Grabpflege im Frühling: Zwischen Blütenfreude und leeren Stellen

6. Juni 2026

0 6 Min.

Wenn der Frühling sogar den Friedhof heller macht

Im Frühjahr freuen sich fast alle darüber, wie schön alles blüht. Jedenfalls möchte ich das glauben. Wer daran gar nichts mehr findet, muss sich schon ziemlich tief in den Frust eingegraben haben. Vielleicht ist er dann gedanklich bereits dort vorstellig geworden, wo man aus schlechter Laune eine politische Weltanschauung macht. Aber lassen wir das. Der Frühling kann nichts dafür.

Je nachdem, woran man glaubt oder wen man geliebt hat, spielt in dieser Zeit auch die Grabpflege eine besondere Rolle. Bei uns ist das jedenfalls so. Vor allem meine Frau investiert viel Zeit in unser Familiengrab. Sie tut das mit einer Mischung aus Pflichtgefühl, Zuneigung und einer Hartnäckigkeit, gegen die jedes Unkraut eigentlich sofort kapitulieren müsste.

Ich gebe zu: Diesen Ehrgeiz teile ich nicht in gleichem Maß. Ich sehe das Grab, ich sehe die Arbeit, ich sehe den Sinn. Aber ich sehe auch sehr deutlich die Gießkanne. Und die Hacke. Und die Erde unter den Fingernägeln. Meine Frau sieht dagegen vor allem die Menschen, die dort liegen. Und wenn sie sagt, dass unsere Angehörigen diese Aufmerksamkeit verdient haben, dann bleibt mir nicht viel mehr übrig, als innerlich strammzustehen und äußerlich nicht allzu faul zu wirken.

Der alte Friedhof und seine Lücken

Bei uns gibt es einen sogenannten Alten Friedhof. Eigentlich ist er schön, sofern man das über einen Friedhof so sagen darf. Er hat etwas Gewachsenes, etwas Ruhiges, etwas, das nicht nach Planungskatalog aussieht. Ein Ort, an dem die Zeit nicht rennt, sondern eher schlurft.

Geschützt vor dem Regen
Geschützt vor dem Regen

Mein Schwiegervater, der 1985 gestorben ist, war allerdings nie ein Freund von Friedhofsbesuchen. Wenn das Ansinnen aufkam, mal wieder bei Tante X oder Onkel Y vorbeizuschauen, lautete sein Kommentar: „Nein, da liege ich noch lange genug.“ Das war trocken, rheinisch, endgültig. Und vermutlich ehrlicher, als viele fromme Sätze es je sein könnten.

Auf unserem Alten Friedhof sind über die Jahre gewaltige Lücken entstanden. Gräber sind abgelaufen, wurden abgeräumt, zurückgegeben, eingeebnet. Wie man das eben so sagt. Manchmal klingt die Verwaltungssprache, als spräche sie über Parkplätze, nicht über Leben. Dabei entstehen dort Zwischenräume, die seltsam wirken. So viele freie Stellen, dass man fast meinen könnte, die Leute lebten ewig.

Wenn ein Grab verwildert

Unmittelbar neben unserem Familiengrab befindet sich ein überwuchertes Grab. Wir wissen, dass die Angehörigen der dort Bestatteten inzwischen selbst nicht mehr leben. Die Laufzeit des Grabes ist aber noch nicht abgelaufen. Schon diese Formulierung hat etwas Merkwürdiges. Als hätte auch Erinnerung ein Ablaufdatum, sauber eingetragen in einer Akte.

Weil sich das Unkraut von dort auf unser Grab ausbreitet, habe ich zweimal eine E-Mail an die Stadt geschrieben. Auf keine erhielt ich eine Antwort. Das ist ärgerlich, aber inzwischen fast schon eine eigene Form kommunaler Poesie: Man sendet etwas ab, und irgendwo zwischen Rathaus, Zuständigkeit und Posteingang verdunstet es lautlos.

Meine Frau war es nun leid. Sie fragte sich bis zum zuständigen Mitarbeiter durch. Der war sehr freundlich und versicherte, das Problem sei bekannt. Sollten sich die Angehörigen bis Ende Juni nicht melden, werde das Grab eingeebnet. Dann dürfte sich auch das Unkraut, das von dort aus immer wieder herüberwächst, erledigt haben.

