Vielleicht beginnt das Problem schon damit, wie wir über diesen Konflikt reden.
Für viele Menschen, die den Klimawandel und seine Folgen ernst nehmen, ist die Sache längst entschieden: Wir wissen seit Jahrzehnten, was passiert, wir kennen die Ursachen, und trotzdem handeln Politik und Gesellschaft viel zu langsam. Irgendwann liegt der Gedanke nahe, diejenigen, die weiterhin bremsen oder sogar zurückwollen, hätten entweder nichts verstanden oder wollten nichts verstehen.

Ich kenne diesen Gedanken gut. Man fragt sich tatsächlich, wie jemand angesichts der inzwischen vorhandenen Erkenntnisse noch so tun kann, als ließe sich das Problem durch Ignorieren erledigen.
Aber genau an diesem Punkt stecken wir fest.
Nicht die Dummen gegen die Vernünftigen
Wenn wir die Klimakatastrophe als Auseinandersetzung zwischen den Vernünftigen einerseits und den Dummen oder Verantwortungslosen andererseits beschreiben, haben wir zwar unserem Ärger Luft gemacht. Politisch haben wir damit allerdings nichts gewonnen.
Im Gegenteil.
Denn die andere Seite besitzt ihre eigene Geschichte über diesen Konflikt. Dort stehen nicht die Vernünftigen den Dummen gegenüber, sondern angeblich normale Menschen einer überheblichen politischen und akademischen Elite. Einer Elite, die ihnen vorschreiben will, womit sie heizen, welches Auto sie fahren, was sie essen und wie sie leben sollen.
Beide Seiten erleben sich selbst als vernünftig und die andere als Bedrohung.
Damit ist (auch bei diesem Thema) aus einer Sachfrage ein Kulturkampf geworden.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass beide Seiten in der Sache gleichermaßen recht hätten. Die physikalischen Grundlagen des menschengemachten Klimawandels werden nicht dadurch unsicher, dass eine politische Partei sie bestreitet. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind keine Meinung, die durch eine Gegenmeinung automatisch relativiert wird.
Aber aus einer richtigen Diagnose folgt noch nicht automatisch die eine, die einzig richtige Politik.
Genau diese Unterscheidung geht im Kulturkampf verloren.
Man kann Klimaschutz kritisieren, ohne den Klimawandel zu leugnen
Über das Ziel sollte eigentlich weit weniger gestritten werden als über den Weg dorthin.
Wie schnell müssen wir aus fossilen Energien aussteigen? Welche Belastungen sind zumutbar? Wer trägt die Kosten? Welche Technologien setzen wir ein? Was geschieht mit Regionen, deren Wohlstand jahrzehntelang an Kohle oder energieintensiver Industrie hing?
Das sind politische Fragen. Darüber darf nicht nur gestritten werden, darüber muss gestritten werden.
Problematisch wird es, wenn aus der Ablehnung einer bestimmten Klimapolitik die Ablehnung oder Negierung des Problems selbst wird.
Wer das Heizungsgesetz schlecht fand, hat damit nicht bewiesen, dass CO₂ keine Wirkung auf das Klima hat. Wer Windräder vor seiner Haustür ablehnt, widerlegt damit keine Klimamodelle. Und wer die Grünen nicht ausstehen kann, kann deshalb schlecht erwarten, dass sich Naturgesetze aus Solidarität ebenfalls von ihnen abwenden.
Dem Klima ist ziemlich egal, wen wir wählen.
Im Rheinland lässt sich dieser Konflikt besichtigen
Ich erlebe das unmittelbar in unserer Region.
Braunkohle war hier über Generationen nicht einfach irgendein Energieträger. Sie bedeutete Arbeitsplätze, Einkommen, Wohlstand und für viele Familien ein Stück Identität. Ganze Orte und Biografien hängen daran.
Wer von außen sagt, die Braunkohle müsse verschwinden, redet deshalb für manche Menschen nicht nur über CO₂. Sie hören darin auch eine Abwertung dessen, wovon sie und ihre Familien jahrzehntelang gelebt haben.
Die Grünen haben sich hier bei vielen Menschen ihren Ruf gründlich versaut. Inzwischen werden klimapolitische Forderungen teilweise nicht mehr danach beurteilt, ob sie sinnvoll sind. Es reicht, dass sie von den Grünen kommen.
Das halte ich für fatal.
Natürlich kann man grüne Politik kritisieren. Man kann über Tempo, Kosten, Verbote und handwerkliche Fehler streiten. Aber aus der Abneigung gegen eine Partei darf keine Abneigung gegen Tatsachen werden.
Genau das geschieht jedoch zunehmend.
Auch Klimaschützer haben zum Kulturkampf beigetragen
Zur Wahrheit gehört allerdings auch die andere Seite.
Wer Menschen jahrelang den Eindruck vermittelt, ihre Lebensweise sei nicht nur klimaschädlich, sondern moralisch minderwertig, schafft keine Bereitschaft zur Veränderung. Er erzeugt Trotz.
Aus „Wir müssen unsere Emissionen reduzieren“ wurde in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwann: weniger Auto, weniger Fleisch, weniger Fliegen, anders heizen, anders wohnen – und möglichst mit schlechtem Gewissen.
