Die Lanz-Runde vom 4. Juni 2026 zeigte keine bloße Talkshow-Verstimmung, sondern eine tiefe demokratische Ermüdung. Zwischen schlechter Stimmung, AfD, Migration, Brandmauer und Vertrauensverlust wurde sichtbar, wie schwer es geworden ist, politische Wirklichkeit noch ehrlich zu beschreiben.
Wenn „Alles Scheiße“ mehr ist als ein Spruch
Juli Zeh hat es bei Markus Lanz in zwei Worte gepackt. Zwei Worte, die man nicht als politisches Programm missverstehen kann, die allerdings die Stimmung trifft. Manchmal liegt in einer groben Zuspitzung mehr Wahrheit als in zehn regierungsamtlichen Beruhigungsformeln.
Die Runde war keine leichte Unterhaltung. Vier kluge Köpfe – Juli Zeh, Albrecht von Lucke, Katja Hoyer und Harald Martenstein – saßen zusammen und sprachen über ein Land, das nicht am Abgrund steht, aber auch nicht gemütlich auf der Parkbank sitzt und Tauben füttert. Deutschland wirkt müde. Gereizt. Überfordert. Misstrauisch. Und das Gefährliche daran ist: Diese Stimmung lässt sich von niemandem mehr wegmoderieren.
Wer heute sagt, viele Menschen hätten das Gefühl, Politik lebe in einer anderen Welt, bedient nicht automatisch rechte Ressentiments. Er beschreibt zunächst einmal eine Erfahrung, die man ernst nehmen muss. Im Zug, im Supermarkt, im Wartezimmer, am Gartenzaun, in Kommentarspalten und Familienrunden: Überall flimmert dieses Gefühl, dass die Dinge nicht mehr richtig zusammenpassen. Preise, Mieten, Migration, Energie, Bürokratie, Schulen, Sicherheit, Infrastruktur, Krieg, Klima. Es ist, als würden zu viele Rechnungen gleichzeitig auf den Tisch gelegt, während die Politik noch darüber diskutiert, wer den Kellner ruft.
Das Problem ist nicht nur die Krise, sondern das Gefühl der Wirkungslosigkeit
Harald Martenstein sprach einen Punkt an, der wehtut, gerade weil er so einfach klingt: Demokratie lebt vom Versprechen, dass Wahlen etwas verändern können. Wenn Menschen wählen gehen, dann tun sie das nicht nur, um ein Ritual zu erfüllen. Sie wollen Richtung. Korrektur. Antwort. Manchmal auch Widerspruch gegen das, was vorher war.
Wenn aber nach einer Wahl das Gefühl entsteht, am Ende werde doch wieder derselbe Brei serviert, nur mit anderer Petersilie am Tellerrand, dann entsteht etwas sehr Gefährliches: politische Wirkungslosigkeit. Nicht als objektiver Befund, sondern als Empfindung. Und Empfindungen sind in Demokratien nicht nebensächlich. Sie sind der Boden, auf dem politische Entscheidungen wachsen.
Das ist besonders bitter für Friedrich Merz und die Union. Viele Wähler haben von ihnen eine deutliche Korrektur erwartet. Nicht zwingend Radikalität, aber erkennbare Veränderung. Wenn daraus vor allem Appelle gegen Pessimismus werden, klingt das schnell wie eine pädagogische Maßnahme. Die Bürger sollen sich bitte zusammenreißen, freundlicher gucken und nicht immer so schwarzmalen. Ja, schön. Aber wer friert, dem hilft kein Vortrag über die Vorzüge der Sonne.
Politik darf Zuversicht nicht nur verlangen. Sie muss sie begründen.
Albrecht von Lucke und die Angst vor der großen Selbstvergiftung
Albrecht von Lucke hatte in der Runde eine andere Aufgabe. Er war derjenige, der warnte: Vorsicht mit der Untergangserzählung. Vorsicht mit der Lust am großen Niedergang. Deutschland ist nicht Weimar. Deutschland liegt nicht in Trümmern. Die Institutionen funktionieren. Der Wohlstand ist weiterhin enorm, wenn auch ungleich verteilt und spürbar unter Druck. Die Demokratie ist belastet, aber nicht erledigt.
