Diesen Link schen­ke ich euch nicht

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Immer wie­der erwi­sche ich mich bei der­sel­ben klei­nen „Gewissensfrage”: Verlinke ich die­ses Video, jenen Blogbeitrag – oder las­se ich es bleiben?

Bei Dingen, die mir gefal­len, ist die Sache schnell erle­digt. Link rein, fer­tig. Interessanter wird es, wenn mir der Inhalt fun­da­men­tal gegen den Strich geht. Ein „rech­tes Video” bei­spiels­wei­se. Einer die­ser Beiträge, bei denen der Klimawandel wun­der­sa­mer­wei­se immer dann ver­schwin­det, wenn gera­de irgend­wo Schnee fällt. Oder ein Text, bei dem ich nach drei Absätzen bereits das Bedürfnis ver­spü­re, dem Autor einen län­ge­ren Spaziergang an der fri­schen Luft zu empfehlen.

Dann wird es plötz­lich schwie­rig mit der groß­zü­gi­gen Verlinkung.

Und meis­tens las­se ich sie bleiben.

Denen auch noch Reichweite schenken?

Die Begründung dafür ist schnell gefun­den. Warum soll­te ich Leuten zusätz­li­che Reichweite ver­schaf­fen, deren Ansichten ich für falsch, manch­mal sogar für ziem­lich übel halte?

Klingt ver­nünf­tig. Jedenfalls so lan­ge, bis man die Sache umdreht.

Denn natür­lich machen die ande­ren genau das­sel­be. Wer sich über­wie­gend in rech­ten Medienwelten bewegt, wird kaum begeis­tert einen Beitrag ver­lin­ken, der die Klimapolitik der Grünen über­zeu­gend ver­tei­digt. Wer jeden Morgen mit der Gewissheit auf­steht, dass die öffent­lich-recht­li­chen Medien ihn belü­gen, wird ver­mut­lich nicht aus­ge­rech­net einen aus­ge­zeich­net recher­chier­ten Beitrag der ARD empfehlen.

So hat jeder sei­ne „guten” Gründe. Und am Ende sieht kei­ner mehr, was auf der ande­ren Straßenseite passiert.

Eine ziem­lich prak­ti­sche Übereinkunft

Das Interessante dar­an ist, dass wir dar­über kaum reden. Verständlicherweise. Man müss­te näm­lich ein­räu­men, dass die eige­ne Auswahl kei­nes­wegs so neu­tral ist, wie man sich das viel­leicht gern einredet.

Ich mache das schließ­lich selbst.

Nach über zwei Jahrzehnten Bloggerei weiß ich ziem­lich genau, wel­che Quellen ich gern ver­lin­ke und bei wel­chen sich mei­ne Finger sträu­ben. Das ist kei­ne redak­tio­nel­le Verschwörung. Niemand schickt mor­gens eine Rundmail mit der Anweisung: „Bitte heu­te kei­ne Links zur Gegenseite.“

Es funk­tio­niert viel einfacher.

Man macht es ein­fach nicht.

Was gefällt, darf mit

Damit ver­än­dert sich aller­dings etwas. Verlinkt wird irgend­wann nicht mehr unbe­dingt das, was für eine Debatte inter­es­sant oder rele­vant wäre. Sichtbar wird vor allem das, was zur eige­nen Sicht auf die Dinge passt.

Das gilt für Linke, Rechte, Liberale, Konservative und ver­mut­lich sogar für Menschen, die fel­sen­fest davon über­zeugt sind, kei­ner die­ser Gruppen anzugehören.

Das Internet hat dafür ein wun­der­ba­res Geschäftsmodell ent­wi­ckelt. Wir wäh­len ohne­hin bevor­zugt das aus, was uns inter­es­siert und bestä­tigt, und die Algorithmen sagen: Wunderbar, davon haben wir noch viel mehr.

Schon sitzt man in einem Informationsrestaurant, in dem der Kellner nur noch das ser­viert, was man beim letz­ten Mal bestellt hat.

Und irgend­wann hält man die Speisekarte für die Welt.

Man muss ja nicht gleich Fan werden

Natürlich folgt dar­aus nicht, dass ich künf­tig jedes AfD-Video oder jeden Klimaleugner ver­lin­ken müss­te, der mir über den Bildschirm läuft. Dazu ist das Leben wirk­lich zu kurz.

Aber viel­leicht soll­te die ent­schei­den­de Frage gele­gent­lich eine ande­re sein.

Nicht: Gefällt mir das?

Sondern: Ist es für das Thema wichtig?

Wenn ich mich bei­spiels­wei­se mit einer bestimm­ten poli­ti­schen Argumentation beschäf­ti­ge, kann es durch­aus sinn­voll sein, die Quelle zu ver­lin­ken, an der die­se Argumentation beson­ders deut­lich wird. Meine Leser wer­den dadurch schließ­lich nicht augen­blick­lich bekehrt. Und falls doch, hät­te mein Vertrauen in mei­ne eige­nen Argumente ohne­hin auf ziem­lich wack­li­gen Beinen gestanden.

Ein Link ist schließ­lich kei­ne Liebeserklärung.

Die Landkarten wer­den kleiner

Problematisch wird unse­re klei­ne Auswahlroutine erst in der Summe. Wenn jeder nur noch sicht­bar macht, was die eige­ne Gruppe ohne­hin für rich­tig hält, ent­ste­hen unter­schied­li­che Landkarten der­sel­ben Gesellschaft.

Auf mei­ner ste­hen bestimm­te Medien, Autoren und Themen. Auf einer ande­ren völ­lig ande­re. Irgendwann wun­dern wir uns gegen­sei­tig dar­über, wie der jeweils ande­re über­haupt zu sei­nen ver­rück­ten Ansichten kom­men konnte.

Dabei ken­nen wir schlicht sei­ne Informationswelt nicht mehr.

Vielleicht soll­te ich des­halb hin und wie­der über mei­nen eige­nen Schatten sprin­gen und einen Link set­zen, bei dem es mich ein biss­chen in den Fingern juckt, ihn lie­ber wegzulassen.

Nicht weil ich den Inhalt plötz­lich gut finde.

Sondern weil ich über ihn rede.

Und wenn ich schon über etwas rede, darf der Leser ruhig sehen, wor­über eigentlich.

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