Wenn Code Gemeingut wird: Warum Deutschland hinter Frankreich zurückbleibt

Du nutzt es wahrscheinlich täglich, ohne es zu wissen. Der Firefox-Browser – Open Source. Das Android-Betriebssystem (teilweise) deines Smartphones – Open Source. LibreOffice, mit dem Millionen Menschen Texte schreiben und Tabellen erstellen – Open Source. Der Webserver Apache, auf dem ein Großteil des Internets läuft – Open Source. Und auch Nextcloud, die cloudbasierte Alternative zu Google Drive, die in deutschen Behörden und Schulen eingesetzt wird – ebenfalls Open Source, entwickelt maßgeblich von einem deutschen Team. All das ist Code, den niemand besitzt, den jeder nutzen darf und den freiwillige Entwickler rund um die Uhr am Laufen halten.

Wer den Begriff zum ersten Mal hört, denkt vielleicht an Nerds, die nachts vor Bildschirmen sitzen. Aber dahinter steckt eine Frage, die uns alle angeht: Wer hält eigentlich unsere digitale Welt am Laufen? Und was schulden wir diesen Menschen?

Eine Initiative in Deutschland gibt darauf eine klare Antwort: Open-Source-Arbeit sollte offiziell als Ehrenamt anerkannt werden. Denn ein Großteil unserer digitalen Infrastruktur stammt von Menschen, die dafür keinen Cent bekommen. Sie schreiben Code, pflegen Projekte, beheben Fehler. Oft nachts. Oft nebenbei. Ohne Absicherung, ohne Applaus.

Stell dir vor, die Feuerwehr würde so behandelt. Undenkbar. Und doch passiert genau das täglich in der digitalen Welt.

Deutschland zögert – Frankreich handelt

In Deutschland dreht sich die Diskussion bislang im Kreis. Ist Open-Source-Arbeit wirklich ehrenamtlich? Wie misst man Beiträge? Wer entscheidet, was zählt? Die Fragen sind nicht falsch – aber während wir sie stellen, läuft die Welt weiter.

Dabei gibt es Ansätze. Das vom Bundesinnenministerium gegründete Zentrum für Digitale Souveränität, ZenDiS, entwickelt mit „openDesk“ eine Open-Source-Arbeitsplattform für Behörden. Gut gemeint – aber es bleibt ein staatliches Projekt, kein Zeichen gesellschaftlicher Anerkennung für die unzähligen Freiwilligen dahinter.

Frankreich hat das verstanden. Frankreich hat als erstes Land die UN-Open-Source-Prinzipien offiziell unterstützt und setzt seit Jahren auf eine klare, verbindliche Open-Source-Strategie. Jedes Ministerium muss bis Herbst 2026 einen Umsetzungsplan für den Wechsel zu Open-Source-Software vorlegen, etwa von Windows zu Linux. Das Land fördert aktiv die Entwicklung eigener Lösungen und vernetzt Behörden mit Entwicklern, um Open Source als Bürgerpraxis zu etablieren. Dort ist Open Source längst Staatsangelegenheit.

Behörden werden verpflichtet, offene Software zu nutzen und weiterzuentwickeln – was der aktuelle Fortschrittsbericht eindrücklich dokumentiert. Und Frankreich war die erste Regierung weltweit, die die Open-Source-Prinzipien der Vereinten Nationen offiziell anerkannt hat. Das ist keine Symbolpolitik – dahinter steckt ein nüchternes Kalkül: Wer die Software kontrolliert, kontrolliert die Infrastruktur. Wer von großen Konzernen abhängt, verliert Handlungsspielraum.

Das Ergebnis: Frankreich hat digitale Unabhängigkeit aufgebaut, während Deutschland noch über Kategorien diskutiert.

Die unsichtbaren Helden des Internets

Und doch hat der französische Weg eine blinde Stelle. Der Staat fördert Projekte, baut Netzwerke auf – aber die einzelnen Menschen dahinter bleiben unsichtbar. Ihre Arbeit wird gebraucht, aber nicht gewürdigt. Keine Anerkennung, kein Dankeschön, keine Ehrennadel.

Das ist der eigentliche Kern der Debatte. Es geht nicht um Steuervorteile oder Paragrafen allein. Es geht um eine gesellschaftliche Haltung: Sehen wir, wer unsere digitale Welt trägt?

Anerkennen, ohne zu ersticken

Freilich braucht es dabei Fingerspitzengefühl. Sobald der Staat etwas fördert, will er es auch regeln. Kriterien, Nachweise, Kontrolle – und schon wird aus freiwilliger Arbeit ein bürokratisches Konstrukt. Gerade in Deutschland kennen wir diesen Reflex. Open Source lebt aber von Freiheit und Offenheit. Zu viel Regulierung würde zerstören, was es stark macht.

Der richtige Weg liegt in der Mitte: ein Staat, der Open Source ernst nimmt und fördert – und eine Gesellschaft, die aufhört, die Menschen dahinter zu übersehen.

Code schreibt sich nicht von selbst. Er entsteht durch Engagement, das niemand einfordert. Es wäre höchste Zeit, das endlich zu würdigen.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.