Es gibt mir jedes Mal einen Stich, wenn ich verwaiste Gräber sehe. Da liegt nicht nur jemand. Da liegt auch eine Geschichte, zu der niemand mehr kommt. Kein frischer Blumenstrauß, kein stiller Gruß, kein Mensch, der noch weiß, ob dort jemand gelacht, geschimpft, gearbeitet, geliebt oder einfach nur durchgehalten hat.

Grabpflege ist auch Erinnerungspflege

Grabpflege ist mehr als ein ordentliches Beet. Sie ist eine Form der Erinnerung, die mit Händen geschieht. Man zupft, schneidet, pflanzt, gießt. Man beugt sich über Erde und Stein und hält dabei eine Verbindung aufrecht, die im Alltag sonst leicht verblasst.

Ich bin dabei gewiss nicht der Vorzeige-Friedhofsgärtner der Republik. Meine Frau schon eher. Sie ist in dieser Hinsicht gnadenlos. Nicht gegen mich, jedenfalls meistens nicht, sondern gegen Nachlässigkeit. Für sie gehört es sich, dass das Familiengrab ordentlich aussieht. Nicht protzig, nicht übertrieben, aber gepflegt. Es soll zeigen: Ihr seid nicht vergessen.

Dagegen lässt sich wenig sagen. Schon gar nicht mit dem Argument, man sei eigentlich lieber zu Hause geblieben. Wer das anführt, steht schnell mit leeren Händen da. Oder mit der Gießkanne. Was in diesem Fall fast schlimmer ist.

Auch Friedhöfe spüren die Mangelverwaltung

Was wir aber ebenfalls sehen: Friedhöfe verändern sich. Und sie leiden, wie so vieles, unter Mangelverwaltung. Die Stadt tut, was sie kann. Aber im Stadtgebiet gibt es nicht nur diesen einen Friedhof, sondern mehrere. Dazu kommen Parks, Grünflächen, Wege, Bäume, Beete und all die Orte, an denen das Grün wächst, als hätte es einen eigenen Haushaltsplan.

Nach den vielen Regentagen der letzten Zeit sehen manche Gräber ziemlich mitgenommen aus. Die Bepflanzungen sind ramponiert, die Erde ist schwer, manches hängt schief oder sieht aus, als hätte es sich beleidigt zurückgezogen. Auch unsere Balkonbepflanzung hat gelitten. Nicht alles ist ordentlich überdacht.

Ein bisschen Sonne dürfte also wieder sein. Wobei man sich das angesichts der großen Zusammenhänge kaum noch zu sagen traut. Kaum wünscht man sich zwei freundliche Tage, steht innerlich schon der Klimawandel im Türrahmen und räuspert sich.

Zwischen Blüten und Vergänglichkeit

Vielleicht ist gerade das der Grund, warum Friedhöfe im Frühling so eigenartig berühren. Alles – auch das Unkraut – blüht, alles wächst, alles drängt ins Licht. Und mittendrin stehen Namen, Daten, Steine, Lücken. Der Frühling tut so, als ginge alles immer weiter. Der Friedhof erinnert daran, dass das nicht stimmt. Oder nur anders, als wir es gern hätten.

Die Grabpflege ist dann ein kleiner Widerspruch gegen das Verschwinden. Keine große Geste. Kein Pathos. Eher ein stiller Handgriff, ein neu gepflanztes Blümchen, ein geordnetes Beet, ein kurzer Blick auf den Stein. Vielleicht reicht das. Vielleicht ist Erinnerung manchmal genau das: nicht vergessen, obwohl der Alltag dauernd etwas anderes verlangt.

Und wenn meine Frau demnächst wieder sagt, dass wir noch einmal nach dem Grab sehen müssen, werde ich vermutlich nicht jubeln. Aber ich werde mitgehen. Schon wegen der Angehörigen. Und wegen ihr. Und weil sogar ein alter Friedhof im Frühling ein Ort sein kann, an dem man dem Leben näherkommt, als man vorher gedacht hätte.