Das ist kein billiger Einwand. Es gibt in Deutschland tatsächlich eine merkwürdige Lust daran, das eigene Land schlechtzureden, bis selbst der letzte funktionierende Wasserkocher wie ein Symbol des Systemversagens wirkt. Dieses permanente „Alles kaputt“ ist nicht unschuldig. Es schafft ein Klima, in dem nur noch der Abriss attraktiv erscheint.
Aber genau hier liegt der Konflikt mit Juli Zeh. Denn wer die schlechte Stimmung sofort historisch relativiert, läuft Gefahr, sie nicht mehr richtig zu hören. Natürlich ist heute nicht 1932. Natürlich gibt es keine Massenarbeitslosigkeit wie damals, keine junge Republik ohne demokratische Tradition, keine paramilitärischen Straßenschlachten wie in der Weimarer Endphase. Aber daraus folgt nicht, dass alles halb so wild ist.
Die Frage lautet nicht: Ist Deutschland schon Weimar?
Die Frage lautet: Welche demokratischen Sicherungen rosten gerade unbemerkt vor sich hin?
Migration als heikelster Prüfstein der Ehrlichkeit
Wie heikel diese Debatte ist, zeigt sich besonders am Thema Migration. Kaum ein anderes Feld ist so vermint. Wer die Belastungen benennt, steht schnell unter Verdacht. Wer die humanitären Verpflichtungen betont, wird schnell als naiv abgestempelt. Und irgendwo dazwischen steht ein Land, das seit Jahren versucht, Moral, Recht, Verwaltung, Wohnungsmarkt, Schulen, Kommunalfinanzen und innere Sicherheit unter einen Hut zu bringen, der längst viel zu klein geworden ist.
Juli Zeh setzt dabei einen wichtigen Akzent. Für sie liegen die Gründe für die gesellschaftlichen Probleme nicht schlicht in den Kosten der Migration, schon gar nicht in einer simplen Saldo-Rechnung nach dem Motto: Was kostet uns das, was bringt uns das? Diese Rechnung wird ohnehin selten sauber geführt. Mal werden kurzfristige Ausgaben gegen langfristige Potenziale gerechnet, mal werden Integrationsprobleme ausgeblendet, mal wird Migration pauschal zur Ursache fast aller Missstände erklärt.
Zehs Punkt ist ein anderer: Die Debatte über Migration wird deshalb so explosiv, weil sie einen alten politischen Reflex bedient. Den Reflex, Schuld einfach und wirksam zu verteilen. Wenn Schulen überlastet sind, wenn Wohnungen fehlen, wenn Behörden nicht mehr hinterherkommen, wenn manche Stadtteile kippen, dann ist die Versuchung groß, ein sichtbares Symbol für die Überforderung zu finden. Migration wird dann zur Chiffre für alles, was ohnehin schiefläuft.
Das heißt nicht, dass Migration keine realen Probleme verursacht. Natürlich verursacht sie Probleme, wenn sie schlecht gesteuert, schlecht organisiert und schlecht erklärt wird. Natürlich sind Kommunen überfordert. Natürlich gibt es kulturelle Konflikte. Natürlich gibt es Kriminalität, Integrationsversagen, Parallelmilieus und eine berechtigte Frage danach, wie viel ein Land in welcher Geschwindigkeit verkraften kann.
Aber der entscheidende Punkt ist: Migration erklärt nicht alles. Und sie entschuldigt auch nicht das politische Versagen der letzten Jahrzehnte.
