Die Erinnerung soll auf den Friedhof – ausgerechnet in Heidenau – keine zusätzlichen Stolpersteine mehr …

Heidenau will keine neuen Stolpersteine mehr. CDU, AfD und Bürgerinitiative schicken das Gedenken lieber auf den Friedhof. Dabei besteht die geniale Idee der Stolpersteine gerade darin, dass Erinnerung dort auftaucht, wo Menschen gelebt haben – mitten unter uns.

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Manchmal verrät ein politischer Beschluss mehr über den Zustand einer Gesellschaft als hundert Sonntagsreden über Demokratie und Verantwortung.

Heidenau in Sachsen hat so einen Beschluss gefasst.

Der Stadtrat hat mit 13 gegen sechs Stimmen bei einer Enthaltung entschieden, dass künftig keine weiteren Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich verlegt werden sollen. Der Antrag kam von Stadträten aus AfD, CDU und der Bürgerinitiative Oberelbe für mehr Demokratie. Die fünf bereits vorhandenen Stolpersteine bleiben liegen. Immerhin. Die Stadtverwaltung hatte empfohlen, den Antrag abzulehnen. Sie konnte sich nicht durchsetzen.

Bloß weg mit der Erinnerung aus dem Alltag

Die Begründung hat es in sich. Viele Bürger, Angehörige und Initiativen würden es als unangemessen empfinden, dass die Namen der Verfolgten im Boden liegen und betreten werden könnten. Belastbare Zahlen für dieses behauptete „viele“ habe ich nicht gefunden. Stattdessen soll vorzugsweise auf dem Nordfriedhof ein zentraler Gedenkort entstehen. (mdr.de)

Das klingt beinahe fürsorglich. Würdiges Gedenken. Niemand tritt auf Namen herum. Alles ordentlich an einem dafür vorgesehenen Ort.

Nur: Genau damit zerstört man den Kern der Idee.

Ein Friedhof ist ein Ort, den ich bewusst aufsuche. An einem Stolperstein komme ich vorbei, obwohl ich vielleicht gerade überhaupt keine Lust auf deutsche Geschichte habe. Ich gehe zum Bäcker, zum Arzt oder zum Parkplatz – und plötzlich liegt dort ein Name.

Hier wohnte ein Mensch. Hier lebte er. Von hier wurde er abgeholt. Und irgendwann war er weg. Genau diese Zumutung ist der Sinn des Stolpersteins.

Das Erinnern wird aus den Museen, Gedenkstätten und Sonntagsreden herausgeholt und dorthin zurückgebracht, wo die Menschen lebten, bevor ihre Nachbarn sie nicht mehr sehen wollten, bevor sie entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet wurden.

Man stolpert nicht mit den Füßen. Man stolpert mit dem Kopf.

Eine der genialsten Ideen deutscher Erinnerungskultur

Mehr als 100.000 dieser kleinen Messingplatten liegen inzwischen in Europa. Das Projekt des Künstlers Gunter Demnig gilt als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Begonnen hat es ausgerechnet bei uns in Nordrhein-Westfalen: 1992 verlegte Demnig den ersten Stein vor dem Kölner Rathaus.

Natürlich darf man Stolpersteine kritisieren. Charlotte Knobloch etwa lehnt sie seit langem ab, weil sie es unwürdig findet, dass Menschen auf den Namen Ermordeter herumtreten. Das ist ein Argument, das man ernst nehmen muss. Andere jüdische Vertreter, darunter Zentralratspräsident Josef Schuster, unterstützen das Projekt.

Aber in Heidenau bekommt die Sache eine zusätzliche politische Dimension. Denn hier haben AfD und CDU gemeinsam einen Grundsatzbeschluss durchgesetzt, der das weitere dezentrale Erinnern im Straßenraum beendet.

Das Internationale Auschwitz Komitee reagierte entsprechend scharf. Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner sprach von einem Versuch, die Heidenauer Opfer der Nazis erneut „aus der Stadt“ zu werfen, und kritisierte ausdrücklich, dass CDU-Abgeordnete dabei mit der AfD stimmten.