Als die Romantik an der Arbeitsmoral scheiterte

6. Juni 2026

0 6 Min.

Bei Henning las ich gerade, dass er seit sieben Jahren verheiratet ist. Da wünschen wir ihm und seiner Frau natürlich von Herzen, dass dieses Jahr Glück, Segen und viele schöne gemeinsame Momente bringt — und dass es keineswegs zum berühmten „verflixten siebten Jahr“ wird. Wobei: Wer glaubt heute schon noch an solche Sprüche? Und doch haben sie sich ja irgendwie in unsere Köpfe geschlichen wie alte Familienweisheiten, die man belächelt und trotzdem nicht ganz vergisst.

An unseren siebten Hochzeitstag erinnere ich mich zugegebenermaßen nicht mehr. An den zehnten dafür umso besser. Der hatte nämlich alles, was eine gelungene Überraschung braucht: gute Vorbereitung, einen pünktlich gelieferten Blumenstrauß, sonniges Wetter und einen Ehemann, der sich für einen ziemlich gewitzten Planer hielt. Unser Ausflug zum zehnten Hochzeitstag hätte also ein rundum schöner Tag werden können. Hätte.

Horst und Irmgard seitlich 1
Horst und Irmgard 1976

Zwei Wochen vorher hatte ich Irmgards Chef angerufen und aus gegebenem Anlass einen Urlaubstag für sie „beantragt“. Er fand die Idee sympathisch und sagte sofort zu. Ich wollte meine Frau überraschen und war ziemlich sicher, dass sie sich freuen würde. Romantik mit organisatorischem Vorlauf, sozusagen.

Der Morgen des 4. Juni 1986 zeigte sich dann tatsächlich von seiner besten Seite. Die Sonne schien, der Blumenstrauß kam pünktlich um 8 Uhr, alles war bereit. Als ich meiner Frau schließlich mit den Blumen in der Hand eröffnete, dass sie heute nicht zur Arbeit müsse und wir uns stattdessen einen schönen Tag in der Eifel machen würden, war sie auch wirklich gerührt.

Allerdings nur für einen kurzen Moment.

Dann kam das, was ich eigentlich hätte ahnen können: ihr unerschütterliches Pflichtgefühl. „Nein“, sagte sie entschieden, „ich kann nicht zu Hause bleiben. Mein Chef hat das Gespräch mit dir bestimmt längst vergessen. Ich kann doch nicht einfach einen Tag Urlaub machen!“

Tja, Horst. Da weißt du Bescheid.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und wir haben uns, sagen wir es so, noch deutlich besser kennengelernt. Manches lernt man eben nicht in den ersten Ehejahren, sondern erst dann, wenn Blumenstrauß, Sonne und Eifel gegen Pflichtbewusstsein antreten. Und manchmal gewinnt dann eben nicht die Romantik, sondern der Anstand. Auch das ist Liebe — nur in einer etwas rheinisch-praktischen Variante.

Land und Demokratie am Abgrund – Wer rettet uns?

5. Juni 2026

0 6 Min.

Die Lanz-Runde vom 4. Juni 2026 zeigte keine bloße Talkshow-Verstimmung, sondern eine tiefe demokratische Ermüdung. Zwischen schlechter Stimmung, AfD, Migration, Brandmauer und Vertrauensverlust wurde sichtbar, wie schwer es geworden ist, politische Wirklichkeit noch ehrlich zu beschreiben.

Wenn „Alles Scheiße“ mehr ist als ein Spruch

Juli Zeh hat es bei Markus Lanz in zwei Worte gepackt. Zwei Worte, die man nicht als politisches Programm missverstehen kann, die allerdings die Stimmung trifft. Manchmal liegt in einer groben Zuspitzung mehr Wahrheit als in zehn regierungsamtlichen Beruhigungsformeln.

Die Runde war keine leichte Unterhaltung. Vier kluge Köpfe – Juli Zeh, Albrecht von Lucke, Katja Hoyer und Harald Martenstein – saßen zusammen und sprachen über ein Land, das nicht am Abgrund steht, aber auch nicht gemütlich auf der Parkbank sitzt und Tauben füttert. Deutschland wirkt müde. Gereizt. Überfordert. Misstrauisch. Und das Gefährliche daran ist: Diese Stimmung lässt sich von niemandem mehr wegmoderieren.