Wenn der Wohnungsbau verschleppt wurde, liegt das nicht allein an Geflüchteten. Wenn Schulen marode sind, hat das nicht erst 2015 begonnen. Wenn Behörden digital aussehen wie ein Faxgerät mit Burnout, ist das kein importiertes Problem. Wenn die Infrastruktur verfällt, wenn Pflegekräfte fehlen, wenn Kommunen finanziell ächzen, dann ist Migration ein Verstärker, aber nicht die Urquelle aller Dinge.
Genau diese Unterscheidung ist schwer. Und genau deshalb ist sie nötig.
Katja Hoyer und der Blick in den historischen Maschinenraum
Katja Hoyer brachte den historischen Resonanzraum in die Runde. Das ist wichtig, weil Geschichte in solchen Debatten schnell entweder überstrapaziert oder komplett verdrängt wird. Beides ist falsch.
Weimar ist keine Schablone, die man einfach auf die Gegenwart legt. Wer jeden AfD-Erfolg sofort mit 1933 gleichsetzt, stumpft die Warnung ab. Der Vergleich wird dann zur Sirene, die so oft heult, dass irgendwann niemand mehr aufsteht. Aber umgekehrt wäre es ebenso töricht, die Geschichte in den Museumskeller zu tragen und zu sagen: Das war damals, heute ist alles anders.
Geschichte wiederholt sich nicht als Fotokopie. Sie reimt sich eher schlecht gelaunt.
Interessant ist nicht die Frage, ob Deutschland wieder Weimar ist. Interessant ist, wie Demokratien Vertrauen verlieren. Selten geschieht das an einem einzigen Tag. Es geschieht durch Wiederholung. Durch Enttäuschung. Durch das Gefühl, dass Institutionen nicht mehr reagieren. Durch Parteien, die ihre Milieus verloren haben. Durch Medien, denen nicht mehr geglaubt wird. Durch Eliten, die belehren, wo sie erklären müssten. Durch Bürger, die sich irgendwann nicht mehr als Teil des Ganzen empfinden.
Dann wird Demokratie nicht sofort abgeschafft. Sie wird innerlich gekündigt.
Die Brandmauer und das Problem der Handlungsfähigkeit
Der Streit über die AfD und die Brandmauer war einer der härtesten Punkte der Runde. Albrecht von Lucke vertrat die klare Linie: Mit dieser AfD kann und darf es keine Normalisierung geben. Nicht, weil man Wähler ignorieren will, sondern weil diese Partei in wesentlichen Teilen eine Politik vertritt, die mit liberaler Demokratie nicht vereinbar ist.
Harald Martenstein reizte diese Position bewusst. Sein Gedanke: Solange die AfD nie Verantwortung tragen muss, bleibt sie für viele die letzte unenttäuschte Projektionsfläche. Alle anderen Parteien haben regiert und enttäuscht. Die AfD kann immer sagen: Wir durften ja nie. Das ist politisch clever, moralisch schmutzig und demokratisch gefährlich.
Hier sitzt ein echter Knoten. Denn beides stimmt in Teilen. Eine Zusammenarbeit mit der AfD würde sie weiter normalisieren. Aber eine dauerhafte Ausschließung kann ihren Opfermythos ebenfalls stärken. Das ist die bittere Ironie: Die Brandmauer ist notwendig, aber sie löst das Problem nicht. Sie verhindert nur den Einsturz an einer bestimmten Stelle. Das Haus selbst muss trotzdem saniert werden.
Demokratische Parteien können die AfD nicht allein dadurch kleinhalten, dass sie sie ausgrenzen. Sie müssen bessere Politik machen. Spürbar bessere Politik. Nicht nur kommunikativ. Real. In Schulen, Kommunen, Behörden, beim Wohnungsbau, bei Energiepreisen, bei Migration, bei Sicherheit, bei Arbeit und Aufstieg.
Sonst wird die Brandmauer irgendwann zur letzten Wand in einem Gebäude, aus dem die Bewohner längst ausgezogen sind.
