich an manchen Kommentaren besonders stört, ist dieser beinahe schadenfrohe Unterton, sobald Bauern wegen Hitze, Dürre oder Ernteausfällen Unterstützung verlangen. Nach dem Motto: Ihr habt den Klimawandel mitverursacht, jetzt lebt gefälligst mit seinen Folgen. Wenn wir dieses Prinzip ernst nähmen, müssten wir es allerdings konsequenterweise auch auf andere anwenden. Müssten Beschäftigte der Autoindustrie nach einem Hochwasser auf staatliche Unterstützung verzichten, weil der Straßenverkehr CO₂ emittiert? Darf ein Hauseigentümer keine Hochwasserhilfe bekommen, weil seine Gasheizung zum Klimawandel beigetragen hat? Natürlich wäre das Unsinn.

Ausgerechnet Bauern leben unmittelbar von einigermaßen stabilen natürlichen Bedingungen. Ein Büroangestellter kann einen heißen Sommer beklagen und die Klimaanlage einschalten. Der Landwirt kann seinem Weizen keine Klimaanlage auf den Acker stellen. Dürre, Starkregen, Spätfrost, Hagel und extreme Hitze können ihm innerhalb weniger Tage einen erheblichen Teil seiner wirtschaftlichen Grundlage nehmen. Dass gerade diese Menschen ein existenzielles Interesse an Klimaschutz und Klimaanpassung besitzen, sollte eigentlich einleuchten. Das schließt Interessenkonflikte nicht aus und macht aus jedem Landwirt noch keinen Naturschützer. Aber es passt eben auch schlecht zu dem Bild einer Berufsgruppe, der man erst noch erklären müsse, dass sich das Klima verändert.

Und dann wäre da noch unsere eigene Rolle

Vielleicht stört mich deshalb diese moralische Überheblichkeit gegenüber „den Bauern“ so sehr. Sie erspart uns die unangenehme Frage nach der eigenen Beteiligung. Wir wollten jahrzehntelang billige Lebensmittel. Wir wollten jederzeit Fleisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse in großer Auswahl. Die Politik wollte international wettbewerbsfähige Betriebe, der Handel zuverlässig große Mengen zu möglichst niedrigen Einkaufspreisen, und die Agrarpolitik setzte entsprechende Anreize. Die Bauern haben ihre Betriebe diesen Bedingungen angepasst. Manche stärker, manche weniger stark, manche vielleicht auch viel zu bereitwillig. Aber sie haben dieses System nicht allein geschaffen.

Heute betrachten wir das Ergebnis und fragen empört: Was haben diese Leute bloß mit unserer Landschaft gemacht? So einfach sollten wir es uns nicht machen. Natürlich muss sich Landwirtschaft verändern. Sie muss Emissionen weiter senken, Böden schützen, Wasser sparsamer verwenden und der Natur wieder mehr Raum geben. Auch der Bauernverband wird sich unbequemen Veränderungen stellen müssen und kann nicht jede ökologische Forderung mit Wettbewerbsfähigkeit oder Ernährungssicherheit abwehren. Aber diese Transformation ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn wir eine andere Landwirtschaft wollen, müssen wir die ökonomischen Bedingungen dafür schaffen und bereit sein, ihre Kosten zu tragen.

Bauern dürfen kritisiert werden, ihre Lobbyverbände erst recht. Was wir jedoch nicht brauchen, ist ein neuer Sündenbock. Schon gar nicht einen, dem wir jahrzehntelang gesagt haben, unter welchen Bedingungen er möglichst viel und möglichst billig produzieren soll, dessen Produkte wir ebenso lange gern gekauft haben und dem wir nun vorhalten, er habe unsere Landschaft in einen Backofen verwandelt. Das ist mir entschieden zu einfach.

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