Wer heute sagt, viele Menschen hätten das Gefühl, Politik lebe in einer anderen Welt, bedient nicht automatisch rechte Ressentiments. Er beschreibt zunächst einmal eine Erfahrung, die man ernst nehmen muss. Im Zug, im Supermarkt, im Wartezimmer, am Gartenzaun, in Kommentarspalten und Familienrunden: Überall flimmert dieses Gefühl, dass die Dinge nicht mehr richtig zusammenpassen. Preise, Mieten, Migration, Energie, Bürokratie, Schulen, Sicherheit, Infrastruktur, Krieg, Klima. Es ist, als würden zu viele Rechnungen gleichzeitig auf den Tisch gelegt, während die Politik noch darüber diskutiert, wer den Kellner ruft.

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Too much information

4. Juni 2026

0 6 Min.

Da bekommt man den lieben langen Tag „Informationen“ (too much!) über die USA und Trump und jedenfalls ich frage mich, wieso da weiter nichts passiert. Alle warten auf die sogenannten Midterms aber was gegen den Orangenen allein von Rechts wegen passieren wird, erfährt man nicht. Scheinbar sind die Amis zwar nicht mehr so zufrieden, Konsequenzen gibt’s bisher nicht.

Bei der Mehrzahl der Weißen ohne Hochschulabschluss hat sich inzwischen durchgesetzt, dass Trump nicht der Messias ist. Immerhin, lang genug hats gedauert. Aber so sind sie eben: die alten, weißen Männer (ohne akademische Grade).

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Wenn Frust zur politischen Dummheit wird

4. Juni 2026

0 6 Min.

Sagen, was ist. Wer hat dieses Bonmot von Rudolf Augstein (oder wars Rosa Luxemburg?) nicht schon alles für sich und seine Sicht auf die Medien in unserem Land aus unterschiedlichen, nicht nur guten Absichten, beansprucht? Es wirkt wie die implizite Forderung nach Wahrheit. Springer-Leute operieren auch gern damit. Was viel über den Wert solcher Formeln aussagt. Sie können leicht von den Falschen für ihre Ziele beansprucht werden.

Die Welt meldet heute mit dem in solchen Dingen üblichen Drive das Ergebnis einer neuen repräsentativen Umfrage, die im Auftrag der ARD-Tagesthemen und Springer erstellt wurde.

Zusammenfassend darf man feststellen: Die Leute finden den Ausschluss von AfD und Linkspartei (genannt „Brandmauer“) deutschlandweit nicht wirklich knorke.

„Die Zustimmung zum Ausschluss bröckelte im gleichen Zeitraum um 13 Prozentpunkte und beträgt ebenfalls 47 Prozent.“, sagt Welt und belegt das mit den Daten dieser neuen Umfrage. Der Osten Deutschlands zeige sich, so Welt, beweglicher. Auf die Formulierung muss man kommen.

Es ist bedauerlich, dass die jämmerliche Leistung der amtierenden Bundesregierung diese Auswirkungen hat.

Die lapidare Dumpfbackenhaltung so vieler Bürgerinnen und Bürger kann nur eine Folge dieses allseits beschimpften deutschen Bildungssystems sein. All diese Frustfresser, denen offenbar nichts anderes einfällt, als sich freiwillig den rechtsextremen, nationalistischen Allesversprechern auszuliefern, verschaffen sich Gehör und erkennen offensichtlich nicht im Ansatz die Gefahren ihres ja auch so demokratischen Denkens.

Manchmal (in guten Stunden) erinnert mich die Lage an eine sehr alte Werbung mit Thomas Gottschalk für McDonald’s. Alle gehen hin, nur keiner möchte es zugeben. Ich denke mal optimistisch. Am Ende, wenn es drauf ankommt, ist ja doch vielleicht alles ganz anders. Andernfalls dürfte meine wachsende Misanthropie wohl noch zunehmen.

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