Höckes 180 Grad

Man muss dabei nicht so tun, als hätte Björn Höcke persönlich den Heidenauer Stadträten den Antrag diktiert. Dafür gibt es keinen Beleg.

Aber man darf sich daran erinnern, was dieser Mann bereits 2017 in Dresden verlangte: eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. In derselben Rede bezeichnete er das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“.

Fast zehn Jahre später sollte man wenigstens darüber nachdenken, ob solche Sätze wirklich folgenlos geblieben sind.

Ich habe hier schon über Höckes erstaunliche Normalisierung geschrieben. Vielleicht liegt darin das eigentlich Beunruhigende. Die Verschiebung geschieht nicht unbedingt mit Gebrüll und Springerstiefeln. Sie kommt als Antrag, als Abstimmung, als scheinbar vernünftige Abwägung daher.

Niemand schafft die Erinnerung ab. Man möchte sie bloß etwas anders organisieren. Etwas zentraler. Etwas würdiger. Und vor allem etwas weiter weg.

In Bedburg machen wir es anders

Vielleicht trifft mich die Geschichte auch deshalb so, weil ich aus Bedburg komme.

Hier gehören Stolpersteine inzwischen zu unserer eigenen Stadtgeschichte. Als 2025 die Steine für Mathias und Luise Höflich gestohlen wurden, blieben nicht einfach zwei Löcher im Bürgersteig zurück. Die Steine wurden ersetzt. Das Silverberg-Gymnasium hat Patenschaften übernommen und kümmert sich um sie. Schüler beschäftigen sich mit den Menschen, deren Namen auf diesen kleinen Messingplatten stehen.

Schon 2020 wurden die Bedburger Stolpersteine gemeinsam von Stadt, Geschichtsverein, Politik und Bürgern gereinigt und poliert. Solche Aktionen zeigen ziemlich gut, was Erinnerungskultur sein kann: keine staatlich verordnete Trauerübung, sondern etwas, das Menschen miteinander tun.

Darüber habe ich auch in meinem Beitrag „Nicht vergessen. Erinnern und anders machen“ geschrieben. Der Bedburger Filmemacher Matthias Sandmann hat darin die Geschichten jüdischer Menschen unserer Stadt dokumentiert. Plötzlich sind das nicht mehr „die Opfer des Nationalsozialismus“. Es sind Menschen aus der Lindenstraße, der Hundsgasse und anderen Straßen, durch die wir heute gehen.

Genau das leisten Stolpersteine. Sie geben den Ermordeten wenigstens ihre Namen und ihren Platz in unserer Nachbarschaft zurück.

Das Wort „stören“ trifft den Kern

Vielleicht liegt in der ganzen Debatte sogar ein unfreiwilliges Eingeständnis. Stolpersteine stören. Ja. Hoffentlich. Sie sollen stören.

Sie sollen den schönen, bequemen Alltag für ein paar Sekunden unterbrechen. Sie sollen verhindern, dass aus sechs Millionen ermordeten Juden eine historische Zahl wird, die man auswendig gelernt hat und anschließend wieder vergisst.

Ich habe erst kürzlich in „Ahmad Mansours deutscher Traum – und was aus ihm geworden ist“ darüber geschrieben, was unsere viel beschworene Erinnerungskultur eigentlich noch wert ist. Wir sagen „Nie wieder“, während jüdische Einrichtungen bewacht werden müssen und jüdische Menschen darüber nachdenken, ob Deutschland noch ihre Heimat sein kann.

Und nun soll in Heidenau das Gedenken ausgerechnet aus dem alltäglichen Straßenbild verschwinden und vorzugsweise auf einen Friedhof wandern.

Dort stört es nicht. Dort begegnet ihm nur, wer hingeht. Der Stolperstein funktioniert genau umgekehrt. Er wartet nicht darauf, dass wir uns für Geschichte interessieren. Er liegt einfach da.

Zehn mal zehn Zentimeter Messing gegen das Vergessen. Und manchmal sind offenbar schon zehn Zentimeter zu viel. Jedenfalls für manche Ossis. Ich musste mich sehr bremsen, um nicht wirklich ausfallend zu werden gegen solche einzigartig gemeinen und verachtenswerten Vorgänge, die schließlich von Menschen initiiert werden.

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