Parteien ohne alte Heimat
Juli Zeh legte zudem den Finger auf eine alte Wunde: Das Parteiensystem bildet die gesellschaftliche Wirklichkeit immer schlechter ab. Die alten Milieus sind zerfallen. Die Arbeiter wählen nicht automatisch SPD. Die Katholiken nicht automatisch CDU. Die Liberalen sind nicht mehr selbstverständlich FDP. Die Grünen sind nicht nur Umweltpartei, sondern Projektionsfläche für Kulturkampf. Und die AfD sammelt Protest, Ressentiment, Enttäuschung, Abstiegsangst, Wut und teils knallharte rechte Überzeugung in einem gefährlichen Gemisch.
Das alte politische Koordinatensystem funktioniert noch auf dem Papier. Aber draußen, im wirklichen Leben, sind viele Linien verwischt. Menschen passen nicht mehr sauber in Parteischubladen. Sie sind wirtschaftlich konservativ, kulturell liberal, migrationskritisch, sozialstaatlich abhängig, klimabesorgt, medienmisstrauisch und europafreundlich zugleich. Viel Spaß beim Einsortieren.
Wenn Parteien darauf nur mit Slogans reagieren, reden sie an der Gesellschaft vorbei. Und wer an der Gesellschaft vorbeiredet, wird irgendwann nur noch von denen gehört, die ohnehin schon im Saal sitzen.
Der eigentliche Knackpunkt: Zuhören ohne Nachgeben
Diese Lanz-Runde war deshalb interessant, weil sie keine einfache Lösung anbot. Sie zeigte vielmehr, wie schwierig demokratische Selbstkorrektur geworden ist.
Schlechte Laune ist ein politisches Signal. Man darf sie nicht wegwischen. Aber man darf sie auch nicht zur Ausrede dafür machen, das eigene Haus anzuzünden.
Man muss Migration kritisch diskutieren, ohne Menschen zu Sündenböcken zu machen.
Man muss die AfD klar bekämpfen, ohne ihre Wähler pauschal aus der Demokratie hinauszuschreiben. Und ich gebe zu, dass mir gerade das nicht gelingt!
Man muss historische Warnungen aussprechen, ohne aus unserer Gegenwart sofort Weimar zu machen.
Man muss Zuversicht ermöglichen, ohne sie als Pflichtgefühl zu verordnen.
Das ist unbequem. Aber genau dort beginnt demokratische Politik. Nicht im warmen Bad der eigenen Gewissheiten, sondern dort, wo die Dinge widersprüchlich werden.
Nicht alles ist scheiße. Aber vieles riecht streng
Am Ende bleibt von dieser Runde mehr als Juli Zehs derber Satz. „Alles Scheiße“ war die Schlagzeile. Der Inhalt dahinter ist komplizierter. Deutschland ist kein gescheitertes Land. Aber es ist ein Land, das sich an vielen Stellen selbst nicht mehr glaubt.
Die Menschen hören Versprechen und erwarten inzwischen schon beim ersten Satz die Fußnote, warum es am Ende doch nicht klappt. Sie erleben Parteien, die Veränderung ankündigen und dann Verwaltung des Bestehenden liefern. Sie erleben Debatten, in denen Migration entweder verklärt oder verteufelt wird. Sie erleben eine AfD, die sich als Antwort verkauft, obwohl sie in Wahrheit viele Probleme nur in Hass, Trotz und nationale Pose übersetzt.
Und sie erleben eine politische Klasse, die oft so spricht, als müsse man die Wirklichkeit vor allem verständlicher erklären. Nein. Man muss sie verbessern.
Das ist der Kern dieser Lanz-Runde. Nicht alles ist verloren. Nicht alles ist kaputt. Nicht alles ist Weimar. Aber ein demokratisches Gemeinwesen kann auch daran Schaden nehmen, dass zu viele Menschen den Eindruck haben, es höre ihnen niemand mehr richtig zu.
Und dann reicht irgendwann kein Beschwichtigungswort mehr. Dann braucht es Politik, die wieder zeigt: Wir haben verstanden. Wir handeln. Nicht irgendwann. Jetzt.