Manches davon mag sachlich begründbar sein. Politisch ist die Summe trotzdem explosiv.
Denn Menschen verteidigen nicht nur ihren Geldbeutel. Sie verteidigen Gewohnheiten, Status, Heimat und das Gefühl, selbst über ihr Leben bestimmen zu dürfen.
Wer darüber hinweggeht, darf sich über Widerstand nicht wundern.
Das macht diesen Widerstand nicht automatisch vernünftig. Aber es erklärt ihn.
Und ohne ihn zu verstehen, wird man ihn kaum überwinden.
Warum solche Artikel kaum etwas verändern
Das erklärt vielleicht auch, weshalb Artikel über Klimafolgen durchaus gelesen werden und trotzdem erstaunlich wenig bewirken.
Wir lesen solche Texte nicht mehr unbefangen.
Wer Klimaschutz für dringend hält, findet darin eine weitere Bestätigung. Wer Klimapolitik inzwischen grundsätzlich misstraut, liest denselben Artikel möglicherweise als Übertreibung, Panikmache oder Teil einer politischen Kampagne.
Die Fakten treffen auf bereits befestigte Weltbilder.
Eine Dürre ist für den einen ein weiteres Warnsignal. Der andere erinnert daran, dass es früher ebenfalls heiße Sommer gegeben habe. Neue Informationen werden nicht mehr danach bewertet, wie überzeugend sie sind, sondern danach, ob sie zum eigenen Lager passen.
Das ist vermutlich eine der gefährlichsten Folgen dieses Kulturkampfes.
Denn irgendwann streiten wir nicht mehr darüber, was aus denselben Tatsachen politisch folgen sollte. Wir streiten darüber, ob wir überhaupt noch dieselben Tatsachen anerkennen.
Trump zeigt, wohin das führen kann
In den USA ist diese Entwicklung besonders weit fortgeschritten. Unter Trump gehört die Ablehnung von Klimapolitik für Teile der politischen Rechten geradezu zur eigenen Identität.
Das ist bemerkenswert.
Nicht eine einzelne Maßnahme wird abgelehnt. Die Ablehnung selbst wird zum politischen Bekenntnis.
Was die Gegenseite will, muss falsch sein.
Damit verschmilzt der Klimastreit mit anderen Konflikten: Stadt gegen Land, akademische gegen nichtakademische Milieus, Modernisierung gegen Bewahrung, Globalisierung gegen nationale Orientierung.
Der Klimawandel wird dadurch zum Stellvertreterkrieg für gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die mit CO₂ teilweise überhaupt nichts zu tun haben.
Klimapolitik muss wieder konkret werden
Aus diesem Schlamassel kommen wir vermutlich nur heraus, wenn wir Problem und politische Lösung wieder sauber voneinander trennen.
Der menschengemachte Klimawandel ist keine Parteiposition. Über seine physikalischen Grundlagen wird nicht im Bundestag abgestimmt.
Wie wir darauf reagieren, ist dagegen Politik.
Darüber darf gestritten werden.
Eine vernünftige Klimapolitik müsste deshalb weniger moralisieren und stärker zeigen, welchen praktischen Nutzen Veränderungen haben. Erneuerbare Energie muss nicht deshalb attraktiv sein, weil jemand dadurch ein besserer Mensch wird. Sie muss günstig, zuverlässig und verfügbar sein.
Öffentlicher Verkehr überzeugt nicht durch Appelle, sondern dadurch, dass der Bus tatsächlich kommt.
Eine klimafreundliche Heizung setzt sich leichter durch, wenn sie bezahlbar ist und funktioniert, als wenn der Staat gleichzeitig mit Verboten droht.
Und Regionen wie unsere brauchen nach der Braunkohle keine Sonntagsreden über Strukturwandel, sondern Arbeitsplätze und wirtschaftliche Perspektiven.
Vielleicht müssen beide Seiten etwas aufgeben
Die eine Seite müsste akzeptieren, dass nicht jeder Widerstand gegen eine konkrete Klimaschutzmaßnahme Ausdruck von Dummheit oder Rückständigkeit ist.
Die andere müsste endlich akzeptieren, dass die Ablehnung grüner Politik den Klimawandel nicht verschwinden lässt.
Das wäre ein Anfang.
Die Klimaschützer könnten bei der Beschreibung des Problems recht haben, ohne deshalb bei jeder politischen Lösung recht zu haben. Und ihre Kritiker könnten bei einzelnen Maßnahmen berechtigte Einwände haben, ohne deshalb das zugrunde liegende Problem bestreiten zu müssen.
Eigentlich ist das ein ziemlich banaler Gedanke.
Aber wir haben den Streit inzwischen derart mit politischer Identität, Moral und gegenseitiger Verachtung aufgeladen, dass schon diese Unterscheidung beinahe radikal wirkt.
Während wir uns gegenseitig erklären, wer von uns nicht alle Latten am Zaun hat, läuft nämlich etwas weiter, das an unserem Kulturkampf vollkommen desinteressiert ist: die Erwärmung des Planeten.
Kommentare
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